Mozart bildschirmgerecht im Flüchtlingslager

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Mozart bildschirmgerecht im Flüchtlingslager

Von Annette Freitag, 20.02.2021

Traurig sei es, nach der Premiere keine weiteren Vorstellungen zu haben und diese Produktion mit all ihren Emotionen nicht mit dem Publikum teilen zu können.

Dies sagt Bernard Richter. Er ist Tenor und verkörpert in Genf den Titus in Mozarts «Clemenza di Tito» auf der Bühne des Grand Théâtre. Es ist eine dieser Aufführungen, die durch Corona zwar stattfinden, fürs Publikum aber nur via Streaming zu erleben sind. «Der Vorteil ist, dass man alles daran gesetzt hat, die Aufführung bildschirmgerecht zu machen», meint er. «Wahrscheinlich ist selten eine Oper so übertragen worden. Eine Art ‘Live Opera Movie’. Der Nachteil ist allerdings, dass keinerlei Energie von Seiten des Publikums zu uns auf die Bühne strömt. Unser Publikum bleibt verborgen. Wir Künstler müssen unser ganzes Vertrauen und unsere Kraft in diese einzige Vorstellung setzen.»

Milo Rau – berühmt und berüchtigt für seine Interpretationen

Schwierig. Und eine echte Herausforderung, zumal diese Inszenierung von Mozarts «Clemenza di Tito» speziell ist. Regisseur Milo Rau ist berühmt und teils berüchtigt für seine Interpretationen. Er hat das Stück in ein Flüchtlingslager verlegt und wickelt die Geschichte unter heutigen Verhältnissen ab. Es ist zum ersten Mal, dass er eine Oper inszeniert.

Das Interview mit Bernard Richter findet diesmal nicht in der animierenden Atmosphäre einer Künstlergarderobe statt, sondern – coronabedingt – schriftlich per E-Mail.

Singen Sie den Tito zum ersten Mal?

Das ist meine dritte Tito-Inszenierung. Ich habe die Rolle schon an der Opéra de Lorraine in Nancy und im Teatro Real in Madrid gesungen.

Was fasziniert Sie an dieser Rolle?

Tito ist die Essenz widersprüchlichster Gefühle: mächtig, unsicher, mild, nachsichtig, schwach, realistisch … All dies zu verkörpern ist total spannend. Stimmlich verlangt die Rolle eine gewisse Reife, die heute für mich ideal ist.

Diese Genfer Inszenierung ist ja sehr aktuell. Finden Sie es richtig, alte Stücke an unsere Zeit anzupassen?

Wie modern eine Produktion ist, liegt aus meiner Sicht an dem, was ein Regisseur oder ein Dirigent daraus macht, nicht am historischen Kontext, zeitgenössisch oder modern, ist eigentlich egal. Ich habe im Schloss von Versailles in Lullys Barockoper «Athys» gesungen, eine äusserlich gesehen sehr traditionellen Inszenierung. Tatsächlich war es aber die modernste Produktion, in der ich je mitgemacht habe: So viel Energie und Dynamik, musikalisch und emotional. Das Sujet war alt, aber Gefühle sind zeitlos, auch nach 350 Jahren kam das ganz klar durch. Regiervorstellungen, die «modern» oder «zeitgenössisch» sein wollen, missbrauchen manchmal das Stück, statt es durch die Inszenierung aufzuwerten.

Die Geschichte in der Welt von heute

Kämpferisch im Flüchtlingslager: Mozart aus einem andern Blickwinkel (Foto Carole Parodi)
Kämpferisch im Flüchtlingslager: Mozart aus einem andern Blickwinkel (Foto Carole Parodi)

Milo Rau ist ja sehr progressiv und politisch. Teilen Sie seine Sicht auf «Tito»?

Hier mit Milo stellen wir die Geschichte in der Welt von heute dar. Ungerechtigkeiten, Gewalt und Ungleichheit kennzeichnen die Menschheit seit je und das ändert sich kaum. «Clemenza di Tito» ermöglicht Milo Rau seinen Kampf fortzusetzen und zu vertiefen. Milo Rau verfolgt seine Absicht und lässt sich zugleich von dem berühren, was die Musik ausdrückt. Ein wunderbares Aufeinandertreffen. Mit seiner Sicht auf Tito bleibt Milo Rau dem Libretto treu.

Welche Rolle spielt denn Mozart ganz allgemein in Ihrem Repertoire?

Für mich ist er ganz zentral und wegweisend. Er ist der Komponist, den ich am meisten gesungen habe.

Andererseits haben Sie aber auch Beethovens Neunte mit Teodor Currentzis gemacht …

Das war nun wirklich eine atemberaubende Begegnung: musikalisch kraftvoll, markant und völlig neu! Darüber musste ich einfach auf meiner Internetseite einen Artikel dazu schreiben! 

Emelyanychev – ein ganz junger Dirigent

Jetzt in Genf arbeiten Sie mit Maxim Emelyanychev, einem ganz jungen Dirigenten.

Auch das ist wunderbar! Maxim Emelyanychev bringt jugendlichen Schwung in die Produktion. Und er geht auf alle Anforderungen dieser komplexen Inszenierung mit höchster Virtuosität ein. Er hat übrigens als Cembalist auch viel mit Teodor Currentzis gearbeitet.

Und wie fühlen Sie sich jetzt in Genf, einem Haus, das als «Opernhaus des Jahres» ausgezeichnet wurde …?

Es ist bereits meine vierte Produktion hier, nach «Ariadne auf Naxos», «Die lustige Witwe» und «Manon». Die Bühne ist gross, das Personal äusserst effizient und professionell. Das Haus und das Orchestre de la Suisse Romande haben eine lange Geschichte. Ich fühle mich sehr wohl hier, ganz abgesehen davon, dass es für mich äusserst praktisch ist, weil ich sozusagen nebenan wohne, in Colombier. Und das habe ich selten in meiner Arbeit!

Grand Théâtre Genf
Wolfgang Amadeus Mozart «La Clémence de Titus »
Streaming (gratis):  19. bis 28. Februar 

https://www.gtg.ch/digital/

 

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