Sprach-Akrobatik [42]

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Sprach-Akrobatik [42]

Von Journal21, 18.04.2012

Das Humankapital verliert an Wert. Das können wir uns nicht leisten.

Also muss es abgeschrieben werden. Das geschieht auch, aber so kann man das natürlich nicht sagen. Humankapital abschreiben – dieses "Wording" passt nicht zum "Code of Conduct". Das sagt man ja noch nicht einmal bei Maschinen, die nicht mehr gebraucht werden, oder bei Produkten, die nicht mehr im Trend liegen. Da spricht man von „Wertberichtigung“. Also wollen wir beim Humankapital eine Wertberichtigung vornehmen? Das klingt irgendwie auch nicht - human.

„Unser wertvollstes Kapital steckt in den Köpfen unserer Mitarbeiter.“ Das adelt den, der es sagt. Der Mensch als Gefäss des Kapitals - das ist wahrlich gross gedacht. Deswegen wird das so oft wiederholt. Schade nur, dass man an dieses Kapital nicht direkt herankommt. Der Mitarbeiter als Hülle des Wertvollsten ist ein ärgerlicher Störfaktor. Wie gehen wir damit um? Einfach aufknacken, auspressen, dann beseitigen, feuern, schassen, rausschmeissen? Das klingt aggressiv, ja geradezu misanthropisch. Und das passt schon gar nicht zur „Unternehmenskultur“, die wir doch brauchen, um die „Motivation“ als Schüssel zum Kapital in den Köpfen unserer Mitarbeiter nutzen zu können.

„Der Mensch ist frei, und wäre er in Ketten geboren“, sagte einst Friedrich Schiller, wobei er noch nicht die modernen Unternehmen mit ihren „Human-Resources-Abteilungen“ im Blick hatte. Nutzen wir doch das Wort „frei“ dieses sentimentalen Idealisten, um jemanden in die Wüste zu schicken. Sagen wir also: Er wird „freigesetzt“.

Das eröffnet ganz neue Perspektiven. Hat der arme Kerl vorher unter den Ketten des Unternehmens geächzt – natürlich nur, weil er das alles „falsch gesehen“ hat -, kann er jetzt bar jeder Last herumtollen. Und was machen wir mit jenen, die wir wegen Kündigungsschutz und anderem Firlefanz nicht gleich in den Orkus jagen können? Die können wir "freistellen"! „Freistellung“, dann „Freisetzung“. Stellen, setzen - und frei sein. - Das Humankapital ist flexibel. Man muss es nur zu nutzen wissen.

S.W.

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Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…