„Rosie“: eine störrische, launische, witzige Alte

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„Rosie“: eine störrische, launische, witzige Alte

Von Esther Fischer-Homberger, 23.05.2013

-Homberger** Gislers neues, preisverdächtiges Werk wirft den Blick auf die Engen von Schweiz, Familie und Bewusstsein und auf die Weiten eines liebevollen Hinschauens.

Alter und Alkoholismus der eigensinnigen, vitalen, zurückgezogen lebenden Rosie (Sibylle Brunner) münden in bedrohliche Zwischenfälle und zwingen deren Kinder Lorenz und Sophie, sich ihrer gemeinsam anzunehmen. Eigentlich sollte sie ins Altersheim, will aber nicht.

Der Sohn wohnt als Autor in Berlin

Rosie ist seit langem verwitwet, ihr Mann war Boxer gewesen. Sophie (Judith Hofmann) wohnt, unglücklich mit ihrem Partner, nahe bei ihr, in Altstätten, möchte aber deswegen nicht die Hauptverantwortung für die Mutter tragen müssen. Lorenz Meran (Fabian Krüger), ein namhafter Autor, wohnt schon seit vielen Jahren in Berlin, man kennt ihn vom Fernsehen. Ein schwuler Single, lebt er dieser Zeiten illusionslos, ein wenig eitel vielleicht, in halb eingestandener Schaffenskrise, eine freundlich-unbewegte Fremdheit und Wehmut auf dem Gesicht – nur dass das Elend von Schwester und Mutter ihn nervt.

Für Sex mit dem jungen Mario (Sebastian Ledesma), dem Sohn einer Altstätter Bekannten, ist er zu haben, für Liebe nicht. Auf die Frage eines angereisten Journalisten, ob es ihn störe, wenn er als homosexueller Autor gehandelt werde, antwortet er, nein, es störe ihn lediglich, dass man andere nicht als heterosexuelle Autoren bezeichne.

Ein Bündel von aktuellen Fragen

Der Film „Rosie“ handelt von Alter, Familiendynamik und Familiengeheimnissen, von Sucht, Sex, Angst und Liebe, vom Verhältnis zwischen Generationen und Geschlechtern, zwischen Stadt und Land, zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch, zwischen den Kulturen. Er reagiert in diesem Sinne auf ein ganzes Bündel von aktuellen Fragen. Das habe mit den Produktionsverhältnissen zu tun, sagte Marcel Gisler, der Filmer, in einem Gespräch anlässlich der Solothurner Filmtage. Er habe verschiedene Projekte für Filme im Köcher, dieses habe nun als erstes seine Produzentin gefunden. Im idealen Falle könne „Rosie“ die Realisierung eines nächsten, vielleicht etwas weniger publikumsgängigen Werks ermöglichen. Und ein etwas weniger gedrängtes Arbeiten – für das Drehen von „Rosie“ mussten fünf Wochen reichen.

In längerer Perspektive wünscht sich Gisler auch, immer wieder mit denselben Leuten, zusammenarbeiten zu können, wie das Rainer Werner Fassbinder auf für ihn vorbildliche Weise getan hat. Eine solche „Filmfamilie“ müsste man dann aber auch ernähren können, sagt er, das ist noch Utopie. Denn Marcel Gisler hat seit 14 Jahren nichts mehr auf die Leinwände gebracht.

Ein Altstätter in Berlin

„Rosie“ trägt autobiographische Züge: „Mein Heimatort Altstätten in der Ostschweiz, eine Kleinfamilie mit zwei Kindern, einer Tochter, einem Sohn, der früh verstorbene Vater, der Profiboxer gewesen war, die Spekulation über seine Homosexualität, die Vereinsamung der Mutter – all dieses autobiographische Material bildet den Rahmen der Filmerzählung“ merkt Marcel Gisler an. Innerhalb dieses Rahmens habe er sich allerdings ziemlich frei bewegt, nur bei der „Rosie-Figur“ habe er sich um Authentizität bemüht, „Rosie“ sei eine Hommage an seine Mutter, die vor zehn Jahren gestorben sei.

