Souverän und eisern diszipliniert

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Souverän und eisern diszipliniert

Von Alex Bänninger, 31.07.2017

Jeanne Moreau, Grande Dame auf der Leinwand, auf der Bühne und überhaupt, verstarb im Alter von 89 Jahren. Eine Erinnerung als Nachruf.

Die Rollen, die Jeanne Moreau spielte, verwandelten die Kino- und Fernsehfilme und die Theaterstücke in ein Ereignis. Sie verhalf der Nouvelle Vague in Frankreich und dem deutschen Film auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen zum künstlerischen Durchbruch. Aus ihren Glanzrollen wurden Inszenierungen voller Glanz. Mit ihrer Gestaltungskraft und ihrer Stimme beschenkte sie das Publikum.

Jeanne Moreau 1964 als Mata Hari (Foto: Keystone/AP)
Jeanne Moreau 1964 als Mata Hari (Foto: Keystone/AP)

Rasch verflogene Zweifel

Als bekannt wurde, Jeanne Moreau präsidiere 1983 die Jury der Internationalen Filmfestspiele Berlin, war die Feststellung einhellig, damit gewinne das Festival enorm an Ansehen. Aber die Frage schwang mit, ob der bereits damals legendäre Star in der Lage sei, ein Preisgericht mit seinen divergierende Interessen verfolgenden und zur Eitelkeit neigenden Mitgliedern zu leiten und ihm nicht nur in strahlender Schönheit vorzusitzen.

Die Zweifler schwiegen rasch. Jeanne Moreau erwies sich als harte Arbeiterin, die jede Sitzung perfekt vorbereitete und straff führte. Wer abschweifen und bis zu einer brauchbaren Aussage den weiten Weg um den heissen Brei herum wählen wollte, wurde so charmant wie energisch zur Ordnung gerufen. Die eisern Disziplinierte forderte von den Jurymitgliedern die nämliche Konzentration auf die Sache.

Psychologisch meisterhaft

Nein, autoritär gebärdete sich Jeanne Moreau nicht. Sie konnte zuhören und ging ernsthaft auf Gegenargumente ein. Deren Schwächen erkannte sie allerdings sofort, hakte nach und bestand aus Respekt vor den im Wettbewerb vertretenen Filmschaffenden auf einer fairen Diskussion ohne diplomatische Ränkespielchen.

Sie setzte sich durch und erwarb sich auch von den solistischen Juroren Anerkennung, die sich durchaus als liebende Bewunderung bezeichnen liess. Nicht zuletzt deshalb, weil sich Jeanne Moreau die Mühe nahm, mit jedem Jurymitglied unter vier Augen ein längeres Gespräch zu führen, um die Denk- und Anschauungsweise ihrer Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen. Das war psychologisch meisterhaft.

Eine wunderbare Szene

Eine kleine Szene beschreibt die präsidiale Souveränität wunderbar. Jeden Morgen wurden die Juroren in Luxuslimousinen vom Hotel zum Kino gefahren. Doch einmal warteten neben den schwarzen Karossen auch graue Minibusse auf die illustren Gäste. Dagegen protestierte der italienische Kollege lauthals, weil es inakzeptabel sei, die Jury als Zweiklassen-Gesellschaft zu behandeln. Er verlange mit allem Nachdruck und Recht die gleiche automobilistische Noblesse für alle.

Keiner der Betroffenen begriff das närrische, wenn auch konfliktgeladene Theater. Und keinem gelang die Beruhigung des südländischen Wutausbruchs, der auf die Ehrverletzung Italiens angelegt war. Internationale Jurys neigen eben zur Dramatik.

Die Blicke richteten sich auf Jeanne Moreau. Sie ging auf den Kollegen zu, umarmte ihn herzlich und sagte ihm, „Heute lassen wir uns nicht chauffieren, sondern spazieren gemeinsam ins Kino. Gleichberechtigt.“ So geschah es. Der Italiener lächelte verkrampft, dann entspannt.

Es gibt hunderte von Film- und Bühnenszenen, in denen Jeanne Moreau begeisterte. Ich denke an die geschilderte.

Jeanne Moreau 1988 an einer Pressekonferenz in Genf (Foto. Keystone)
Jeanne Moreau 1988 an einer Pressekonferenz in Genf (Foto. Keystone)

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