Sprach-Akrobatik [14]

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Sprach-Akrobatik [14]

Von Journal21, 22.09.2011

Metaphern verleihen der Sprache Anschaulichkeit. Das geht allerdings oft schief.

Meistens wird der Unfug gar nicht bemerkt. Nur aufmerksame Leser und Hörer stutzen. Kaum jemand stört sich am „milliardenschweren Rettungsschirm“, der wieder einmal „aufgestockt“ werden soll. Kein Wunder, dass Irland und Portugal lange Zeit nicht „unter den Schirm“ wollten. Wer will schon von einem schweren Schirm erdrückt werden?

Aber man muss gar nicht die Metapher vom Schirm benutzen, um abzustürzen. „Paket“ genügt auch. So schreibt Michael Martens in der FAZ vom 19. September 2011: „Die milliardenschweren Hilfspakete des Internationalen Währungsfonds, der EU und der Europäischen Zentralbank waren nicht gross genug, um die vielen Löcher des griechischen Budgets zu stopfen.“ Schwere Pakete stopfen also Löcher, müssen dafür aber gross genug sein, denn sonst sind die Löcher zu viele und die Pakete zu klein.

Es geht auch anders. So schreibt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle in der FAZ vom 14. September 2011, dass die bisherige Finanzpolitik „die Durchschlagskraft einer lahmen Ente“ habe. Man sollte sich also vor normalen Enten in Acht nehmen, um von ihnen nicht durchschlagen zu werden.

Auch die NZZ weiss Erstaunliches zu berichten – diesmal über die Führung der deutschen FDP: „Ihr anfänglicher Schwung scheint zu verpuffen.“ (6. September 2011) Also ist aus dem Schwung heisse Luft, oder besser noch ein brennbares Gas geworden, das nun verpufft. So geht das in der Politik.

Leider gibt es immer wieder Burschen, die sich über unsinnige Metaphern lustig machen. So hat sich Sönke Krüger in der Welt vom 14. Januar 2008 folgende Überschrift für seine Kolumne ausgedacht: „Zugpferde, die wie Pilze aus dem Boden schiessen.“ Das ist schon ein übler Scherz, der von einem Gerd aus Berlin noch weitergetrieben wurde: "Dieses Korn ist die Stecknadel im Heuhaufen, die den Sturm im Wasserglas zum Überlaufen bringt." Das schlägt nun aber wirklich dem Fass die Krone ins Gesicht. S.W.

Frühere Sprach-Kolumnen befinden sich in der Rubrik "Kultur". Oder klicken Sie untenstehende Titel an.

Sprach-Akrobatik [13]Lehnwörter – und was ihre Ausbreitung signalisiert R.M.

Sprach-Akrobatik [12] Kreative Richter. Originaltext eines Beschlusses des Oberlandesgerichts (hh)

Sprach-Akrobatik [11] Über "über" S.W.

Sprach-Akrobatik [10] Lybien. "Wenn 50 Millionen eine Dummheit sagen, bleibt es eine Dummheit" (hh)

Sprach-Akrobatik [9] Gutmenschen und andere Verdrehungen. R.M.

Sprach-Akrobatik [8] Die Dinge beleben sich. Die Märkte spielen verrückt. S.W.

Sprach-Akrobatik [7] Keine unterjährige Preiserhöhung für tiefstpreisiges Toilettenpapier (hh)

Sprach-Akrobatik [6] Missbrauch mit dem "Volk" R.M.

Sprach-Akrobatik [5] Ich schreibe, sobald nur etwas Gewisseres zu sagen ist. (hh)

Sprach-Akrobatik [4] Eine Sprachverrenkung, keine Akrobatik, sind die weiblichen Wortendungen, die nur angefügt werden, um eine Verbeugung vor feministischen Ansprüchen zu machen. S.W.

Sprach-Akrobatik [3] Abzockerei auf der Teppichetage? Die Formulierung klingt flott und griffig. R.M.

Sprach-Akrobatik [2] Das Plappern unserer Zeit. S.W.

Sprach-Akrobatik [1] Kreatives aus dem Zürcher Wald. Schreiende Unke. (hh)

Kommentare

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