Sprach-Akrobatik [30]

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Sprach-Akrobatik [30]

Von Journal21, 13.01.2012

Der deutsche Bundespräsident könnte bald eine „neue Herausforderung“ suchen.

Dabei wird er sich vielleicht „neu erfinden“. Damit geht er den Weg so vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die aus der blanken Not eine Tugend machen wollen.

Wann sucht jemand eine „neue Herausforderung“? Wenn er an einem Problem gescheitert ist. Das muss nicht einmal sein Versagen sein – jemand kann zum Beispiel das Opfer von Mobbing werden. Das Scheitern aber muss um jeden Preis mit dem Wort „neu“ in Verbindung mit „Herausforderung“ schöngeredet werden. Mit „Herausforderung“ wird Freiwilligkeit suggeriert, denn es liegt vermeintlich in der eigenen Wahlfreiheit, eine Herausforderung anzunehmen oder nicht. Das Ganze hat etwas Sportives. Entsprechend wäre unsere durch Krisen und Arbeitslosigkeit gebeutelte Welt einfach nur sportlicher geworden.

Dazu gehört, dass jemand sich oder etwas ständig „neu erfindet“. Dass man etwas nicht „alt erfinden“ kann, liegt auf der Hand. Wozu dann das Wort „neu“? Es verweist auf das eigene kreative Potenzial, etwas pathetisch ausgedrückt: auf die eigene Schöpfungsmacht. Demnach ist jeder ein kleiner Lee Iacocca, der, nachdem er von Henry Ford II aufgrund persönlicher Differenzen entlassen worden war, beim Konkurrenten Chrysler als „One-Dollar-Man“ neu anfing – natürlich mit einem Riesenerfolg für Chrysler.

Im Wort „erfinden“ steckt das Wort „finden“. Nicht alles aber, was gefunden wird, passt einem in den Kram. Davon könnte der Bundespräsident ein Lied singen. Mit dem Wort „neu“ wiederum werden die Schotten zur Vergangenheit dicht gemacht. Wenn das keine Wohltat ist!

S. W.

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Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…