«Musik ist eine Mission, kein Beruf»

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«Musik ist eine Mission, kein Beruf»

Von Annette Freitag, 14.07.2019

Teodor Currentzis, derzeit international einer der schillerndsten Dirigenten, hat das SWR Symphonieorchester auf die Erfolgsspur gebracht.

Es ist heiss draussen, an diesem Sonntagnachmittag in Freiburg im Breisgau. Noch heisser geht nicht, denkt man. Falsch, denn später im Konzerthaus wird die Stimmung den Siedepunkt erreichen, trotz Klima-Anlage. Der Grund dafür heisst Teodor Currentzis. Seit dieser Saison ist er Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters, das aus der Zusammenlegung zweier Orchester hervorgegangen ist und turbulente Zeiten hinter sich hat.

Tatjana Ruhland, Solo-Flötistin des SWR Symphonieorchesters; Foto © SWR/Marco Borggreve
Tatjana Ruhland, Solo-Flötistin des SWR Symphonieorchesters; Foto © SWR/Marco Borggreve

Verabredet habe ich mich mit Tatjana Ruhland. Sie ist Solo-Flötistin des Orchesters, das an diesem Abend zum vorerst letzten Mal die 7. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch spielen wird, die «Leningrader», wie sie auch genannt wird. Treffpunkt 17 Uhr am Bühneneingang. Zum Glück im Schatten. Luftig, frisch und strahlend erscheint Tatjana Ruhland pünktlich zum Rendezvous. Zwei Stunden noch bis zum Konzert, aber eine kurze Orchesterprobe steht auch noch an. Dies, obwohl das Orchester gerade auf Tournee war, von Stuttgart über die Elbphilharmonie nach Köln, Mannheim und Wien – das Stück also intus hat. Gespielt wurde immer die «Leningrader Sinfonie», gefolgt von Jubelstürmen aus dem Publikum und überhäuft mit Lob aus den Medien.

Viel Begeisterung und ein bisschen Skepsis

Und? Wie ist es denn nun mit Currentzis? Tatjana Ruhland muss nicht lange nachdenken und ihr Strahlen sagt eigentlich schon alles. «Teodor Currentzis geht die Sache mit absoluter Energie an – und die fordert er auch von uns. Da wir während der Saison regelmässig mit ihm gearbeitet haben, wächst man zusammen. Man gibt alles, um das umsetzen zu können, was Currentzis vorschwebt.»  

Und wie war die Reaktion des frisch zusammengelegten Orchesters, als es damals erfuhr, wer der neue Chef werden sollte? «Die Neuigkeit hat natürlich unheimlich eingeschlagen, weil wir wussten, dass da jemand kommt, der unglaublich viel bewegen kann. Einige Kollegen, die schon mit ihm zu tun hatten, waren von Anfang an begeistert. Ein paar andere, die ihn nur am Rande oder aus Pressemeldungen kannten, die waren zunächst ein bisschen skeptisch. Bei aller Euphorie wollte das Orchester erst mal sehen: Funktioniert das? Harmonieren wir? Gibt es eine gemeinsame Chemie?» Fragen, die sich Currentzis sicher ebenfalls gestellt hat. Fragen auch, die wohl inzwischen von beiden Seiten her positiv beantwortet werden.

Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester, Foto © SWR/Alexander Kluge
Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester, Foto © SWR/Alexander Kluge

Das SWR Symphonieorchester ist nun bereits das zweite Ensemble, dem Currentzis als Chefdirigent vorsteht. Während er musicAeterna damals vor allem aus jungen russischen Musikern nach eigener Wahl zusammengestellt hat, ist das SWR Orchester ein grosser Klangkörper, auf dessen Zusammensetzung er keinen Einfluss hatte. «Durch die Zusammenlegung des Stuttgarter und Freiburger Orchesters beginnt mit dem SWR Symphonieorchester etwas Neues», sagt Tatjana Ruhland. «Da hat Currentzis wohl eine gute Chance gesehen, genau mit diesem Ensemble durchzustarten – er sah ein hohes Potential für eine gemeinsame Zukunft.»

Die Erfahrungen der ersten gemeinsamen Saison geben Currentzis recht. Und Tatjana Ruhland spricht sicher für viele Orchestermitglieder, wenn sie sagt: «Er hat ein grosses Herz, und er freut sich selbst wahnsinnig, wenn wir seine musikalischen Vorstellungen zum Klingen bringen. Er versucht, ein echtes Miteinander herzustellen und verliert keine Zeit, keine Probeminute wird verplempert, immer geht es sofort ins Detail.»

Über musicAeterna, das Currentzis-Orchester im russischen Perm, hat sich Tatjana Ruhland natürlich informiert: «Es gibt ja viele Einspielungen, und die kennen zu lernen, zählt für uns Musiker am meisten, denn wir wollen die Qualität hören. Ich glaube, ein grosser Unterschied zwischen musicAeterna und uns liegt darin, dass sie gern im Stehen spielen. Wir hingegen sind kein Orchester, das das von vornherein macht. Es ist doch gut, dass unterschiedliche Ensembles sich auch optisch anders präsentieren. Aber mal sehen, wo unsere Reise hingeht. Im Moment haben wir eine Mischversion, denn wir haben Schostakowitschs 7. Sinfonie bereits aufgenommen und der Tonmeister sagte, steht doch mal auf bei dieser oder jener Passage, da habt ihr eine andere, dreidimensionale Raumwirkung. Und so machen wir es jetzt auch in den Konzerten. Der Effekt ist schon verblüffend, passt aber vielleicht nicht zu jedem Stück.»

