Schneewittchen im Vatikan

Klara Obermüller's picture

Schneewittchen im Vatikan

Von Klara Obermüller, 15.02.2016

500 Jahre sind es demnächst her, dass Martin Luther mit seiner Reformation die geistige Landschaft Europas umgepflügt und die Christenheit einmal mehr in zwei Lager gespalten hat. Auf Rom scheinen seine Forderungen nach wie vor keinen Einfluss zu haben.

Als Papst Franziskus für 2016 ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausrief, konnte man noch nicht ahnen, was er damit alles im Sinn hatte. Nun weiss man es: Er lässt Bräuche katholischer Volksfrömmigkeit wieder aufleben, die aufgeklärte Katholiken für längst überholt hielten. Das eine ist die Verkündigung eines vollkommenen Ablasses, das andere eine Reliquienverehrung, wie sie auch Rom schon lange nicht mehr erlebt hat.

Volle sechs Tage, von Freitag vorletzter bis Donnerstag vergangener Woche, waren die sterblichen Überreste des angeblich stigmatisierten italienischen Volksheiligen Padre Pio im Petersdom ausgestellt: ein Leichnam, aufgebahrt wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg zur Erbauung der Gläubigen. Zu Zehntausenden strömten sie herbei, darunter vermutlich nicht wenige, die sich von der Berührung der Reliquie ein Wunder erhofften. 33 Millionen Besucher insgesamt werden in Rom bis Ende des Heiligen Jahres erwartet: Touristen, aber auch unzählige echte Gläubige, die überzeugt sind, mit dem Durchschreiten der Heiligen Pforte und dem Empfang des Sakraments in einer der vom Papst bestimmten Kirchen den erwähnten Ablass ihrer Sünden zu erlangen.

Luther würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen könnte, wie wieder auflebt, was ihm einst Anlass seiner reformerischen Bemühungen gewesen war: der Ablasshandel und der Reliquienkult. Gewiss, Reliquien werden nicht mehr gehandelt und Ablasszettel nicht mehr verkauft, ein Geschäft für Rom und den Vatikan ist das Heilige Jahr allemal – und ein Rückschritt in vorreformatorische Zeiten ebenfalls.

Ähnliche Artikel

Ein guter Kommentar! Danke.

Dieser Kommentar verkürzt die Reformation Luthers, so dass er sich tatsächlich im Grab drehen müsste. Die historische Situation war noch weit komplexer, und Luther wollte ja eine Reform, aber keine Spaltung! Sogar Papst Hadrian VI. versprach durch seinen Gesandten am Reichstag von Nürnberg 1523 Reformen ankündigen verstarb aber leider nach einer Amtszeit von 20 Monaten. Es ging damals um weit mehr. So verkürzen darf man auch in einer Satire nicht. Ich empfehle Ihnen mein Buch: Kirchen, Ketzer, Kleriker; Von der Grosspfarrei zur Pfarrei Tuggen. Tuggen und die Obermarch waren reformiert für 2 Jahre. Immerhin eine Kirchengeschichte über 1400 Jahre!

Verehrter Frau Obermüller, es klingt, als wollten Sie andeuten, folgender Satz Karlheinz Deschners gelte nur für die katholische Kirche: "Das wichtigste an der Erlösung ist der Erlös." – Aber das können Sie sicherlich nicht so gemeint haben, oder? Oder habe ich noch nichts davon vernommen, dass die "reformierten" Kirchen, allen voran die Lutherisch-Evangelische in Deutschland, auf ihre staatlich garantierten Pfründe plötzlich verzichtet hätten (ALLE Bischöfe, kath. wie evang., werden z.B. von allen Steuerzahlern und NICHT aus Kirchen-"Steuer" bezahlt … inkl. der Dienstwohnungen und Dienstwagen samt Chauffeur …) und nun – wie ihre Vorbilder (?) Jesus und die Apostel – in einfachste Gewänder gekleidet beschlossen hätten, von den Almosen der Gläubigen zu leben und alles für den Tagesgebrauch überzählige an die Armen zu verteilen, auf eigenen und Kirchenbesitz also zu verzichten? Aber das wäre ja selbst dem alten Luther schon viel zu weit gegangen: Sooo ernst muss man seinen Glauben selbst als Protestant nicht nehmen, oder?
(Vorsicht, dieser Kommentar eines Atheisten kann Spuren von Sarkasmus enhalten!)

Gute Kommentare von Frau Obermüller und von Herrn Kulawik! Um die Bigotterie der religiösen Schwärmer und ihres Hokuspokus (Reliquien-Zauber!) zu verdeutlichen, hätte auch der frühere Papst aus Polen, Karol Wojtyla erwähnt werden können. Jahrelang ex kathedra sanktorum und scheinheilig "unfehlbar" das Zölibat predigen, diesen Unfug anderen aufoktruieren und sie sanktionieren (Der Schweizer Bischof Vogel wurde wegen Vaterschaft aus seinem Amt gemobbt.) Aber selber dann heimlich mit einer "Philosophin" in die Ski- und Zeltferien verreisen. Mit einer verheirateten erst noch! Die ärmste sei "zerrissen" gewesen, berichtete die BBC gestützt auf nun aufgetauchte Briefe. Ja zwischen wem und was denn wohl? Und der zum Schein ach so asexuelle KirchenBoss aus Polen antwortete seiner "lieben Teresa" der "spüre" sie "überall in allen Situationen". Auch wenn sie "weit weg" sei. Wie sehr dann wohl erst auf dem Skilift und abends im Zelt im Schein der Taschenlampe? Wojtyla und seine Teresa seien "mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber" gewesen, behauptet der BBC-Journalist Edward Stourton unverdrossen. Etwas anderes hätte der obrigkeitlich devote britische Sender wohl auch gar nicht ausgestrahlt. War Stourton denn auf dem Zeltplatz mit dabei gewesen – und den beiden Turteltäubchen auf ihren gemeinsamen "Wanderungen" (Wo ein Wille ist, ist meist nicht nur ein Weg, sondern auch ein Gebüsch!) hinterher geschlichen? Wir sagen laut: Pape erlapap! Wenn etwas aussieht wie ein Frosch und quakt wie ein Frosch, dann ist es auch ein Frosch.
Und quake der noch so zölibatär dahär! Niklaus Ramseyer

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren