Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede

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Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede

Von Christina Aus der Au, 09.03.2014

Ihre Rede über Reproduktionsmedizin und totale Machbarkeit trug der Schriftstellerin den Zorn des deutschen Feuilletons ein. Christina Aus der Au ist ebenfalls kritisch, liest die Rede aber anders.

Die Wogen der Entrüstung, ja der Abscheu schlagen hoch. «Ich ertrage es nicht», schreibt Jo Lendle in einem offenen Brief in der gewiss nicht boulevardverdächtigen ZEIT online, von Grenzüberschreitung spricht Sandra Kegel in der nicht minder seriösen FAZ, «Menschenverachtung» nennt es Richard Kämmerlings in der Welt, von der «Trägheit ihres Geistes» redet Sibylle Berg im Spiegel, vom «Tonfall hetzerischer Antimoderne» Ingo Arend in der taz. Dirk Pilz in der Berliner Zeitung wirft ihr «Selbstvergöttlichung» vor – und Robert Koall, der Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden, wo Lewitscharoff ihre Rede am 2. März 2014 gehalten hatte, fühlte sich bemüssigt, ihr in einem offenen Brief ins Gewissen zu reden.

Unkorrekt, lieblos, verständnislos

Und sie alle beziehen sich immer auf dieselben Stellen: die «abartigen Wege» der künstlichen Fortpflanzung, die «Halbwesen und künstlichen Weissnichtwas», die daraus entstehen, das «Fortpflanzungsgemurkse» und das «weise Onanieverbot». Und manchmal auch den Vergleich mit den «Kopulationsheimen» im Nationalsozialismus als «harmlose Übungsspiele».

Das ist alles unglaublich politisch unkorrekt und vor allem ebenso unglaublich lieblos und verständnislos ausgedrückt. Von einer Schriftstellerin sollte man zudem erwarten können, dass sie sich der Macht und der Eigendynamik des gesprochenen – und dann geschriebenen – Wortes bewusst ist. Sie hätte wissen müssen, welches Eigenleben diese Formulierungen erhalten würden.

Früh und schrecklich erfahrene Sterblichkeit

Aber hat denn jemand die ganze Rede gehört und gelesen? Hat jemand die schonungslosen Worte zum entsetzlichen Selbstmord ihres wohl manisch-depressiven Vaters und die bodenlos traurigen Worte zum Leben und Sterben ihrer medikamenten- und alkoholsüchtigen Mutter gelesen? Die sehnsüchtigen Worte zum Tod ihrer geliebten und verehrten gläubigen Grossmutter und die bitteren Worte zum Tod der eng vertrauten älteren Freundin?

Mich überwältigt dabei die Stimme des einsamen und verängstigten Kindes in diesem Text, das die Sterblichkeit des Menschen so früh und auf so schreckliche Weise erfahren musste. Kein Wunder, ist für Lewitscharoff das Leben «als eine uns gestellte, und, wie mir scheinen will, gewissermassen selbst gewählte schwere und strenge Aufgabe zu betrachten, welche mit Standhaftigkeit und Treue durchzuhalten uns unbedingt obliegt» – so zitiert Lewitscharoff Thomas Mann, der ihr damit «aus der Seele spricht» – und bei dem die Illusion, der Mensch hätte irgendetwas davon in der Hand, geradezu frevelhaft erscheint.

Wieso sollte der Mensch also menschliche Wesen in ein solches Leben hineinzwingen? Was anderes als die Hybris eines Machbarkeitswahns kann man darin sehen? Und was Wunder, dass sich Lewitscharoff mit Kindern schwertut und nicht verstehen kann, wie Männer und Frauen bereit sind, alles zu tun, um Kinder zu kriegen?

Gescheitert am Leben und am Sterben

Lewitscharoff hat ohne Sinn für die Wirkung ihrer Worte unabgewogen und unreflektiert unzählige Kinder, Väter und Mütter zutiefst verletzt. Und dennoch kann ich nicht einstimmen in den Chor derer, die sie verklagen, verurteilen, verdammen. Zu deutlich höre ich in ihrer Rede das verletzte und heimatlose Kind, das nach der «liederlichen Aufführung» seines Vaters, der die Aufgabe des Lebens nicht standhaft und treu erfüllt hatte, erleben musste, wie auch bessere Menschen an der Aufgabe des Sterbens scheiterten. Zu scharf klingt darin die Anklage an Glaube und Kirche, nur in Ausnahmefällen ein liebevolles Leben und ein gelassenes Sterben lehren zu können.

