Ostern - kein berauschendes Finale

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Ostern - kein berauschendes Finale

Von Journal21, 24.04.2011

Dr. theol. Herbert Kohler ist seit 1994 Pfarrer an der reformierten Kreuzkirche in Zürich Hottingen. Seit 2000 ist er Dekan des Pfarrkapitels und Radio-Prediger (2000 - 2006). Er war Mitarbeiter an der Neuübersetzung der Zürcher Bibel, die 2007 erschienen ist. "Journal 21" hat ihn gebeten, eine Oster-Predigt zu verfassen.

Dr. theol. Herbert Kohler, Pfarrer in Zürich, Dekan des Pfarrkapitels

Auf der Suche nach Ostern

Ostern ist heute, in nachchristlichen Zeiten, für viele einfach ein Frühlingsfest: man feiert das Erwachen der Natur, das Blühen der Osterglocken, das Erleben neuer Fruchtbarkeit, man pflegt das Osterbrauchtum. Und nicht zuletzt freut man sich: wegzufahren in den Süden, wo die Sonne wartet. Und wer nicht mehr zur Messe geht, kann sich das päpstliche Urbi et orbi am Fernsehen anschauen.

Ostern lebt aber nicht nur vom Brauchtum, sondern von Geschichten. Sie erzählen auf ihre Weise das Unfass-liche, das geschehen ist. Sie zeigen uns einen Gott, der dabei war: der seine Leidenschaft in der Passion gezeigt hat und sich auch durch den Tod nicht beirren liess. Sie erzählen von einem Gott, der sich ganz ins Leiden hineingegeben hat.

Und sie denken den Gedanken einer grossen Ver-wandlung: Gott selber war in diesem Tod und hat ihn verwandelt in ein anderes, neues Leben. Und er hat dadurch unserem Leben eine neue, menschliche Tiefe gegeben. Ostern ist kein rauschendes Finale, das alles Vorherige in den Schatten stellt, aber doch ein unvergleichlicher Wendepunkt.

An Ostern feiert das Christentum die Auferstehung Jesu von den Toten. Es ist der Abschluss der Passionszeit und auf gewisse Weise die Krönung einer langen Leidengeschichte. Was aber heisst hier Krönung? Wofür steht Ostern? Warum ist Ostern der Anfang einer Glaubensbewegung, die nicht mehr aufhört?

Drei Frauen am Grab

Wendet man sich den Ostergeschichten der Evangelien zu, so wird man enttäuscht. Denn es liegt ein eigenartiger Schleier über dem Ostermorgen. Drei Frauen – Maria aus Magdala, und Maria, die Mutter des Jakobus und Salome - sind unterwegs zum Grab, ausgerüstet mit feinem Oel, um den Leichnam des toten Freundes Jesus zu salben, wie es damals Brauch war. Sie wollen etwas tun, und erfahren doch, dass sie fehl am Platz sind. Früh sind sie aufgebrochen, und sie kommen doch zu spät.

Bis zum Schluss hatten sie damals nach der Verurteilung bei Jesus ausgeharrt, als es mit ihm zu Ende ging. Sie mussten mitansehen, wie das Böse triumphiert, wie so oft. Und wie Jesus nicht davor bewahrt wurde. Wie man ihn gedemütigt hat, ihm seine Würde nahm. Es blieb nicht mehr viel übrig von ihm. Und nun stehen sie draussen am Grab, und es ist leer. Und dieser Augen-blick ist verstörend.

Auch wir stellen uns den Ostermorgen anders vor, sind enttäuscht von der dürftigen Geschichte, die ganz ohne Bilder auskommt. Da wird uns kein Wunder vorgeführt: mit Erscheinungen, Visionen, göttlichen Zeichen, die den Triumph des neuen Lebens über den Tod markieren. Alles ist karg, zu sehen gibt es fast nichts. Und dennoch steckt in dieser Szene die Botschaft von Ostern, die uns an die Kraft der Auferstehung glauben lässt.

