Skaten und Arbeiten in der DDR

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Skaten und Arbeiten in der DDR

Von Esther Fischer-Homberger, 17.10.2012

-Homberger** Zwei Filme aus dem letzten Jahrzehnt des Arbeiter- und Bauernstaats beschäftigen sich „wieder mit dem Osten und dem, was da verloren ging“ – einer über die Liebe und Arbeit einer Kinderärztin, der andere über den Rollbrettfahrer „Panik“.

Die Legende Denis ‘Panik’

Anlässlich des Begräbnisses von Denis ‘Panik’ Panicek treffen sich einige seiner alten Skater-FreundInnen aus DDR-Zeiten nach gut 20 Jahren wieder. Beim Zusammensitzen erinnern sie sich seiner und ihrer eigenen Jugend im letzten Jahrzehnt des Deutschen Ostens. Denis Panicek (1970-2011) ist „This Ain’t California“ (D 2012) auch gewidmet. Denis ist gleichzeitig historische Figur und Legende, wie Marten Persiels Film der Legende nach ein Dokumentarfilm ist.

Als kleiner Junge haut Denis jeweils von zu Hause ab, um mit den beiden Freunden zu skaten. Nachdem die Grenzen der DDR aufgelöst worden sind, löst sich auch der mittlerweile noch gewachsene Freundeskreis auf. Denis sei in die Bundeswehr eingetreten und im Einsatz in Afghanistan auf suizidale Weise gefallen. Angefangen hat sein Skaterleben anfangs der 1980er Jahre auf einem Garagenhof in Olvenstedt bei Magdeburg – drei Buben machten die dortige „Betonwelt“ zu ihrem Spielplatz.

Sie wuchsen heran, ein Erzähler zog nach Berlin und spielte auf der Steinwüste des Alexanderplatzes weiter, wo sich eine grosse Skaterszene trifft. Spielen, „nur Blödsinn“, ohne Ziel, Zweck und Wettbewerb: Das tut man eigentlich nicht im Arbeiter- und Bauernstaat. Aber man kann den kühnen fliegenden Kindern auf ihren Rollbrettern die Bewunderung nicht verwehren. In ihrer Vitalität und Freiheit, auch mit ihrer Weigerung, sich im Wettbewerb gegeneinander ausspielen zu lassen, wirken sie subversiv, aber sie kritisieren ihren Staat nicht, mit Politik haben sie nichts am Hut, sie wollen nichts als ihren Interessen nachgehen. Das haben sie mit den westlichen Skatern gemeinsam, so werden sich die beiden Szenen nach der Öffnung der Grenzen, zum Teil schon vorher, auch ohne Schwierigkeiten verbrüdern – Skater sind zu rund 75 % männlichen Geschlechts, die im Film zu 100 Prozent.

Denis ist der kühnste, erfinderischste, „bescheuertste“ von allen. Er nimmt jede mögliche Gelegenheit wahr, dem Regime seines gefürchteten Vaters zu entwischen, der den sportlich begabten Sohn zum nationalen Schwimmer-Champion hochtrainieren möchte – so will es die Legende.

Als die Grenze aufgeht, sitzt Dennis ‘Panik’ wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ im Gefängnis – er hat mit dem Rollbrett auf einige Stasimänner eingedroschen. Dann driften die Freunde auseinander, und seine Spur verliert sich. Von seinem Tod aber wird Denis’ Vater benachrichtigt, sowie Hexe, die Journalistin vom „Skateboard Monster Magazin“ aus dem Westen, die sich mit den Dreien im Osten befreundet hatte.

