Schweizer und die Frühzeit der Globalisierung

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Schweizer und die Frühzeit der Globalisierung

Von Claudia Kühner, 23.03.2021

Die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch zeigt am Beispiel ihrer Vorfahren, den Kitts, wie sich Schweizer schon früh am internationalen Handel beteiligten. Kritisch untersucht sie auch deren Rolle als indirekte Profiteure vom Sklavenhandel.

Für ihre weiter zurückreichende Familiengeschichte hat sich die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch weiter nie interessiert. Bis sie in einem Buch des Historikers Hans Conrad Peyer auf den Namen Salomon Kitt stiess, der einst in der Karibik in koloniale Geschäfte verwickelt gewesen sei. Ina Boeschs Grossmutter hiess Kitt, und die Neugier war geweckt. Über ihre  niederländische Mutter hatte Ina Boesch schon einiges an Kenntnis über Kolonialismus erworben, aber die Schweiz?

Von Zürich bis in die Karibik, USA und Ägypten

Sie machte sich auf die Spur und folgte in einer jahrelangen Recherche der Fährte ihrer Schweizer Vorfahren. Das besondere  Interesse galt jenen unter ihnen, die ihre Grenzen bis weit jenseits von Europa ausdehnten und so etwas erzählten über die globale und koloniale Vergangenheit der Schweiz. Oder anders gesagt auch über die Globalisierung, an deren Beginn der Handel mit Pfeffer, Muskat, Zimt und Nelken stand. Und wo Schweizer tüchtig  mitmischten. So auch die Familie Kitt, wofür die Autorin Zeugnisse in reicher Zahl in der eigenen Familie fand. 

Herausgekommen ist ein Buch, das 500 Jahre zurückschaut und von Zürich nach Frankreich und Holland führt, dann bis in die Karibik, nach Nordamerika, nach Ägypten und zurück nach Zürich reicht. Wir erfahren hautnah, wie die Kitts sich wie andere Schweizer früh aufmachten in die Welt, Chancen witternd oder Schulden entfliehend, und wie sie als Händler auch vom Sklavenhandel profitierten, wenngleich sie ihn nicht selber betrieben und nicht die Kolonialherren waren. Damit greift Ina Boesch auch die jüngeren Schweizer Diskussionen und Ausstellungen zu diesem Thema auf  – Stichwort Familie Escher oder Baumwollindustrie.

Lebendiges Bild vom Alltag

Man erinnere sich an die  umfassende Ausstellung des Landesmuseums 2019 über die Indiennes, die begehrten bedruckten Baumwollstoffe und alle Aspekte ihrer Herstellung, die wesentlich auch mit Sklavenhandel zu tun hatte. Gewürze und Stoffe spielen denn auch bei den Händlern und Kaufleuten in der Familie Kitt eine grosse Rolle, die in Zürich bald zur «durchschnittlichen Oberschicht» gehörten und mit  den grossen Familien teils verwandtschaftlich verbunden war.

Es ist faszinierend, wieviel Quellenmaterial Ina Boesch zutage gefördert hat. Zusammen mit umfangreicher Sekundärliteratur hat sie das in die Lage versetzt, uns ein höchst lebendiges Bild vom Alltag all der Kitts zu vermitteln und ihn gleichzeitig in das grosse historische Ganze einzufügen. Vor allem hat Ina Boesch alle Schauplätze persönlich erkundet, ist buchstäblich den Wegen (manchmal auch nur den vermuteten) ihrer Vorfahren gefolgt und hat in lokalen Archiven nach Zeugnissen gesucht. Eine grosse Zahl von Drucken und Zeichnungen sowie Fotografien illustrieren das Ganze visionell.

Als ungewöhnliches Stilmittel spricht Ina Boesch gerade auf ihren Reisen die Ahnen immer wieder persönlich an, folgt ihren Wegen, mutmasst, was sie sich in jenem Moment vorgestellt oder getan haben und wen sie wohl getroffen haben. So schafft sie immer wieder eine nahe Verbindung und setzt sich ab von einer allgemein gehaltenen Sozial- Wirtschafts- und Kulturgeschichte.

Menschen, die es in die Welt hinauszog

Sie stiess auf Söldner, Ärzte, Pfarrer, Goldschmiede, Gerber, Buchbinder, Fabrikanten, Makler, Händler, Lehrer, Staatsangestellte. Keine herausragenden Figuren der Zürcher Geschichte, aber dadurch ein gutes Bild vermittelnd von Lebenswelten, die von vielen geteilt wurden. Vor allem aber sind es Menschen, die es in die Welt hinauszog, die einiges wagten, auch immer wieder scheiterten und von neuem anfingen.

Es ist – natürlich – vor allem eine Geschichte von Männern. In ihrer Reise vom 16.  bis zum 19. Jahrhundert stellt Ina Boesch im wesentlichen fünf von ihnen vor, aber auch eine Frau. Alles begann, als der Tischlersohn Hans Sebastian Kitt aus dem vorarlbergischen Feldkirch 1535 in Zürich eingebürgert wurde und als Seiler zu arbeiten begann. Sein Sohn Baschi war bereits Mitglied der Zunft zur Saffran, und dessen Sohn Sebastian führte ein Handelshaus und wurde in Lyon und Amsterdam tätig.