Der Engel des Lebens

Was den verstörten Frauen hilft, ist die Stimme eines Engels, der sie anredet und das tödliche Schweigen durchbricht. Erschreckt nicht. Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden. Er ist nicht hier. Geht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen. (Markus 16,6--8)

Ein fremder Bote steht am Eingang des Grabes, redet ein Wort zur rechten Zeit und schickt die Frauen weg – auf einen neuen Weg. Ostern ist das Ereignis des Weggewiesenwerdens. Weggewiesenwerden vom Grab, vom Ort des Todes. Die Ostergeschichte mutet uns zu, nicht beim leeren Grab stehenzubleiben, sondern aufzubrechen, nach vorne zu blicken, ohne schon zu wissen, wie der Weg weitergeht.

Gerade weil wir wissen, dass Gräber binden, sollen wir uns lösen. Nicht nur die Gräber uns naher Menschen binden, auch unsere begrabenen Wünsche und Hoff-nungen können uns binden, und so festhalten, dass uns der Blick nach vorne verstellt ist.

Ist es nicht auch unsere Hoffnung, dass wir weg-gewiesen werden vom Ort des Todes. Dass wir auf neue Lebens-Wege gebracht werden, vom Engel des Lebens (in welcher Gestalt der auch immer zu uns kommt).

Dass wir Abschied nehmen können von dem, was wir betrauert und beweint haben? Nicht für immer - aber immer wieder. Und dass wir nicht an den Tod glauben müssen. Nicht weil es den Tod nicht mehr gibt. Sondern weil er seine zentnerschwere Macht verloren hat.

Dem wirklichen Leben zugewandt

Martin Luther sagt einmal in einer Osterpredigt: „Nicht wie du Gott im Tode findest, sondern wie er dich ins Leben zurückjagt, das macht das rechte Osterfest.“ „Ins Leben zurückjagen“ – der Osterengel jagt die Frauen ins Leben zurück und uns ebenso. Das ist österliches Leben: Dass wir unser schönes und schweres Leben hier mit dem anderen, österlichen Leben zusammenbringen – im Glauben. Ostern ist dort, wo uns zugerufen wird: Geht zurück in euer wirkliches Leben, dort, wo ihr es einander schwer macht. Dort, wo ihr einander einiges schuldig bleibt: zum Beispiel als Eltern und Kinder.

Dort, wo ihr einander fremd werdet als Männer, als Frauen, wo Beziehungen sich verlieren, manchmal zerbrechen, dort, wo ihr einander enttäuscht. Dort, wo euch eine böse Krankheit aus der Bahn wirft. Dort ist Galiläa, gerade dort ist der Auferstandene, wartet auch euch.

Es ist klar, Galiläa ist nicht nur eine Ortsangabe: Galiläa ist ein symbolischer Ort, denn dort ist Jesus aufgetreten mit seiner Botschaft vom Reich Gottes – vom Recht auf ein anderes Leben. Er hat Menschen Gottes verlässliche Nähe gebracht, Menschen von falscher Scham befreit.

Diese Ostergeschichte sagt wenig zur Auferstehung Jesu. Sie sagt nicht, wie wir sie uns vorzustellen haben, sondern eher, wie sie unser Leben verwandelt. Dass wir es neu begreifen: mit den Augen einer neuen Lebendigkeit.

Nicht zu spät für’s Leben

In diesen Tagen kam mir ein Graffiti in die Hände: „You can never be too dead for resurrection“ – „Du kannst gar nicht zu tot sein für die Auferstehung“.

In diesem Spruch steckt etwas vom Geheimnis von Ostern. Er sagt mir: Du kannst gar nicht so verloren sein, dass du nicht von der Kraft der Auferstehung erfasst werden könntest. Deine Niederlagen, das unver-schuldetete Leiden, deine je und je gemachten schreck-lichen Erfahrungen, müssen dich nicht zwangsläufig zerstören.

Der Tod ist gegenwärtig in dieser Welt: dort, wo man Menschen keine Lebensmöglichkeiten mehr gibt. Wo man eine Ordnung der Starken aufrichtet und die Schwachen an die Wand drückt. Der Tod ist da, wo Menschen gedemütigt werden.