Werthaltungen im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat

Das Wichtigste an Persiels Film ist wohl, dass er einen Blick auf die Werte erlaubt, die in der DDR geachtet und gepflegt wurden und auf welche die Menschen, die dort aufwuchsen, auch stolz sind: angesichts eines beschränkten Angebots an Gütern eine gewisse Anspruchslosigkeit und handwerkliches Können, die Fähigkeit, aus dem, was da ist, etwas zu machen, verbindliche Freundschaften und gegenseitige Hilfe, und: stolze Frauen. „Erstmal“, kommentiert einer der Freunde, „waren das noch Frauen“ – die Freude hatten an ihrem Körper und es nicht nötig fanden, mit den Männern in Konkurrenz zu treten. Der kapitalismusgläubige Westen lässt sich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Ossis gerne gefallen, honoriert sie aber kaum.

Über die Freude an der Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands hat sich der schwere Schatten eines Siegs des Westens über den Osten gelegt, in dem die höhere Einstufung von westlichen Werten gegenüber denen des Ostens un- oder doch unterreflektiert geblieben ist – der Schatten der Entwertung und der Beschämung. Denn das ist ja ein Kernstück der Beschämung: die Missachtung der Werte, auf die die Beschämten stolz sind, und die Durchsetzung der Werte der Mächtigeren, an denen die Beschämten arm sind. Beschämung kann traumatisierend wirken, im Kriegsfall nimmt sie Waffencharakter an. Sie führt zu Selbstabwertung, Isolation, versteckter Wut, die nach innen oder nach aussen explodieren kann.

All das kommt bei den porträtierten Skatern auf leise, humorvolle und versöhnliche Weise zur Sprache. Sie erzählen, wie sie als grau in grau gekleidete kleine Ossis mit den „bunten Typen“ aus dem Westen zusammentreffen, wie sie am internationalen „Euroskate ’88“ in Prag von den Westdeutschen getrennt in einem separaten Hotel untergebracht werden sollen – wogegen diese erfolgreich Einspruch erheben; wie sie deren zum Teil überlegenen Künste bewundern, ohne sich selbst deswegen abzuwerten. Hie und da lassen sie erkennen, dass sie stolz darauf sind und bleiben, ihre Rollbretter selbst hergestellt zu haben – man habe dann eine “andere Beziehung zu den Sachen“ – selbst wenn Westbretter besser sind. Sie vermitteln, dass sie als Skater den Beton schätzen und lieben und dass ihr Skaten nicht einfach Funsport und Freizeitbeschäftigung ist, sondern ihr Leben.

Etwas stolz sind sie auch auf ihre Fähigkeit zur Rücksichtnahme und Gemeinschaftlichkeit und, wie sie nach dem ‘Euroskate’ aus der grossen Welt zurückkehren, sogar ein wenig darauf, dass sie ihr Land in Prag haben repräsentieren dürfen. Und plötzlich sehen sie dieses Land nicht mehr am Rand des Ostens gelegen, sondern mitten in Europa. Als „Film über Liebe“ bezeichnet das in den Kinos aufliegende Laufblatt „This Ain’t California“.

„Barbara“ – Kinderärztin

Petzolds „Barbara“ (D 2012) transportiert ähnliche Töne. Barbara ist eine sehr fähige Kinderärztin in der repressiven DDR der 1980er Jahre. Weil sie einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hat, ist sie von der Charité Berlin weg an ein Provinzkrankenhaus strafversetzt worden, wo man sie nun spitzelnd überwacht. Mit Hilfe ihres Geliebten aus dem Westen bereitet sie ihre Flucht vor. Da erlebt sie unerwartet einen stillschweigenden, selbstlosen, nicht expliziten Austausch von Solidarität, Freundschaft und Zusammenarbeit, wie sie ihn im freien Westen kaum zu finden hofft. Der westdeutsche Filmemacher Christian Petzold (*1960) ist Sohn von Eltern, die Ende der 1950er Jahre aus der DDR geflohen sind. Mit diesen ist er jedes Jahr zu den Verwandten gefahren – „niemals Mallorca, immer DDR“ (Der Spiegel, 26.03.2012). Irgendwann habe er angefangen, erzählt er der „Berliner Zeitung“ (7.3.2012), sich „wieder mit dem Osten und dem, was da verloren ging, zu beschäftigen“. Zum Beispiel mit der Bedeutung der Arbeit im Arbeiterstaat. „Arbeit stiftet … Identität. Arbeit und Liebe sind eng miteinander verflochten. Im Westen dagegen hatte man immer das Gefühl, die Liebe muss der Arbeit abgetrotzt werden. Oder sie kann nur stattfinden, wenn man Urlaub hat.“ Vom „Spiegel“ nach seiner Auffassung von „Freiheit“ befragt, antwortet er: „Das hat mich interessiert: die Freiheit, die man hat, dadurch, dass man tätig ist. Wenn man den anderen bei der Tätigkeit beobachtet, sieht man, was das für ein Typ ist: Wie der eine Spritze hält zum Beispiel. Und Tätigkeit bringe ich viel mehr mit der DDR in Verbindung als mit uns im Westen.“