Frauen waren, wie wir wissen, in ihren beruflichen Möglichkeiten äusserst beschränkt. Dennoch hat sich Ina Boesch ausgiebig mit Anna Margaretha Kitt (1652–1701) beschäftigt, die in Zürich lebte und einem grossen Haushalt vorstand. Bis ins Detail erfahren wir, wie die Lebenswelt einer wohlsituierten Zürcher Hausfrau damals aussah. Ihre Verbindung zur Welt waren die Gewürze in ihrer Küche, die kostbaren, die über unendlich lange Wege von anderen Kontinenten den Weg nach Zürich fanden. Hinterlassen hat Anna Margaretha ein umfassendes Kochbuch von 1699, das Ina Boesch liebevoll schildert und das natürlich einen wunderbaren Einblick gibt in die Essgewohnheiten jener Epoche – allerdings nur jener der Oberschicht.

Salomon Kitts Erfolge und Scheitern 

Der Kitt, den es dann richtig in die Welt hinauszog, war Salomon Kitt (1744 bis ca. 1825). Sein Grossvater Hans Martin Kitt hatte in Zürich die erste Indiennefabrik gegründet. Unter Hinterlassung eines Schuldenbergs machte sich Salomon auf in die Karibik. Er landete 1779 auf der winzigen niederländischen Insel St. Eustatius, die heute keiner mehr kennt, die damals aber ein Knotenpunkt des internationalen Handels war. Das hatte zu tun mit dem Freihandel der Niederländer und mit dem Umstand, dass sie als eine der wenigen europäischen Handelsmächte nicht in einen Krieg verwickelt waren. Auch Salomon Kitt zog hier ein Handelsgeschäft mit Stoffen und Kleidern auf, immer in enger Verbindung zur alten Heimat Schweiz.

Der Stoff, das waren auch bei ihm die Indiennes, das erste globalisierte Produkt im Dreickshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika. Gegen diesen Stoff wurden bevorzugt Sklaven aus Afrika eingetauscht. Kitt bezog sie aus der Schweiz und verkaufte sie auf St. Eustatius. Die Europäer wiederum waren begierig auf Zucker und Kaffee, die berühmten «Kolonialwaren».  An seinem Beispiel erklärt Ina Boesch ausgezeichnet das System dieser internationalen Handelsbeziehungen und der Rolle, die Schweizer Kaufleute darin spielten – nicht als Sklavenhändler, aber doch als Profiteure.

Aber auch mit diesem Geschäft scheiterte Salomon Kitt am Ende und fing ein weiteres Mal neu an, nun in Baltimore. Spekulation mit Grund und Boden für die neuen Siedler, die in Scharen in Amerika eintrafen und gen Westen zogen, das war seine neue Idee. Auch auf diesem Feld war er schon wie in den Antillen einer der ersten Eidgenossen und der erste Zürcher. Doch wieder ging vieles schief, wieder machte er Schulden. Sein Boden kam unter den Hammer, er selber tauchte schlicht ab.

Armin Kitt – Urgrossvater der Autorin

Der letzte Schauplatz im Buch ist Kairo, wo Armin Kitt (1851–1891), Sohn eines Zürcher Sekundarlehrers, sich niederliess und nach einer kaufmännischen Lehre bei einem Schweizer mit ebenfalls Schweizer Partnern ein Geschäft aufzog. Salomon Kitt war ein Cousin von Armins Urgrossvater (aus Feuerthalen) gewesen, und Armin Kitt ist der Urgrossvater der Autorin. Wieder eine völlig neue Welt, wieder aber auch Anziehungspunkt für nicht wenige Schweizer. Über sie und das Kairo jener Jahre – 1869 wurde der Suezkanal eingeweiht – erfährt man viel und Spannendes. Man kann sich kaum vorstellen, dass es von Europäern geprägte Viertel gab mit allen Annehmlichkeiten, weit entfernt vom Alltag der gewöhnlichen (und armen) Stadtbewohner. Da gab’s den Bankier Kienast aus Kilchberg, Louis Bangerter, ein Uhrmacher aus Bern, oder Rudolphe Kuster aus Wattwil, der sein Handelshaus mit Christian Knöpfel aus Hundwil betrieb, oder der Kaufmann Zollikofer aus St. Gallen. Auch Armin Kitt selber gründete ein Handelshaus und war höchst erfolgreich damit.

Armin Kitt übrigens hat Zürich zwei Mumien geschenkt, einer Frau und eines Mannes. Nur letztere hat «überlebt» und kann  bis heute in der Archäologischen Sammlung besichtigt werden. Auch hier schliesst Ina Boesch an gegenwärtige Debatten an: Wie gehen wir um mit fremden Kulturgütern, die «uns», genau besehen, nicht gehören? Und was heisst es eigentlich, Tote wie eine Sache oder einfach als «Kulturgut» zu betrachten? Ihre kritische Haltung macht Ina Boesch durchaus deutlich.

Ina Boesch: Weltwärts. Die globalen Spuren der Zürcher Kaufleute Kitt. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2021, 275 Seiten, Fr. 38.90

 

Unter den vor 100 Jahren bekannten Kairo-Schweizern würde ich noch die Familie Groppi (mit Abstand grösstes und bekanntestes Restaurant der Stadt) und den Buchhändler Lehnert erwähnen.

Diskussionswürdig schiene mir die Frage, wem von ausgestorbenen Kulturen geschaffene Schätze gehören. Kann das Territorialprinzip hier überhaupt Sinn machen?

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