Der Tod ist in meiner Nähe, in der schauerlichen Krankheit jener Frau, die in nur drei Monaten ihr ganzes Leben an die böse Krankheit verliert. Der Tod zwingt uns einiges auf. Er zwingt uns, das Sprechen einzustellen, zu verstummen. So endet die Passion Jesu mit einem stummen Schrei am Kreuzgalgen.

Ostern ist ein kräftiger Einspruch gegen alle Macht des Bösen und des Todes. Die Welt hat an Karfreitag und Ostern eine Tiefendimension bekommen, die sie vorher so nicht kannte. Gott selber war auch im Tod und hat das unvergleichliche Leben Jesu gewürdigt und ins Recht gesetzt.

Ins Offene treten

Es liegt ein Schleier über dem Ostermorgen. Und über den Ereignissen eine Undurchdringlichkeit. Und vielleicht wissen wir selbst nicht recht, ob wir diesem Weg ins Offene trauen können.

Eines sagt uns die alte Geschichte: dass Gott mit uns geht. Sie sagt uns auch, dass wir aufstehen können, aufstehen sollen, denn wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Das Leben hört nicht auf, das müssen wir lernen.

Es gibt Menschen, die uns brauchen. Es gibt Orte, wo wir Einspruch erheben müssen, weil der Tod das Wort führt und Menschen demütigt. Es gibt ein Leiden der anderen, an dem auch wir mitleiden. Weil mit Karfreitag und Ostern der leidende Mensch eine unantastbare Gestalt und ein unendliches Recht bekommen hat.

Und noch etwas sagt uns der Ostermorgen: Dass wir uns freuen dürfen. Dass wir gut essen und trinken sollen. Dass unser Herz sich, in und mit allen Sorgen und Fragen, leicht fühlen darf.

Kommentare

Denen Trost spenden, die mit der eigenen Endlichkeit nicht zu Rande kommen; das Leiden dieser Welt mit Sinn anfüllen, um es erträglicher zu machen: Die letzten sinnvollen Aufgaben für eine Religion, die ansonsten ihren Zenit längst überschritten hat, den Menschen nichts mehr geben kann, und für viele (mich eingeschlossen) in erster Linie ein Ärgernis darstellt, ein Gedankengebäude, welches uns immer wieder von hilfreicherem ablenkt. Ein Gedankengebäude, welches durch und durch menschlich ist, in seinen Vorstellungen nie über das menschlich Kleinliche hinausgekommen ist, und beim Versuch, etwas Übermenschliches zu erfassen kläglich scheitert, da auch die Vorstellungen von Gott, ewigem Leben und zeitenübergreifender Gerechtigkeit bloss menschlichen Allmachtsfantasien Ausdruck verleiht.

Das hohe Lied von Salamon.......Euer Land ist wüst, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen, und es ist wüst wie das, so durch Fremde verheert ist. Was noch übrig ist von der Tochter Zion, ist wie ein Häuslein im Weinberge, wie die Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt. Wenn uns der HERR Zebaoth nicht ein weniges ließe übrigbleiben, so wären wir wie Sodom und gleich wie Gomorra.

Ich verstehe durchaus, dass wir uns vom Tod nicht "binden" lassen sollten.

Aber im gesamten Zusammenhang der Natur und der Verortung in einem unvorstellbaren Weltraum, bringt die Auferstehung des Leibes einfach keinen Sinn. Wo sollen alle am Jüngsten Tag denn Platz haben? Und was sollen diese Menschen nach dem Jüngsten Tag noch miteinander, auch wenn der Zeitlauf aufgelöst und nur noch Gegenwart zu sein scheinen wird?

Ist diese Auferstehung nicht eine kulturell-bedingte Sicht auf ein Festhalten von ewiger Gegenwart, wie es die patriarchalisch-hierarchischen Gesellschaften immer versucht haben - bis heute in Nordafrika...?

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