„Waren die Frauen in der DDR freier in dem Sinne, dass sie unabhängiger von Männern waren?“, fragen Susanne von Beyer und Claudia Voigt hierauf weiter, worauf Petzold antwortet: „In dem Sinne schon. Meine Mutter ist ein Opfer des bundesrepublikanischen Ideals der Hausfrau geworden. In der DDR war sie Chemielaborantin, in der BRD hatte sie dann drei Söhne und war nicht berufstätig, darunter hat sie zeitlebens gelitten.“ Und im Bezug auf seinen Film „Barbara“: „Ihr Geliebter aus dem Westen sagt einmal zu ihr: Du brauchst nie wieder zu arbeiten, ich verdiene genug für uns beide. Dieser Satz ist absolut entscheidend.“ (Berliner Zeitung)

Auch „Barbara“ ist ein „Film über Liebe“, anders als „This Ain’t California“, aber vergleichbar, indem das Objekt der Liebe anders umrissen ist als im Westen – indem Barbaras Arbeit als Kinderärztin für ihre Identität und für Petzolds Film ebenso konstitutiv ist wie das Skaten für Denis’ Identität und Marten Persiels Film.

Eine arrogant gewordene Gegenwart belächelt alle Sehnsucht nach früheren Zeiten als unrealistisch-verklärende Nostalgie. Es gibt aber auch die realistische Trauer um verlorene Werte vergangener Zeiten. Mit dem Wort „Ostalgie“ bezeichnete der in Leipzig lebende Kabarettist, Schauspieler und Autor Uwe Steimle („Uns fragt ja keener – Ostalgie“, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 1997) diese Wehmut auf ernsthafte Eulenspiegel-Art.

Die Skaterwelt

Wer vom Skaten nichts versteht, lernt durch „This Ain’t California“, sich ein wenig dafür zu interessieren. Dass der Titel sich darauf bezieht, dass das Skateboard, das Rollbrett, zuerst von einem Surfer-Laden in Los Angeles hergestellt wurde und dass das Skaten anfänglich "sidewalk surfing" hiess, wird zwar nicht expliziert. Implizit jedoch wird es klar, dass das Skateboard von Rollschuh (selber ein Kind des Schlittschuhs) und Surfboard abstammt. Man lernt aber mehr: wie jeder Skater auf seine eigene Weise fährt, und: was ein „Ollie“ ist, und wie der zustande kommt. Der „Ollie“, erfunden vom Amerikaner Alan „Ollie“ Gelfand ist der Sprung, bei dem das Rollbrett mitspringt, als ob es an den Füssen der SkaterInnen klebte oder selber fliegen könnte. Man erfährt aber auch, dass man im Handstand, zu zweit und auf tausend andere Weisen skaten kann. „Poetisch“ nennt die Journalistin „Hexe“ Paniks Art, mit dem Skateboard umzugehen.

