Revolutionär und Staatsmann

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Revolutionär und Staatsmann

Von Daniel Vischer, 30.11.2016

Fidel Castro war ein Grosser. Diese Aussage mag heute erstaunen. 1970 hätten mir im linken Umfeld wenige widersprochen. Heute mag das anders sein.

Für mich und viele meiner Generation war Fidel Castro der Inbegriff des Revolutionärs. Ein Stück weit sind wir durch ihn politisiert worden, durch ihn bekamen wir einen Blick auf die Revolution in der Dritten Welt.

Unnachahmliche Lockerheit

Denn die kubanische Revolution war in den sechziger Jahren bestimmt das Ereignis, das auf die europäische Linke nebst dem Vietnamkrieg die grösste Ausstrahlung hatte. Das hatte auch damit zu tun, dass sie von allen Revolutionen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts über das weitaus beste Marketing verfügte. Sie war gegenwärtig in hunderten von Fotos, die in Illustrierten und Filmen um die Welt gingen und das Heldenepos des Guerillakampfes von der Landung der Gramna bis zum Einzug der Revolutionäre in Havanna am 1. Januar 1959 erzählten. Aus ihnen sprach vor allem auch eine unnachahmliche Lockerheit, die wie ein Hauch über der kubanischen Revolution lag.

Fidel wurde schnell zu einem weltweit wahrgenommenen revolutionären Player, weil er den Tatbeweis der erfolgreichen Revolution, die plötzlich zur Herausforderung eines ganzen Kontinentes geworden war, schon mit 33 Jahren erbracht hatte. Er war von Anfang an die prägende Figur der kubanischen Revolution und in der Folge auch für den Staatsaufbau. Che Guevara wurde zum Mythos der Revolution, Fidel war deren Stratege. Dadurch wurde er auch alsbald zum Hauptfeind des amerikanischen Imperialismus, was anfänglich keineswegs feststand.

Blamage in der Schweinebucht

Denn als er noch in den Bergen gegen Batista kämpfte, bekundeten durchaus auch Amerikaner aus dem Establishment Sympathie mit Fidels Guerilla. Das änderte freilich nach der Revolution rasch, als Fidel eine Agrarreform und Verstaatlichungen in der Industrie, etwa im Bergbau, einleitete und damit die Revolution ein soziales antikapitalistisches Gesicht bekam. Die USA brachen danach die Beziehungen zu Kuba ab und leiteten eine brutale Embargopolitik ein. Es nötigte Kuba internationalen Respekt ab, dass es fortan gelang, die Revolution gegen die USA zu verteidigen. Die Invasion in die Schweinebucht wurde zur grossen Blamage und zu einem Triumpf für Fidel, der selbst unzählige Mordversuche des CIA überlebte. Diesen de facto Kriegszustand, der unter Eisenhower begann, von Kennedy dann forciert wurde, und die folgenden Präsidenten überdauerte, begann erst Obama aufzulösen.

Relativ zwangsläufig brachte dies Kuba ins Bündnis mit der Sowjetunion. Es gehört zu den nach wie vor umstrittenen Fragen, wie sehr das Eingehen dieses Bündnisses und dem sich dann abzeichnenden kommunistischen Weg von Anfang an bei Castro angelegt war. Castro startete als Nationalrevolutionär. Die kommunistischen Parteien Lateinamerikas und, bevor er sie übernahm, auch jene Kubas gehörten nicht zu seinen sonderlichen Freunden. Nicht zuletzt, weil sie nie begriffen hatten, und das zählte zur Kerndoktrin des Castrismus, dass die Führung des revolutionären Kampfes bei der Guerilla auf dem Lande liegt und nicht bei den revolutionären Massen in der Stadt. Kuba schloss sich zwar dem Ostblock an, die castristische Guerilla gesellte sich in den Kreis der kommunistischen Parteien, Ostblock-Sozialismus herrschte in Kuba aber nie.

Schockstarre

Denn Fidel freundete sich nie mit der Rolle an, ein kommunistischer Parteichef unter Parteichefs zu sein. Seine Eigenständigkeit liess er sich nicht nehmen. Sein Terrain war die Weltrevolution. So suchte er auch immer wieder, militärisch in Afrika einzugreifen, etwa als er die angolanische Befreiungsarmee MPLA gegen Savimbi, auf den die Amerikaner setzten, unterstützte. Seine Eigenständigkeit unterstrich er auch mit unterschiedlichsten Kontakten zur europäischen Kulturlinken. Zu ihnen gehörte Sartre, zu ihnen gehörten aber auch Antipsychiater wie Franco Basaglia und David Cooper, die anfänglich das kubanische Psychiatriewesen mitaufbauten.

Fraglos erlebte Kuba seine erfolgreichste Zeit während der Zeit des Kalten Krieges, als es feste wirtschaftliche Beziehungen mit der Sowjetunion und dem gesamten Ostblock unterhielt und von Wirtschaftshilfe profitierte. Bescheidener Wohlstand wurde in den achtziger Jahren möglich. Dazu kam ein exzellentes Bildungs- und Gesundheitswesen, das in Lateinamerika sonst seinesgleichen suchte. Es war auch die Zeit, als Kuba bei der Blockfreienbewegung, im Rahmen der Uno, bei tausenden Konferenzen eine Rolle spielte, die über die Grösse des Landes hinausging und sich alleine der Authentizität der eigenen Revolution verdankte. Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte in Kuba zur Schockstarre.