Zu Recht haben sich auf diese ungeschützte Rede Lewitscharoffs hin viele mit Hingabe und Pathos vor ihre künstlich gezeugten Neffen und Nichten, Söhne und Töchter geworfen. Mich bewegt dennoch nach der Lektüre nicht in erster Linie Wut und Entrüstung. Sondern das erschreckte Staunen über diese ungeschminkte Darstellung der menschlichen Kreatürlichkeit. Die Frage, wie wir in solchen Lebens- und Sterbensgeschichten bestehen können. Und das Bedürfnis, diese Frau in die Arme zu nehmen.

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Christina Aus der Au ist Privatdozentin für Systematische Theologie an der Universität Basel, Theologische Geschäftsführerin am Zentrum für Kirchenentwicklung (Universität Zürich), verheiratet und Mutter einer bald 6-jährigen Tochter.

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Kommentare

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ich bin Ihnen sehr dankbar für den Mut, das Versagen der Schriftstellerin L. zu benennen, aber auch auf den existentiellen Kontext der ganzen Thematik hinzuweisen, statt jemand zu verteufeln, weil sie sich in der Charakterisierung einer Problematik verrannt hat. Die immer weiter ausgreifende technizistische Bemächtigung des Lebens, an seinem Beginn wie an seinem Ende, ist ein brennendes Problem, das nicht angegangen wird im geradezu höhnischen Verschreien einer Schreienden. Danke, dass Sie mehr gehört haben als nur ihre erschreckende Ironisierung.

Ich habe die Rede von Frau Lewitscharoff sehr genau gelesen. Grundsätzlich gilt (in Rechtstaaten): „Die Meinungsfreiheit, genauer Meinungsäußerungsfreiheit, auch Redefreiheit, ist das gewährleistete subjektive Recht auf freie Rede sowie freie Äußerung und (öffentliche) Verbreitung einer Meinung in Wort, Schrift und Bild [...].

Zudem: es liegt keine „Öffentliche Aufforderung zu Straftaten” vor.

Frau Lewitscharoffs Rede ist sehr berührend (im ersten Teil) und eher absurd im zweiten - das ist meine bescheidene Meinung.

Skandal? Aber nicht doch - grundsätzlich gilt (in Rechtstaaten): „Die Meinungsfreiheit [...]“ etc.

INDES: Frau Lewitscharoff hätte sich „vorher“ kompetent beraten lassen müssen.

Blamiert hat sich (wie schon oft) das BRD-Feuilleton (SPIEGEL, FAZ, SZ, ZEIT, etc.).

Das Problem der sog. Intellektuellen in der BRD (und anderswo) ist: sie haben wenig Ahnung von wenig (vor allem nicht von Wirtschaftsgeschichte, Ökonomie, Wissenschaftsgeschichte, etc. - z.B.: Warum sind wir reich, und die andern/Armen arm?). Sie sind mehrheitlich naiv (auch Frau Lewitscharoff ist super naiv), und sie sind WeltmeisterInnen im Schwingen der Moralkeule. Stichwort: Mainstream.

Kant und Voltaire plus einige andere Schrullige lassen grüssen.

Nicht blamiert hat sich die NZZ www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/kuenstlich-erzeugt-sind-kinder-...

Und j21 hat sich auch nicht blamiert:
Der Beitrag von Frau Christina Aus der Au ist wohltuend nicht im Bereich der Empörungs- und Mainstream-Unkultur angesiedelt, sondern versucht, einen Restbestand von Vernunft und Verständnis zu mobilisieren.

nicht klar, worüber sie eigentlich reden.

Gewiss hat das nichts mit Gott und der Schöpfung zu tun, gewiss auch nichts mit dem Sinn der Religion.

Dafür aber alles mit den Kirchen.

Gotteslästerung, wie meistens, denn sie wissen wieder nicht, was sie da tun!

