Sprach-Akrobatik [23]

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Sprach-Akrobatik [23]

Von Journal21, 25.11.2011

Über „Systemrelevanz“ und Putins Stabilitätsbegriff

In dieser Rubrik war schon verschiedentlich davon die Rede, dass sprachliche Begriffe oft so verwendet werden, dass sie einen Tatbestand verschleiern oder gar ins Gegenteil verdrehen, anstatt ihn zu klären. Dieses Phänomen ist zwar mindestens seit dem Altertum gut bekannt. Doch hat man den Eindruck, dass heutzutage im öffentlichen Diskurs der – bewusste oder unbewusste – Einsatz vernebelnder und verdrehender Worte eher zunimmt.

Zunächst zum inflationär verwendeten Modewort „systemrelevant“, das dem Publikum gerne als gewichtiger Fachbegriff angedreht wird. In diesem Zusammenhang ist im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unlängst ein langer Artikel mit dem interessanten Titel „Die Lüge von der Systemrelevanz“ erschienen. Autor des Beitrages ist Albrecht Müller, er war Leiter des Planungsstabes unter den Kanzlern Brandt und Schmidt, also ein politisch versierter und erfahrener Kopf.

Müller zieht in seinem Artikel gegen die in den letzten Jahren zunehmend beherrschende Rolle der Finanzwirtschaft in der Politik vom Leder. Insbesondere geisselt er die spekulativen Kasino-Praktiken der Bankmanager, ihre Boni-Exzesse und ihre Erwartung staatlicher Hilfe im Falle einer drohenden Pleite. Der grösste Coup der Finanzwirtschaft sei der Einführung des Begriffs „systemrelevant“ gewesen, schreibt Müller. Denn mit diesem Begriff werde (parallel mit dem ebenso inflationär grassierenden Anglizismus „too big to fail) heute dank dem Einfluss der Finanz-Lobby die Rettung nahezu jeder grösseren Bank mit Steuergeldern gerechtfertigt. Nur Lehmann Brothers war die grosse Ausnahme.

Ohne hier auf die Einzelheiten von Müllers engagierter Frontal-Attacke gegen die mindestens seit 2008 drastisch zutage getretenen Verfehlungen und Anmassungen der Finanzindustrie weiter einzugehen – seine Argumentation und seine Empörung sind verständlich. Nur gibt es in seinem Artikel eine beklagenswerte Lücke: Auch dieser Autor setzt sich mit keiner Zeile näher mit dem verpönten Begriff „systemrelevant“ auseinander. Ist der Ausdruck purer Hokuspokus zur Irreführung der Politik und der Steuerzahler? Oder ist der Begriff vielleicht nicht in jedem Fall völlig abwegig und eine glatte Lüge? Könnte er eventuell präzise definiert und mit glaubwürdigem Inhalt gefüllt werden? Diesen Fragen weicht der Kritiker in der FAZ leider aus.

Das zweite Beispiel von sprachlicher Vernebelung und Verdrehung bezieht sich auf einen dieser Tage erschienen Bericht in der „New York Times“. Darin schildert der erfahrene Russland-Kenner Serge Schmemann ein dreistündiges Gespräch von ausgewählten russischen und ausländischen Journalisten mit Ministerpräsident Putin (dieser wird bald wieder den Präsidententitel führen). Wichtigstes Ziel seiner Anstrengungen sei nach dem Chaos der neunziger Jahre die Gewährleistung von Stabilität und Sicherheit in Russland, sagte Putin. Und als europäisches Vorbild für Kontinuität und Stabilität verwies Putin zum Erstaunen mancher Anwesenden auf das Beispiel seines „guten Freundes“ Silvio Berlusconi. Dessen langes Stehvermögen an der Macht sei ein „Beweis von interner politischer Stabilität“.

Ein prägnantes Beispiel von Begriffsverdrehung.

R.M.

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Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…