„Stoppt dieses Schaf-Massaker“

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„Stoppt dieses Schaf-Massaker“

Von Heiner Hug, 24.04.2011

Eine streitbare italienische Ministerin will den Italienern ihr liebstes Ostermahl vermiesen. Ohne Erfolg: Die italienischen Familien verspeisen an diesem Ostersonntag 260 Tonnen Schaf- oder Lammfleisch.

Schafe in der Toscana, fotografiert am Tag vor Ostern. Ihre Jungen kommen am Ostersonntag tonnenweise auf die italienischen Tische. Denn das Lamm, wichtiges Symbol im Christentum, darf beim österlichen Festessen nicht fehlen. Trotz Protesten von Tierschützern.

Mariella wischt sich den Schweiss von der Stirn. In ihrer Küche ist an diesem Samstag vor Ostern der Teufel los. Die Tochter ist da, ihre kleinen Kinder spielen; auch die Schwiegertochter hilft in der Küche. Der Tomatensugo, der sechs Stunden auf kleinem Feuer stand, ist eben fertig. Auch der Pasta-Teig für die Lasagna ist schon ausgewalzt. Auf einem Brett liegt ein riesiges Stück Fleisch: das Osterlamm. Cosimo, Mariellas Mann, ist damit beschäftigt, das Fleisch mit Kräutern einzureiben. Zwölf Personen werden am Ostersonntag zum Mittagessen erwartet.

Ostern ist in Italien – nach Weihnachten – das wichtigste Familienfest. Aus dem ganzen Land, aus ganz Europa strömen die Familienangehörigen zusammen. Höhepunkt ist das Mittagessen, das um 13.00 Uhr beginnt und bis spät in den Abend dauert.

Osterputz

Auf dem Land, in den kleinen Dörfern und Städtchen, beginnt das Osterfest schon Tage zuvor. Der Priester der Gemeinde, begleitet von einem Messdiener, besucht die Familien, hört sich ihre Sorgen an und segnet ihre Häuser. Als Gegenleistung erhält er kleine Geschenke: Wein, Gebäck, Schokolade, manchmal auch eine Spende für die Kirche. Und natürlich wird vor seinem Besuch das Haus gründlich gereinigt: Osterputz. So strahlt es sauber, wenn am Ostersonntag Töchter und Söhne, Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, Grossväter und Grossmütter zusammenkommen.

Franco ist ein pensionierter Spengler aus Abbadia. Auch bei ihm und seiner Frau Lina gibt es an diesem Ostersonntag Lammbraten. An ihrem Tisch sitzen an diesem Sonntag 15 Familienangehörige. In der christlichen Liturgie nimmt das „Lamm Gottes“ eine wichtige Rolle ein. Es symbolisiert den leidenden und auferstandenen Jesus. Seit Jahrhunderten haben das Lamm und das Schaf dann auch den Weg auf den italienischen Ostertisch gefunden. „Alle essen hier in der Toscana an Ostern Lamm oder Schaf“, sagt Franco.

“Grausames Oster-Theater“

Doch gerade das ist der italienischen Tourismus-Ministerin ein Dorn im Auge. „Stoppen wir das österliche Schaf-Massaker“ fordert sie in einem Manifest. Die rothaarige Michela Brambilla ist die streitbarste italienische Ministerin. Letztes Jahr hatte sie 900‘000 italienische Jäger gegen sich aufgebracht, weil sie ein Verbot der Jagd forderte. Und jetzt will sie den Italienern das traditionelle Lamm vom Ostertisch nehmen. Brambilla spricht von einem „grausamen Ostertheater“. Unterzeichnet wurde ihr Appell auch vom Filmemacher Franco Zeffirelli, von Professor Umberto Veronesi und von 125‘000 weiteren Personen. Auf der Internetseite http://www.lacoscienzadeglianimali.it ist das Manifest veröffentlicht.

