Schafft die Adjektive ab! Und die Adverbien dazu!

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Schafft die Adjektive ab! Und die Adverbien dazu!

Von Heiner Hug, 01.04.2016

„Wenn Sie ein Adjektiv sehen, bringen Sie es um“, schrieb einst Mark Twain. Vielen fehlt der Mut, zum Adjektiv-Mörder zu werden.

Die meisten Adjektive sind ausgelutscht, nichtssagend und haben ihre Bedeutung verloren. Viele könnten ersatzlos gestrichen werden. Einen Mehrwert, eine Zusatzinformation liefern sie selten.

Ein Lärm ist nie nur ein Lärm, sondern er ist „ohrenbetäubend“. Ein Mord ist nie nur ein Mord, sondern ein „schrecklicher Mord“ – als ob es erfreuliche Morde gäbe. Und ein Schrillen ist nie nur ein Schrillen, sondern ein „lautes Schrillen“. Flugzeugabstürze sind „furchtbar“, eine Hungersnot ist „dramatisch“ und Schlägereien mit einem Schwerverletzten sind „brutal“.

Der Wille ist nie nur ein Wille, sondern ein „unbeugsamer“ Wille, eine Leidenschaft ist immer „unbändig“, ein Held ist ein „strahlender“ Held, die Wut ist „verzweifelt“, Kopfschmerzen sind „bedrückend“, die Kälte ist „eisig“ oder „klirrend“, und das Schweigen ist „misstrauisch“.

Mit ihrem verschwenderischen Einsatz von ausschmückenden Adjektiven und Adverbien wollen gewisse Schreiber ihre vermeintlich literarische Begabung zum Ausdruck bringen und sich als kreative Sprachschöpfer inszenieren. Das Ergebnis ist oft nur peinlich.

Da gibt es diese dämlichen Füllwörter und Pleonasmen: Resümierende Zusammenfassung, exemplarisches Beispiel, laut brüllen, leise flüstern, schnell rennen, selbstlose Hingabe, emotionale Gefühle, kurzgeschnittener Bürstenschnitt, wallende lange Haare.

Oder: „Er ist ein überzeugter Veganer“. Wenn er nicht "überzeugt" wäre, wäre er kein Veganer. Oder: „Er ist ein fanatischer Opernliebhaber und geht jede Woche in die Oper“. Wenn er kein "fanatischer" Opernliebhaber wäre, ginge er nicht jede Woche in die Oper.

Die Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man (einem Text) nichts mehr hizufügen kann", schrieb Antoine de Saint-Exupéry, "sondern wenn man nichts mehr weglassen kann".

(“La perfection est atteinte, non pas lorsqu'il n'y a plus rien à ajouter, mais lorsqu'il n'y a plus rien à retirer.”)

Viele Adjektive und Adverbien sind überflüssig. Wahrscheinlich könnte man jedes zweite Adjektiv weglassen. In Papua-Neuguinea soll es eine Sprache geben, die nur fünf Adjektive kennt: gross, klein, gut, schlecht, andere.

Viele Adjektive haben wegen ihres inflationären Gebrauchs längst ihre Kraft verloren: Schrecklich, wunderbar, wunderschön, herrlich, katastrophal, furchtbar, einzigartig, schlimm - was heisst das schon? Das sind nur noch Worthülsen.

„Die Flutwelle hinterliess ein schreckliches Chaos“. „Schrecklich?“ Das erschüttert uns kaum. Das geht zum einen Ohr rein und zum andern raus. Wieso beschreibt man nicht mit einigen Worten das Chaos?

„Da schreien Menschen, da liegen Tote, Häuser sind weggerissen, die Strassen sind unpassierbar, Schwerverletzte werden in die eingestürzten Spitäler gebracht, überall wimmernde Kinder.“ Das geht unter die Haut, das bleibt hängen. Das „schreckliche Chaos“ nicht.

Oder: „In Jemen herrscht eine schwere Hungersnot“. Das berührt uns kaum. Wieso sagen wir nicht: „Jeden Tag sterben Tausende Kinder an Hunger. Zehn Millionen Menschen sind unterernährt. Die saudische Blockade führt dazu, dass immer weniger Nahrungsmittel ins Land gelangen. Krankheiten breiten sich aus. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen“.

Wer zu billigen Adjektiven Zuflucht sucht, zeigt, dass er die Lage nicht beschreiben kann. Wer schreibt, es herrscht ein „unbeschreibliches“ Elend, gibt zu, dass er nicht fähig ist, es zu beschreiben. Man kann alles beschreiben.

Georges Clemenceau war Journalist, Verleger, Chefredaktor und später zwei Mal Ministerpräsident der dritten französischen Republik. Zudem ging er als Adjektiv- und Adverbien-Töter in die Geschichte ein.

Als Chefredaktor der Zeitung „L’Aurore“ verfasste er für seine Redaktoren ein Zirkular: „Macht kurze Sätze. Die Journalisten sollen nicht vergessen, dass ein Satz aus einem Subjekt, einem Verb und einem Objekt besteht. Jene, die ein Adjektiv verwenden wollen, sollen zur mir ins Büro kommen. Wer ein Adverb verwendet, wird zur Tür hinausgeworfen“.

("Faites des phrases courtes. Les journalistes ne doivent pas oublier qu'une phrase se compose d'un sujet, d'un verbe et d'un complément. Ceux qui voudront user d'un adjectif passeront me voir dans mon bureau. Ceux qui emploieront un adverbe seront foutus à la porte.")

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How happy would you be if there is only one adjective/adverb to replace them all?
This happens in spoken English of a certain kind. The word is "fucking" and it is used to the extent that one does not know any longer if people are fuckin' talking or talkin' fucking.
There are others like "cool" or whatever the latest fashion word is.
All languages of the world are in danger of being invaded by English - do not give in; be proud of the difference in your own language.
I do agree with you that one should not overdo the 'flowery' language. It does seem to be a quality in newspapers and other media that have to fight for attention (and profit).

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