Tatjana und die Zauberflöte

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Tatjana und die Zauberflöte

Von Annette Freitag, 04.12.2014

Das Zürcher Opernhaus bringt eine Neu-Inszenierung der beliebtesten Oper auf die Bühne: Mozarts Zauberflöte.

Sie ist umwerfend, wenn sie strahlend, mit fliegender Mähne in die Garderobe gestürmt kommt. Von Müdigkeit keine Spur. Hinter ihr liegt eine der letzten Proben zur Zauberflöte im Zürcher Opernhaus. Kein Zweifel: Tatjana Gürbaca ist ein Energiebündel.

Tatjana Gürbaca, © Opernhaus Zürich
Tatjana Gürbaca, © Opernhaus Zürich

Letztes Jahr haben Opernkritiker sie zur «Regisseurin des Jahres» gekürt, denn Tatjana Gürbacas Inszenierungen an den verschiedensten Opernhäusern haben für Aufsehen gesorgt. Ihr Blick auf bekannte Werke hat diese in neuem Licht erstrahlen lassen – bei der Inszenierung von Wagners Parsifal an der Vlaamse Opera in Antwerpen etwa oder auch bei Rigoletto in Zürich.

Opernhaus Zürich        

Die Zauberflöte

von W. A. Mozart

Musikalische Leitung: Cornelius Meister

Inszenierung: Tatjana Gürbaca

Orchestra La Scintilla

mit  Mauro Peter (Tamino), Christof Fischesser (Sarastro), Mari Eriksmoen (Pamina), Sen Guo (Königin der Nacht), Ruben Drole (Papageno), Deanna Breiwick (Papagena)

Premiere: 7. Dezember

Und nun also die Zauberflöte, die meistgespielte Oper überhaupt. Jahr für Jahr steht sie an der Spitze der Aufführungsstatistik. Der Vogelhändler Papageno, die Königin der Nacht, Tamino und seine Pamina: alles Figuren, die auch jenen ein Begriff sind, die es sonst nicht so mit der Oper haben. Ist das nicht geradezu tollkühn, wenn man sich auf eine weitere der bereits jetzt unzähligen Inszenierungen einlässt? Tatjana Gürbaca lacht herzlich – und das wird sie im Laufe des Gesprächs immer wieder tun – und bestätigt: «Ja natürlich! Es macht einem auch Angst, wenn man das Angebot bekommt! Ich habe nach Luft geschnappt… aber das geht mir oft so bei neuen Stücken.»

Komödie und Tragödie

Wobei, so neu ist die Zauberflöte ja nun auch wieder nicht. Im Gegenteil, fast schon abgedroschen kann sie einem erscheinen. «Ja, das denkt man zuerst… ich selbst habe auch bereits fast dreissig verschiedene Inszenierungen gesehen.» Dann hat sie sich aber zuhause die Noten gründlich vorgenommen und viel Neues entdeckt. «Mozart ist so reich, und man kann das Stück auf ganz verschiedene Arten auffassen.

Komödie und Tragödie liegen so dicht beieinander», schwärmt sie. Es liege an einem selbst, ob man das Leichte hören will oder ob man in die Tiefe geht und andere Farben entdeckt. Sie selbst findet, beides gehöre hinein. «Neben der Fröhlichkeit geht es in der Zauberflöte um die ganz wichtigen Fragen», betont sie dann. «Es dreht sich immer um die Frage: Was ist ein Mensch? Papageno sagt: Ich bin ein Mensch. Später sagt Sarastro, er sei Prinz, vor allem aber Mensch. Wir sehen lauter Figuren, die getrieben sind, die auf der Flucht sind. Die Pamina wird entführt und mehrfach fast vergewaltigt. Es ist ein Stück, in dem über sechzig Mal die Worte Tod und Sterben vorkommen. Also ich finde, es geht schon darum, wie wir in die Welt geworfen wurden und was wir mit unserer Existenz anfangen.»

Aber es gehe auch um die ursprünglichsten Triebe, nämlich dass man zunächst einmal von Essen und Trinken lebt. «Und es geht um die grossen Sehnsüchte», sagt sie, «also dass man sich mit jemandem vereinigen will und einen Partner sucht. Und schliesslich geht es darum, dass man sich als Mensch auch zu Höherem berufen fühlt und Weisheit erlangen will.»

Jetzt sitzt sie in der leeren Garderobe im Opernhaus, und man spürt, sie ist mit vollem Einsatz dabei in dieser Neu-Produktion der Zauberflöte. Vierzig Jahre ist sie jetzt alt, und zu Beginn hatte nur wenig darauf hingedeutet, dass sie einmal Regisseurin werden würde. «Mein Vater kam aus der Türkei und hat in Berlin einen Chor für klassisch-türkische Musik gegründet», erzählt sie. Die Mutter spielt mehrere Instrumente, eine Tante ist Sängerin, ein Onkel Zauberer. Also durchaus eine künstlerisch animierte Familie.

«Aber ich hatte keine Beziehung zum Theater.» Immerhin, sie nahm Ballettunterricht, lernte verschiedene Instrumente und wurde Statistin an der deutschen Oper in Berlin. Dann ging es so richtig los. Tatjana Gürbaca studierte Opernregie und landete gleich zu Beginn als Regisseurin in Graz, wo man ihr sofort Turandot anbot, eine grosse Kiste, bei der sie gleich alle Register ziehen konnte. Das war 2001. Seither hat sie über dreissig Operninszenierungen gemacht und ist «Regisseurin des Jahres» geworden.

Jetzt liegt die Latte hoch

«Ja natürlich, das freut einen sehr», sagt sie, denn immerhin ist es ja eine Bestätigung dafür, dass sie vieles richtig gemacht hat. «Es ist aber auch so, dass man schnell in eine Schublade wandert. Seit Parsifal wird mir viel Wagner angeboten, aber ich kann doch auch anderes…! Und ich muss sagen, in dem Jahr, in dem ich diesen Titel hatte, habe ich mich auch ein bisschen unter Druck gefühlt. Man denkt, jetzt liegt die Latte hoch, jetzt muss ich auch zeigen, dass ich’s kann, und wenn man dann vielleicht nicht die Stücke hat, mit denen man es beweisen kann, ist es schwierig.»  Aber geschafft hat sie es. Heute gehört sie zu den Gefragtesten ihres Metiers.

Tatjana Gürbaca, © Opernhaus Zürich
Tatjana Gürbaca, © Opernhaus Zürich

«Meine Erfahrung ist, dass nicht immer die besten Arbeiten an den grössten Häusern entstehen», kann sie heute sagen. «Gutes Theater entsteht, wenn man Vertrauen zueinander hat. Für mich ist das Opernhaus Zürich zur zweiten Heimat geworden. Ich finde, Andreas Homoki ist ein grossartiger Intendant. Er sitzt viel auf den Proben, man kann mit ihm reden, und er sagt Dinge, die ich gern annehme. Man weiss, man ist gut aufgehoben, und das Leitungsteam brennt für die Kunst und wird alles dafür tun, dass man in einem angstfreien Raum arbeiten kann und optimale Arbeitsbedingungen vorfindet.»

Was aber, wenn man im Team Sänger hat, die nur mit wenig Schauspieltalent gesegnet sind? Tatjana Gürbaca lacht. Man merkt, sie kennt diese Situation, aber sie relativiert auch gleich: «Ohne Talent ist nicht so schlimm. Ohne Lust ist schlimmer. Die Arbeit mit Sängern gestaltet sich sehr unterschiedlich», meint sie. «Ich würde sagen, so unterschiedlich wie unser Umgang im Alltag mit den verschiedensten Personen.» Ihr sei es wichtig, sich auf alle Sänger einzulassen. Auf die Sängerinnen natürlich auch, das verstehe sich von selbst. 

Mut und Kraft und Liebe

«Abend für Abend stehen sie auf der Bühne, mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit ihrer Stimme, ihrer ganzen Darstellungskraft und ihrem Körper. Mit allem, was sie sind und haben, stellen sie sich hin und treten live vor einem Publikum auf. Ich finde, das erfordert unglaublich viel Mut und Kraft. Deshalb gehört ihnen mein ganzes Verständnis und meine Liebe, und eigentlich habe ich ständig das Bedürfnis, diese kostbaren, seltenen Wesen zu beschützen und ihnen einen Raum zu bieten, der ihnen erlaubt, ihr ganzes Können zu entfalten, und zwar auf allen Ebenen. Ich meine da nicht nur die Stimme, sondern ihre Ausstrahlung und die Fähigkeit, ihre Emotionalität mit uns zu teilen.»

Zuhause ist sie eigentlich in Berlin, in Wirklichkeit ist sie aber jetzt fast immer unterwegs. Vor allem im Zug. Bis vor kurzem war sie aber noch Operndirektorin in Mainz. «Ich habe die Zeit in  Mainz schon sehr genossen», sagt sie rückblickend. «Ich glaube an so etwas wie eine Theaterfamilie oder besser noch: eine Bande, mit der man voller Entdeckerlust gemeinsam gegen den Rest der Welt etwas ausheckt. Ich bin dankbar, dass es Häuser gibt wie hier in Zürich, die eine Art Heimat bieten, auch wenn man jedes Mal wieder mit anderen Künstlern arbeitet.»

Der schönste Widerspruch

Oper ist teuer und muss ihren Preis immer wieder rechtfertigen. Der Betrieb ist personalintensiv, die Architektur der Opernhäuser weitläufig. «Vielleicht macht das aber gerade auch den Reiz aus, dass die Oper so viele Ebenen hat und sozusagen in barocker Opulenz daherkommt», sagt sie. «Für mich ist Oper der schönste Widerspruch dagegen, dass wir immer mehr zu eindimensionalen Konsumenten gemacht werden sollen. Auch als Zuschauer sind wir in der Oper mit allem gefordert. Mit unserer ganzen Emotionalität und der Möglichkeit, uns berühren zu lassen, aber auch mit unserem Kopf mitzudenken, und beides miteinander zu verschränken. Manchmal widersprechen sich ja schon Wort und Musik. Aber wir können uns nicht einfach berieseln lassen – wobei man das natürlich auch kann», lacht sie wieder, «aber eigentlich finde ich, Oper ist etwas ganz schön Anspruchsvolles!»

Neben der Regisseurin gibt es auch noch die Privatperson Tatjana Gürbaca. «Ich bin verheiratet und habe zwei Katzen, Miranda und Prospero», gibt sie kurz und bündig Auskunft. Allzu oft sieht sie ihren Mann nicht. «Aber das hält manchmal auch die Liebe frisch! Heinrich Heine hat mal gesagt, wie kann ich dich vermissen, wenn du nie weggehst?» Während ihrer Arbeit an der Zauberflöte hatte Tatjana Gürbaca Glück. «Am Wochenende ist mein Mann oft nach Zürich gekommen und hat auch in die Proben reingeguckt. Das ist dann schon schön.»

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