Gisler, vom Film fasziniert, ist früh aus der Enge des Sankt Galler Rheintals weg nach Zürich, dann nach Berlin gezogen. Die Filmhochschule, die er dort besuchen wollte, hat ihn indessen abgewiesen. „Fang selber an“, riet ihm Rosa von Praunheim – so hat er mit Freunden eine dem „cinéma copain“ verpflichtete Filmgruppe gegründet . Im „cinéma copain“ wird „mit minimalen Mitteln, kleiner Equipe und einem eher durch freundschaftlich-kollegiale Beziehungen regulierten Team“ gearbeitet, schreibt das on-line Filmlexikon der Universität Kiel (http://filmlexikon.uni-kiel.de/). Seine Rede- und Arbeitsweise stamme wohl aus der Schweiz, dort hätten unter anderem Alain Tanner und Clemens Klopfenstein ihre Projekte auf diese Weise realisiert.

Früher, fast zu früher Erfolg

So hat Gisler 1985 seinen ersten Film herausgebracht: „Tagediebe“, wofür er in Locarno gleich mit dem silbernen Leoparden ausgezeichnet worden sei. Es folgten zwei weitere Filme, dann 1999 „F. est un salaud“ (nach Martin Franks Roman «Ter Fögi isch e Souhung» von 1979). Auch diese späteren Werke sind mit Preisen ausgezeichnet worden, aber der Filmer konnte schliesslich nicht genug Geld für weitere Produktionen finden. Er sei irgendwie als „Unschuld vom Land“ in die Grossstadt gekommen, habe nicht recht gewusst, wie man sich da sozialisiere, wie man ein Netzwerk schaffe, wie man seine Förderer bei der Stange halte, wie man das nötige Geld für seine Projekte zusammenkriege. Er sei schüchtern gewesen, empfindlich, und vielleicht auch ein wenig arrogant; durch seinen frühen, vielleicht etwas zu frühen Erfolg verwöhnt, aber auch allzu exponiert.

Eines von Gislers aktuellen Projekten ist ein Dokumentarfilm über einen Mann, der Ende der 1990er Jahre blutjung zu Weltbekanntheit aufstieg und jetzt frühpensioniert mit einer generalisierten Angststörung in kleinstem Umkreis lebt.

Zwischen 1999 und 2008 hat Marcel Gisler es daher vorgezogen, als Gastdozent an diversen Schweizer Kunstschulen zu unterrichten, 2003 bis 2006 hat er als Drehbuchautor für die TV-Serie „Lüthi & Blanc“ gearbeitet. Seit 2009 lehrt er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin, die ihn seinerzeit als Studenten abgewiesen hat. Er mache seine Filmschule jetzt, mit den Studenten, sagte der Filmer dazu lächelnd, überdies habe ihm die Zeit als Dozent und Drehbuchautor etwas finanzielle Sicherheit verschafft.

Der reife Filmer meldet sich zurück

Und nun meldet sich Gisler als überzeugender, reifer Filmemacher zurück. „Rosie“, Eröffnungsfilm der diesjährigen Solothurner Filmtage, wurde dort sehr gut aufgenommen und danach, „in allen relevanten Kategorien – Bester Spielfilm, Bestes Drehbuch, Beste Haupt- und NebendarstellerInnen – für den Schweizer Filmpreis nominiert“, wohlverdient, wie ich meine.

Man merkt ihm die gute Teamarbeit mit guten Leuten an, einen Ansatz zur funktionierenden „Filmfamilie“: Bettina Böhler hat schon für Gislers „Die blaue Stunde“ (1991) den Schnitt gemacht, Sophie Maintigneux die Kamera schon für „F. est un salaud“. Die Geschichte wird in dichten, verschieden gestimmten Episoden chronologisch, einfach, detailliert erzählt, grosse Linien werden erkennbar, dazwischen ist immer wieder der fahrende Blick auf Autobahn und Strasse eingeschaltet, begleitet von Musik, und kurze Besinnungspausen vor dunkler Leinwand. Und immer wieder schläft und träumt Lorenz in der Wohnung seiner Mutter.

Auseinandersetzung mit der Herkunft

Gesprochen wird, ausser wenn der berühmte Autor Telefone aus Deutschland bekommt, in unverfälschtem Schweizerdeutsch – „Rosie“ ist unter allem anderen auch die Geschichte einer ebenso kritischen (auch selbstkritischen) wie liebevollen Auseinandersetzung eines Land-flüchtigen mit seiner Herkunft. Und eine Liebesgeschichte: Am Ende des Films zeigt sich Lorenzens sonst wenig ausdrucksfrohes, durchsichtiges, in sich gekehrtes, Gesicht etwas durchsichtig – auf eine produktive Auflösung hin.

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