Doch Mariella und Cosimo, Franco und Lina kümmert das wenig: Zum Osterfest gehört Lamm. Laut der Confederazione Italiana Agricoltori (CIA), dem italienischen Bauernverband, essen die Italiener an Ostern 260 Tonnen Lammfleisch. Für die Oster- und Weihnachtstage werden sieben Millionen Lämmer und Ziegen geschlachtet.

"Low cost-Ostern"

Bevorzugt werden möglichst junge Tiere, solche, die zwischen 30 und 60 Tage alt sind. Doch sie, die Milchlämmer, sind die teuersten. Und da gibt es ein Problem. Immer mehr italienische Familien müssen am Essen sparen, um über die Runden zu kommen. Innerhalb von zwei Jahren sind die Nahrungsmittelpreise in Italien um sechs Prozent gestiegen. Die italienische Konsumentenvereinigung „Federconsumatori“ hat ausgerechnet: Im letzten Jahr kostete ein selbst gekochtes traditionelles Osteressen 24.64 Euro. In diesem Jahr sind es 26.13 Euro. Solche Preiserhöhungen schlagen zu Buche, wenn – wie üblich – zehn oder zwanzig Personen am Ostertisch essen.

Deshalb wird gespart. Statt des teuren Milchlamms kommen auch weit ältere Semester auf den Tisch. „Nach den Low cost-Flügen und dem Low cost-Zahnarzt, gibt es jetzt Low cost-Ostern“, schreibt die Zeitung „La Nazione“.

Im Hinblick auf die Ostertage veröffentlichte die Konsumentenorganisation Tipps zum Sparen. Tipp Nummer 1: „Zu Hause essen. Ins Restaurant gehen ist nicht wirtschaftlich“. Tipp Nummer 2: „Traditionelles Essen vorziehen: Schaf, Artischocken, Taube. Tipp Nummer 3: „Null-Kilometer-Produkte kaufen, also Frisches aus der Region. Das ist 30 Prozent billiger“.

Schon lange essen die meisten Italiener nicht mehr im Restaurant. Laut Angaben des Bauernverbandes essen an diesen Ostern drei von fünf Italienern zu Hause. Viele Restaurants sind trotzdem ausgebucht, doch das liegt an den Touristen, die die Ostertage im Süden verbringen.

Inzwischen hat Cosimo seinen Schafsbraten eine halbe Stunde lang massiert. „Das ist das Minimum, damit er zart wird“, sagt er. Doch nicht genug: Jetzt wird das Fleisch noch über Nacht mariniert, und zwar mit Rotwein, Rosmarin, Zwiebeln, Karotten, Sellerie, schwarzem Pfeffer und einem Lorbeer-Blatt. Mindestens zwei Stunden lang wird der Braten dann im Ofen schmoren. „So wird er zart und knusprig“. Cosimo hat das Fleisch im Supermarkt gekauft: „Offerta speciale, 5.98 Euro das Kilo“. Ein Schnäppchen.

Pienza, Toscana, 23. April 2011
Pienza, Toscana, 23. April 2011

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Es gibt viele Ungeheuerlichkeiten in der heutigen europäischen Landwirtschaft, besonders bei der Fleischproduktion - aber die Haltung von Schafen und Lämmern scheint harmlos zu sein im Vergleich zu den Zuständen bei Schweinen, Rindern und Geflügel.

Das schlimmste ist die Massenproduktion der Tiere. Das dürfte bei Schafen eher selten sein. Daneben wie sie gehalten und womit sie gefüttert werden. Das Bild der weidenden Schafe zeigt eher, dass die es noch sehr gut getroffen haben zu den meisten Rindern, Schweinen und Geflügel.

Daher sollten wir eine Landwirtschaft anstreben, in der möglichst kleine Betriebe die Tiere möglichst naturnah halten. Das verteuert das Fleisch, aber das ist verkraftbar, wenn man davon in Zukunft weniger isst. Hauptsache, es ist gesünder als die Produkte, die uns heute für wenig Geld hinterhergeworfen werden.

Daher rege ich mich weniger über den Lammkonsum auf und wünschte mir, es gäbe erheblich weniger Rindviecher, Schweine und Geflügel in Europa und die verbleibenen würden besser behandelt.

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