Schindluderei mit der Historik

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Schindluderei mit der Historik

Von Pierre Simonitsch, Genf - 06.11.2011

Geschichte werde nicht von ihren Akteuren gemacht, sondern von jenen, die sie aufschreiben, lautet ein alter Spruch. Mit keiner anderen Wissenschaftssparte wurde und wird so viel Schindluder getrieben wie mit der Historik.

Zwar versuchten nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere europäische Staaten durch gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte und kulturellen Austausch einen dauerhaften Frieden zu sichern. Das deutsch-französische Projekt stiess auf keine grossen Widerstände, weil sich die beiden Länder freundschaftlich gegenüberstehen. Es beeinflusste aber kaum das Bild, das sich die meisten Deutschen und Franzosen weiterhin voneinander machen, stellte Rolf Wittenbrock von der Saarland-Universität auf einem internationalen Symposium fest, das Ende Oktober in Tokio stattfand.

Das Symposium stand unter der Ägide der UNO-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), die ihm einen griffigen Titel verpasste: „Multilaterale Geschichtsbücher – ein politisches Minenfeld oder Pfad zum Frieden?“ Mitveranstalter waren die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung. Die Teilnehmer kamen vorwiegend aus Japan, China, Südkorea, dem Nahen Osten und Ex-Jugoslawien.

"Bereinigte" Schulbücher

Ein gutes Schulbuch sei ein Buch, das ohne jegliche Voreingenommenheit, Stereotypenbildung oder Intoleranz gegenüber anderen Kulturen geschrieben wurde, fasst der Schlussbericht die Meinungen der Konferenzteilnehmer zusammen. Auch heute noch entstünden selbst in modernen demokratischen Industriestaaten „bereinigte“ Schulbücher. Hier könne der multilaterale Ansatz mit seinen verschiedenen Blickwinkeln auf die gleichen Geschichtsereignisse helfen. Es bleibe aber weiterhin schwierig, sich bei sensiblen Themen auf ein Ergebnis zu einigen.

Die Regierungen sind bei der Wahrheitssuche nicht immer hilfreich. Welche Steine die Obrigkeit einer seriösen Geschichtsforschung in den Weg liegt, belegte die Konferenz anhand konkreter Beispiele. So berichteten Shai Baruch Miselman von der Bocker-Schule in Israel und Sami Adwan von der Universität Betlehem über die Schwierigkeiten einer gemeinsamen Projektarbeit israelischer und palästinensischer Forscher.

Deren Arbeit werde von den Behörden eng überwacht, gab Miselman zu Protokoll. Das israelische Bildungsministerium verbot den Einsatz des Buches als Lehrmaterial. Einige Lehrer benutzten das Werk trotzdem. Nach Protesten von Eltern drohte ihnen das Ministerium mit dem Entzug der Arbeitserlaubnis.

Freiheitskämpfer oder Terroristen?

Dabei erhebe das Buch keinen Anspruch auf eine „vollkommene Wahrheit“, erläuterte Adwan. Die Geschichtsforscher versuchten bloss, gemässigte unterschiedliche Meinungen in den finalen Lehrbuchtext einfliessen zu lassen. Links- oder rechtsextreme Ansichten seien ausgeklammert worden. Aber allein die Frage, ob die palästinensischen Aufständischen als Freiheitskämpfer oder Terroristen zu bezeichnen seien, habe heftige emotionale Diskussionen ausgelöst.

Die israelischen Behörden behinderten die Arbeit durch Reiseverbote für die israelischen Projektteilnehmer in die palästinensischen Gebiete. Für die Forscher war es leichter, sich gelegentlich in Deutschland zu treffen. Zuhause erhielten sie und ihre Familienangehörigen mehrmals Morddrohungen. Trotz dieser grossen Schwierigkeiten bezeichneten aber Adwan und Miselman die Zusammenarbeit von Mitgliedern zweier verfeindeter Länder und Gesellschaften im Ausnahmezustand als einen Erfolg.

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben es objektive Geschichtsforscher ebenfalls schwer, gegen die verbreitete Überhöhung der eigenen Nationalität anzukämpfen. Melisa Foric von der Akademie der Wissenschaften und Künste in Sarajewo präsentierte ein viersprachiges Lehrbuchprojekt, an dem 20 Autoren aus drei Ländern beteiligt sind. Unterstützt wird ihre Arbeit vom Europarat, der EU und zahlreichen Nicht-Regierungs-Organisationen. Das Projekt versucht die Trennungen zwischen den einst unter einem Dach zusammenlebenden Völkern durch einen Dialog über die wunden Punkte ihrer Geschichte zu überwinden.

Deutsch-französische Initiative einer gemeinsamen Geschichtsaufarbeitung

Nach den Jugoslawienkriegen und der Auflösung der Föderation liessen die neuen Staaten nur Geschichtsbücher zu, die ihre „völkische Identität“ bestätigten. Laut Foric wiesen diese Geschichtsinterpretationen deutliche Unterschiede auf. Dazu kam, dass die neuen Balkanstaaten kaum Beziehungen zueinander pflegten.

Gegenseitige Schuldzuweisungen und Gründungsmythen wie der Kult in der Früheren Jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM) mit Alexander dem Grossen schossen ins Kraut. Die unter Federführung der Akademie von Bosnien-Herzegowina verfassten gemeinsamen Lehrbücher wurden bisher von den Bildungsministerien der Nachfolgestaaten Jugoslawiens nicht genehmigt. Da sie kostenlos verteilt werden, finden sie aber in vielen Schulen Verwendung.

Der japanische Forscher Tawara Yoshifumi und sein koreanischer Kollege Kim Mingyu kritisierten rechtsnationale Verleger in Japan, die in den neuesten Auflagen ihrer Geschichtsbücher erneut Japans angebliche Rolle im Zweiten Weltkrieg als Retter Ostasiens verherrlichen, die Kriegsverbrechen des japanischen Militärs hingegen ausblenden oder sogar zu rechtfertigen versuchen. Diese Bücher werden vom japanischen Bildungsministerium anerkannt. Yoshifumi und Kim lobten die deutsch-französische Initiative einer gemeinsamen Geschichtsaufarbeitung. Ihrer Meinung zufolge könnte dieser Ansatz möglicherweise auch in Ostasien bei der Erarbeitung eines multilateralen Geschichtsbuches hilfreich sein.

Sven Saaler von der Friedrich-Ebert-Stiftung, der an der Tokioter Sophia-Universität lehrt, widersprach der Auffassung, wonach Japan seine Geschichte nicht aufgearbeitet habe. Vielleicht gebe es aber noch viele Politiker und grosse Teile der Gesellschaft, die mit der Entschuldigung Japans für seine Kriegsverbrechen nicht einverstanden sind, meinte er. Dies sei ein Unterschied zu Deutschland, wo das vollkommene Eingeständnis der Kriegsschuld nicht nur Staatsräson ist, sondern auch von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft getragen werde.

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