Nun war von einem Tag auf den anderen Kuba auf sich selbst zurückgeworfen. Alle Träume von der Weltrevolution waren zu Ende. Das Ende der Geschichte war angebrochen: Der Weltkapitalismus hatte gesiegt. Dass Kubas Sozialismus, oder was davon übriggeblieben ist, überlebte, ist ein Wunder. Aber es war klar: der Castrismus war an das Ende seiner Perspektive gekommen. Er war bestenfalls noch ein regionales Ereignis.

Enorme Makel

Das erste ALBA-Abkommen zwischen Venezuela und Kuba im Jahre 2004 führte dann nach überharter Durststrecke zu neuen Hoffnungen auf wirtschaftliche Entwicklung; Venezuela exportiert sein Öl, Kuba Aerzte und Pflegepersonal. Seither bewegt sich Lateinamerika, Hugo Chavez hatte eine neue Dynamik erzeugt. Seit 2006 war Fidel nicht mehr an der Macht. Sein Bruder Raul führte den Staat, wie es heisst, reformerischer als Fidel, der bis zum Schluss schwere Bedenken gegen Obamas Öffnungspolitik formulierte.

Und nun ist Fidel tot. Er prägte eine Epoche von vier Generationen in Kuba als Revolutionär und als Staatsmann; sein Wirken hatte lange eine kräftige Ausstrahlung auf ganz Lateinamerika. Das wird bleiben. Fidels Grösse weist freilich Makel auf. Enorme Makel. Dort, wo gefoltert wurde, politische Gefangene gehalten, Homosexuelle verfolgt wurden. Und zu beatworten bleibt die Frage nach der Demokratie. Dabei ist allerdings ein hohes Kunststück zu schaffen, nämlich freie Wahlen durchzuführen und gleichzeitig zu verhindern, dass auch Kuba dem Sog der Finanzmärkte unterworfen wird und als Staat zerfällt.

Alle fragen sich nun: Ist mit Fidel auch der kubanische Sozialismus gestorben? Vielleicht ist es ausgerechnet Donald Trump, der das verhindert.

Kommentare

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Natürlich haben die Kommentatoren recht. Ohne Fidel Castro und die Revoution wäre Kuba vielleicht bis heute im Besitz Meyer Lanskys und Kabalen geblieben. Ein Nachkomme habe aber schon einen Anspruch auf Rückgabe des damals entzogenen Eigentums gestellt. Vielleicht klappt das dann zuletzt noch, jetzt mit dem neuen US Präsidenten und seinen familiären Verbidungen.

Ja, Fidel Castro war ein Grosser, und ein Dummkopf dazu. Dass Sie, Herr Vischer, ihm auch nach seinem Ableben noch immer auf den Leim gehen, spricht weniger für seine Grösse, sondern von seiner Ausstrahlung auf Menschen, die es sich leisten könnten, Despoten zumindest zu verachten. Dem eigenen Volk wurde dies, mit freundlicher Unterstützung des Westens, ein halbes Jahrhundert verwehrt.
Dass man in Anbetracht der unsäglichen Unterdrückung des kubanischen Volkes auch noch findet, dass Castro ein grosser Staatsmann war, spricht Bände.

Fidel Castro war ein Herrscher, welcher nur deswegen überlebte, weil der Westen und die Russen es so wollten. Die USA missbrauchten den nützlichen Idioten, um ihr Feindbild zu manifestieren und gleichzeitig die eigene Rüstungsindustrie zu beflügeln. Ähnlich wie Nordkoreas Kim. Glauben Sie im Ernst, der CIA hätte ihn nicht um die Ecke bringen können?

Das kubanische Volk wird heute noch von Raul Castro, einem 85-jährigen Jungspund, unterdrückt. Dieser scheint, bei offenbar guter körperlicher Gesundheit, noch einige Jahre regieren zu wollen. Es ist unglaublich, dass hier keiner den Kubanern hilft. US-Präsident Barack Obamas halbherzige Aktion war typisch Obama-like; der kenianische Prediger aus dem hawaiianischen Chicago redete auch diesbezüglich viel und leistete nichts. Kubas Situation wird sich mit Donald Trump kaum ändern.

Fidel Castro war meiner Meinung nach seit jeher der oberste Cüpli-Sozialist. Die Zeche zahlte, wen wundert`s, sein Volk.

Fidel Castro war nichts anderes als ein blutrünstiger Diktator mit sozialem Anstrich. Er verbündete sich mit einer noch viel blutrünstigen Macht, nämlich der Sovietunion. Der Kommunismus hat im 20 Jahrhundert nur Unglück über die Welt gebracht! Es zeugt vom tiefen antidemokratischen Charakter grosser Teile der Linken, wenn sie solche Regime verharmlosen. Was hat der Kommunismus dem tatsächlich ausgebeuteten Industriearbeiterproletariat gebracht? Nur noch mehr Elend! Die von der Demokratischen Partei in den USA gestellten Präsidenten hatten die richtige Antwort: Soziale Reformen und die Forcierung der Bürgerrechte für alle Bürger, statt blutiger Kommunismus!

Ja, Herr Vischer, da gibt's noch eine Tabuzahl: Castro vertrieb 3 Millionen seiner Landsleute, während fast niemand in seinem Land um Asyl ersuchte.

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