Wer sich im Skaten schon auskennt, wird wohl ebenfalls Neues erfahren und sehen – Dokumentaraufnahmen von Euroskate ‘88 in Prag, die Leute vom „Skateboard Monster Magazin“, das „Hurrican Trio“, einige um das Rollbrett herum gewachsene Industrien, Titus Dittmann, der „Vater der deutschen Skateboard-Szene“ von der „Titus GmbH“, die „Bones“, die für einen der Skateboardhersteller fuhren, und so weiter – weswegen der „Spiegel“ (Hannah Pilarczyk und Peter Wensierski) Marten Persiels Film einen „Verkaufsfilm“ schimpft.

Spiel- oder Dokumentarfilm – die Frage nach den Spielregeln

Tatsächlich hat Marten Persiel, wie „der Spiegel“ weiss, „bislang Werbeclips, Musikvideos, Kurzdokumentationen und sogenannte Mockumentaries, also gestellte Dokumentarfilme, gedreht“. Das disqualifiziert ihn an sich nicht, es erklärt eher seine rasante, unerschrockene Erzählweise und seinen sicherer Griff nach den Emotionen seines Publikums. „This Ain’t California“ ist interessant gefilmt und geschnitten (Kamera: Felix Leiberg; Schnitt: Maxine Goedicke) – filmische und andere Dokumente aus offiziellen und privaten Archiven sind in die Erzählung eingearbeitet, die älter gewordenen FreundInnen, die sich nach Denis’ Beerdigung wieder treffen, wirken als eine Art kommentierender, ergänzender, bezeugender Chor. Im Soundtrack reproduziert sich die Stimmung der 1980er Jahre. Die Kamera vermittelt etwas von den Körpergefühlen des Skatens – vom Fliegen, Tanzen, Freisein – sie filmt aus allen Perspektiven, kehrt unten nach oben, dreht sich und wendet, verfolgt, bricht ab. Gegen Ende wird es etwas sehr lang. Zwischengeschaltet sind Animationen (Sasha Zivkovic), die legendäre Szenen zeigen oder Szenen, zu denen es keine Dokumente gebe.

Nicht nur damit suggeriert Persiel, sein Film sei im wesentlichen aus Dokumenten zusammenmontiert, wiewohl offenbar grosse Teile gespielt und nachgestellt sind. Dies scheint für den Filmer weniger eine bewusste, deklarierte Wahl der hybriden Form, weniger eine Reflexion über die viel diskutierten grundsätzlich unscharfen Grenzen von Dokumentar- und Spielfilm zu sein als eine Verlegenheitslösung bei fehlendem Material. Das kann zur Folge haben, dass man sich von ihm hinters Licht geführt fühlt und genauer wissen möchte, worum es sich bei dem vorgelegten Produkt tatsächlich handelt. "Ich werde Ihnen nicht beantworten, was inszeniert und/oder nachgedreht ist und/oder Quellen nennen und Namen preisgeben", schrieb jedoch der Produzent Michael Schöbel dem „Spiegel“ auf die entsprechenden Fragen, und zitierte den Meister der Montage, Sergej Eisenstein: "Für mich ist es egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In guten Filmen geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit."

Was aber für Filme gilt, gilt nicht in Beziehungen, da sind Wahrheit und Wirklichkeit nicht trennbar. In Beziehungen – eine solche besteht auch zwischen Filmemachern und Zuschauern – gibt es Spielregeln, und wer Spielregeln deklariert und dann nach anderen spielt, spielt falsch. Das provoziert unproduktive, weil nicht einseitig lösbare Fragen: Was ist Spiel, was Dokument, was nichtdeklarierte Absicht? Denn man schaut doch anders auf die Bühne als auf die Strasse, auch wenn beide viel miteinander zu tun haben. So zieht sich Persiel einen durch Unklarkeit und Misstrauen verdunkelten Blick auf sein Werk zu. Das ist eigentlich schade, denn sein Film ist gut gemacht und sehenswert – und berührend, wenn man ihm traut.

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