Gegenseitige Annäherung

Haben Sie das Gefühl, jetzt nach der ersten Saison schon ein bisschen in das Klangschema von musicAeterna zu rutschen, frage ich Tatjana Ruhland. «Naja, ich würde sagen, es gibt Unterschiede in der Stilistik und in der Instrumentenwahl.» Aber auch die Erfahrungen, die einzelne Musiker zum Beispiel mit Sir Roger Norrington als Chefdirigent in Stuttgart gemacht haben, oder Freiburger Musiker mit der neuen Musik bei den Donaueschinger Musiktagen, fliessen mit ein und stehen damit auch Currentzis für seine Arbeit zur Verfügung. 

Man stecke jetzt in einer entscheidenden Phase, sagt Ruhland. Auch Currentzis stehe nun vor der Frage: Wie kann ich mit dem Material umgehen, das ich vorfinde. «Da spielt Klangliches eine grosse Rolle, um sich gegenseitig anzunähern. Currentzis entwirft Bilder, er singt vor, er versucht Dinge in anderen Worten zu erläutern – und wir versuchen zu verstehen und umzusetzen, was er meint, aber gleichzeitig soll es ‘unsere Stimme’ sein.»

Ein spannender Prozess für beide Seiten. Hat Tatjana Ruhland, wenn sie selbst im Orchester sitzt, das Gefühl, dass es mit Currentzis anders klingt als vorher? «Ja, das habe ich,» sagt Ruhland. «Das ist aber zum Teil auch auf die Besetzungsgrösse zurückzuführen. Viele der ohnehin grossbesetzten Werke, wie Mahler oder Schostakowitsch, spielen wir in exorbitant grosser Besetzung. Beispielsweise möchte Currentzis, dass die Geigen in einer Achtzehner- oder gar Zwanzigerbesetzung antreten, das bedeutet, dass man von einer ganz anderen Klangwolke umgeben ist. Dementsprechend müssen wir Bläser darauf Rücksicht nehmen. Bei einem Solo spielt das nicht immer eine Rolle, aber in Tutti-Passagen merkt man sehr deutlich, dass man mehr Dampf geben muss.»

Jubel von allen Seiten

Wochenlang im Voraus ausverkaufte Konzerte, absolute Stille im Publikum, dann tosender Applaus und Jubel von allen Seiten. Das SWR Symphonieorchester ist mit Currentzis ganz klar auf der Erfolgsspur. Aber wie kommt es, dass es Currentzis gelingt, Musiker und Publikum gleichermassen in seinen Bann zu ziehen? Tatjana Ruhland denkt nach und sagt dann: «Ich glaube, das was er tut, ist ihm absolut wichtig. Er lebt das wirklich. Das hängt vielleicht auch mit der Vergangenheit seines Wohnorts Russland zusammen, wo Musik eine Zeitlang Glaubensersatz war. Ich denke, dass er prägend ist für ein Publikum, für das Musik eben nicht nur bedeutet, einen schönen Abend zu verbringen. Man wird im Konzert etwas erleben – und komplett mitgerissen. Mit Currentzis haben wir jemanden gefunden, der vor uns tritt und sagt: ‘Ihr Menschen habt noch so viel mehr Möglichkeiten an Empfindungen. Durch die Musik könnt ihr euch und eure Mitmenschen viel wertvoller erleben, die Musik lässt euch in andere Zeiten und an fremde Orte reisen und ihr könnt spüren, welche Bedeutungsschwere Musik hat.’ Ich glaube, das ist es, was die Menschen fasziniert und deshalb kommen auch viel mehr Junge.»

Damit beschreibt Tatjana Ruhland aus ihrer Sicht, was Currentzis in einem Filmporträt so formuliert: «Musik ist eine Mission, kein Beruf.»

Inzwischen strömen die Musiker in den Konzertsaal zur letzten Probe. Currentzis lässt einzelne Passagen kurz anspielen, reguliert Lautstärke und Tempo und übt noch einmal das Pianissimo, das fast zur Stille gerät und doch vibriert.

Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester nach der Aufführung von Schostakowitschs «Leningrader», Foto © SWR/Alexander Kluge
Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester nach der Aufführung von Schostakowitschs «Leningrader», Foto © SWR/Alexander Kluge

Dann das Konzert. Noch einmal Schostakowitschs 7. Sinfonie, die «Leningrader». Schostakowitsch hatte sie komponiert, als seine Heimatstadt Leningrad gegen Ende des zweiten Weltkrieges mehr als zwei Jahre lang von deutschen Truppen belagert war und ausgehungert wurde. Die Erstaufführungen in Moskau und insbesondere in Leningrad waren ein Symbol für die Moral und den Durchhaltewillen der Bevölkerung Leningrads. Und heute erzählt Currentzis diese Geschichte in der Sprache der Musik: eindringlich, beklemmend, gequält und quälend, verzweifelt und doch voller Hoffnung.

Zum krönenden Abschluss der Konzerttour werden Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester am 26. Juli auch noch bei den Salzburger Festspielen die «Leningrader Sinfonie» spielen. Dass das Konzert längst ausverkauft ist, versteht sich fast von selbst.

Kommentare

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Sehr gut zusammenfassend, aber nicht sehr aufschlussreich, was Currentzis als Künstler ausmacht im Vergleich zu anderen Dirigenten.

Bei allem Respekt, s.g. Fr. Altwegg! Brauchen Sie wirklich die Meinung anderer um zu spüren, was der Unterschied ist zwischen Maestro Currentzis und "anderen Dirigenten"? Falls ja, dann empfehle ich Ihnen, sich einmal eine Karte direkt in der ersten Reihe eines seiner Konzerte zu kaufen und ihn genau zu beobachten. Ich versichere Ihnen, sie werden SOFORT erkennen, worin seine absolute Einzigartigkeit liegt! :)

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