Meine (nie gehaltene) 1.-August-Rede

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Meine (nie gehaltene) 1.-August-Rede

Von Monique R. Siegel, 31.07.2014

Schliessen Sie ein paar Momente lang die Augen und folgen Sie mir an einen Ort, der keine 200 Kilometer von Zürich entfernt ist:

Ein Oktobertag. Frisch gefallener Schnee auf den Bergspitzen als Kontrast zu einem tiefblauen Himmel. Rundherum sich verfärbende Lärchen, die der Jahreszeit ihren Tribut zollen. Strahlende Sonne, die die Uferflora in den dunkelgrünen Seen widerspiegelt und dafür sorgt, dass man dort ohne die mitgenommene Jacke längere Zeit auf einer Bank sitzen kann…

Eine Herbstidylle, die einem laufend den Ausruf "Mein Gott, ist das schön!" entlockt: St. Moritz an einem Oktoberwochenende. Eine Energie-Oase, die einen noch lange nach solch einem Wochenende mit Lebenskraft und guter Laune erfüllt. Ein Stück Schweiz, das von Touristen aus aller Welt bewundert wird und ihnen eine Reise zum markengeschützten Kurort allemal wert ist.

Und was ist sie Ihnen wert, meine Damen und Herren? Ich weiss: Sie, die Sie heute hier vor mir stehen, sind stolz auf Ihr Land, und das besonders am Nationalfeiertag. Schön. Aber erlauben Sie mir eine direkte Frage: Worauf genau sind Sie stolz? Stolz kann man eigentlich nur auf etwas sein, was man selbst erreicht, bewirkt, geleistet hat. Dann waren also Sie für diese einmalig schöne Farbkombination verantwortlich? Nein? Aber Sie haben selbst, bzw. Ihre Generation hat die Berge dort so spektakulär hingestellt? Auch nicht. Und mit der Verteilung der Seen hatten Sie ebenfalls nichts zu tun? Aha. Ja, worauf sind Sie dann stolz? Und was tun Sie hier und jetzt, nachdem Ihnen eines der schönsten Länder der Welt als Geburtsland vor Ihre Haustüre gelegt wurde, um diese Schönheit zu erhalten? Schliesslich möchte die nächste Generation ja auch noch etwas davon haben …

Ziehen Sie jetzt nicht die Brauen zusammen; ich werde die Gelegenheit, an einem 1. August zu sprechen, nicht dazu benutzen, Ihnen ökologische Vorhaltungen zu machen. Keine Anklage soll diesen Feiertag trüben, kein schlechtes Gewissen Ihnen den freien Tag vergällen.

Aber ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Sie dazu bringen könnte, Ihren Stolz in Dankbarkeit zu umzuwandeln. Dankbarkeit dafür, dass Sie in einem der schönsten Länder leben, mit unzähligen Bildungschancen, einer direkten Demokratie, die Ihnen das Privileg der Mitbestimmung gewährt, einer funktionierenden Infrastruktur, um die uns die meisten Länder beneiden, und einer generell hohen Lebensqualität, die unter anderem durch eine verlässliche Währung unterstützt wird.

Die Schweiz: viel bewundert, oft beneidet und gerne auch verniedlicht. Natürlich kann man viele Sorgen der Schweizer um Sauberkeit, Pünktlichkeit oder Ruhe als Luxusprobleme einer Gesellschaft belächeln, der seit Jahrhunderten kriegerische Verwüstungen, gesellschaftliche Umwälzungen und wirtschaftliche Kollaps-Szenarien erspart geblieben sind. Andererseits: Viel Positives basiert auf dem Gemeinsinn und dem Verantwortungsbewusstsein vieler Menschen für das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen, und das scheint bei uns immer noch ganz gut zu funktionieren: Gemäss der letzten Erhebung aus dem Jahre 2009 engagieren sich ca. 40 Prozent der Schweizer in der Freiwilligenarbeit (gegenüber einem Anteil von 22 Prozent in den anderen europäischen Ländern). Die diesjährige Erhebung wird vielleicht eine noch höhere Prozentzahl erbringen, denn inzwischen hat das Internet neue Bereiche wie Micro Volunteering, Crowdfunding oder Family Volunteering geschaffen, die ein persönliches Engagement noch leichter machen. 

Für diesen Gemeinsinn im eigenen Land Entwicklungshilfe zu leisten, ihn täglich zu leben und ihn der Generation, für deren Zukunft Sie verantwortlich sind, weiterzugeben – darauf dürfen Sie stolz sein!

Ich danke Ihnen!

* * * * *

Voilà, das wäre sie: meine nie gehaltene "1. August-Rede". Gedanken einer Eingebürgerten, die seit mehr als vierzig Jahren in der Schweiz lebt, Land und Leute lieben und schätzen gelernt und in siebenundzwanzig Jahren keine Abstimmung verpasst hat, weil sie die freie Meinungsäusserung an der Urne als Privileg und Verpflichtung betrachtet. Worte einer aus den USA Zugezogenen, die sich manchmal fragt: Braucht es wirklich die Zugewanderten, um den Blick der hier Geborenen auf die wirklichen Vorzüge der Schweiz zu lenken?

Der wirkliche Schaden geschieht durch jene Millionen, die „überleben“ wollen. Die ehrlichen Männer, die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Jene, die ihre kleinen Leben nicht durch etwas Grösseres als sie selbst gestört haben wollen.

Sophie Scholl, deutsche Widerstandskämpferin („Weisse Rose“), geboren heute vor 100 Jahren. Hingerichtet am 22. Februar 1943
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