In Vitro, Im Glashaus sitzend! Ausserhalb, wild gestikulierend Richter die gleichzeitig auch Henker sein könnten. Kreative Schöpfung als Zwangshandlung. Die neue Schöpfung ahnt nichts von den Sehnsüchten draussen. Von jenen Mütter und Väter in denen sich ihr eigenes „Kind sein“ versteckt. Nichts von den äusseren Zwängen, die dereinst auf sie zukommen könnten. Nur die allumfassende Liebe verspricht hier Rettung. Externes Betreuen und Verwahren reicht da nicht. Mein Kind ist sowohl meine Zukunft wie auch meine Vergangenheit und auch die Zukunft einer ganzen Gesellschaft. Zu oft stille Verzweiflung ohne sich etwas anmerken zu lassen. Schiere Anpassung halt! An jenem Morgen reflektierte mein Badezimmerspiegel wie immer mein Konterfei. Alltag eben. Staunen ob den täglichen Veränderungen. Veränderungen vor allem der Frisur. Damals als ich sie da liegen sah, die Pistole liegen sah, als ich sie im Augenwinkel da sah, war ich unsicher. Eine tablettensüchtige Nachbarin brachte sie eines Tages rüber zu uns, zu ihrem eigenen Schutz meinte sie. Mit zwölf reizte es mich schon. Ein Griff, einfach nur schnell, schnell die Hand ausstrecken nach ihr. Sie sah so gut aus, so friedlich, so harmlos. Sie war richtig schön. Schwarz poliert und in leichtem Oelkleid. Verführerisch elegant….. Unendliche Ruhe schenk ich dir, keinerlei Rechtfertigungen mehr offeriere ich dir, all deine Sünden sind für immer vergeben .Doch ich liess sie liegen, vor vielen Jahrzehnten, ich bildete mir ein sie sei jene Schlange aus der Bibel. Keine Minute hätte es gedauert, der Weg in eine friedliche Ewigkeit. Verlockend schon! Geheimnisvolle und verführerische Offerte am Rande der Pubertät. Gründe gab es keine, keine wirklichen, eher eine Art Abenteuerlust eine Art probier`s doch mal. Nirgendwo böse Männer, nirgends dominierende Mütter oder strafende Lehrer auch keine Quälgeister als Spielkameradinnen. Einfach nur ein Moment des Zweifels sonst nichts. Auch äussere Kräfte können furchtbar sein, im tiefsten Inneren haben wir jedoch alle etwas unzerstörbares so hoffe ich. Mein Gott ist diese Welt gefährlich, das Gefährlichste sind wir, wir selbst. Überall Dämonen…sind es nicht eher unsere eigenen Dämonen die uns quälen, jene Geister die wir gerufen haben. .….gut gut, das Böse steckt nicht in der Pistole. Es steckt in uns…. Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick,
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück Über sieben Brücken musst du gehn....cathari

Also mich erschreckt immer die unverfrorene Anmaßung von religiöser Seite über das "richtige Leben und Lieben" bestimmen zu wollen und zusätzlich lauthals die "Sünder" zu Straftätern zu verurteilen.

So ist es diesmal wieder geschehen.
Sofort melden sich die Gleichgesinnten, um die schamlosen Äußerungen kranker Gedanken einer verhärmten Frau mit "schwerer Kindheit" zu rechtfertigen und im Grundsatz dieser Rede doch zuzustimmen.
'Denn wir Gläubige wissen doch, was richtig ist und dass das Unchristliche nur falsch sein kann. Deshalb können wir uns nur wundern über das "erschreckte Staunen" einfacher Leute, wenn wir mit göttlichem Zeigefinger auf die Ungläubigen weisen und ihnen die "ungeschminkte Darstellung der menschlichen Kreatürlichkeit" vor Augen führen. Seht, so seid ihr, so wie ich es sage, weil ich mehr bin, als ihr anderen Menschen.'

Das hört sich eben nicht nach einer Frage an, Frau Christina Aus der Au, "wie wir in solchen Lebens- und Sterbensgeschichten bestehen können".
Das hört sich nach religiöser Diktatur und Größenwahn an, wenn religiös-fanatische Haudraufs (Christlamisten) die eigene Lebensweise als das Maß aller Dinge definieren.

Erstaunlich, was Sie hier alles als Antwort auf den Artikel von Frau Aus der Au zusammen-konstruieren ! Konstruktivismus pur. Einige konstruieren sich mit grossem Engagement ihre eigene Welt, welche ihre eigenen Vorurteile bestätigt, oder alte Verletzungen schützen soll. Das geht aber nur, wenn man wesentliche Bereiche der Realität ausblendet.

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