Palmanova - Gerster

 Nach der Juni-Tagung des Welterbekomitees im katarischen Doha gab es, aus den Bereichen Kultur und Natur, 1007 Welterbestätten. Ausserdem bewarben sich 1627 Kandidaten um die Aufnahme ins Pantheon.

Man darf ja auch einmal von Kandidaten sprechen. Mit 50 akzeptierten Welterbestätten (das halbe Hundert wurde am 22. Juni 2014 in Doha mit der Auszeichnung des piemontesischen Weinbaugebiets Langhe-Monferrato erreicht) steht Italien an der Spitze aller Vertragsstaaten, mit Vorsprung vor China, Spanien und andern Schwergewichten. Aber auch beim Wettstreit um das Welterbe kommt vielleicht der Appetit mit dem Essen. Im Falle Italiens, um bei dem Vorreiter zu bleiben, verzeichnet die Vorschlagsliste bereits 41 weitere Bewerbungen.

Zu den italienischen Kandidaten zählt Palmanova in Friaul-Julisch Venetien, ein Kleinod des Städtebaus. Palmanova ist eine jener Idealstädte, von denen in der Renaissance und im Barock viele entworfen, wenige gebaut wurden und noch weniger sich so lehrbuchmässig rein wie Palmanova erhalten haben. Das urbanistische Schema der Idealstadt ist vorwiegend rund und verrät so deren Abkunft von der „heiligen Stadt“ orientalischer Prägung. Ein viergeteilter Kreis versinnbildlichte die „heilige Stadt“, einen Mandala-ähnlichen Siedlungsarchetyp: den vom Horizont begrenzten Erdkreis mit den vier Weltgegenden. Freilich: die Abkunft der Idealstadt von der heiligen Stadt ist befleckt von dem Sündenfall ihrer Militarisierung, Idealstädte sind fast immer auch Festungsstädte.

Für die Serenissima Repubblica di San Marco, Venedig, war das Friaul ein Sorgenkind. Im ausgehenden 15. Jahrhundert hatten Türken siebenmal das Land verheert. Venedig beauftragte 1500 Leonardo da Vinci mit einem Gutachten zu den Verteidigungsanlagen im Friaul. Sie waren völlig ungenügend. Trotzdem entschloss sich Venedig erst 1593 zum Bau der Festungsstadt Palmanova; jetzt sah es sich nicht nur von den Osmanen, sondern auch von den Habsburgern bedroht. Die venezianischen Festungsingenieure sicherten die vom Reissbrett weg gebaute neue Stadt  mit einem ersten Verteidigungsring; er umfasste neun Bastionen zur flankierenden Bekämpfung von Angreifern und einen Graben. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielt die Stadt einen zweiten Verteidigungsring. Und 1806, nach der Eroberung Palmanovas durch Napoleon, einen dritten. Die Strassen, Plätze und die Quartiere für Offiziere und Soldaten waren so angelegt, dass die Bollwerke im Blitz bemannt werden konnten. Der  allmähliche  Ausbau der Befestigungen echot die Fortschritte der Kriegstechnik, namentlich der Artillerie. Aber keine Erweiterung tastete das stadtplanerische Grundmuster des neunzackigen Sterns an.

Heutige Beschreibungen der Stadtgestalt heben stets den riesigen sechseckigen Platz im Mittelpunkt hervor; meist rügen sie ihn als überdimensioniert. Wurde er als Exerzierplatz der Garnison absichtlich übergross angelegt? Eine ganz andere Lösung für das Rätsel der Übergrösse fand ich im monumentalen Sechsbänder „Civitates Orbis Terrarum“, mit 363 Kupferstich-Veduten, erstmals publiziert 1572-1617 (jetzt als „Städte der Welt“ bei Taschen 2011). Der darin aufgenommene Stadtgrundnriss von Palmanova aus der Gründungszeit zeigt einen stark befestigten Wehrturm in der Mitte des Platzes – einen Donjon, einen Fluchtturm für Besatzung und Bewohner. Wurde der Turm schon bald nach der Stadtgründung abgerissen oder wurde er, sollte der Kupferstich lediglich eine Planskizze wiedergeben, gar nie gebaut? Wie dem auch sei, der Turm im Mittelpunkt passt akkurat zum Konzept der kosmischen Stadt. In deren orientalischer Ausführung gehörte der Mittelpunkt, der Nabel des Universums, dem Weltberg oder einem Tempelturm. Architektur ist ja immer auch Zeichensprache. Palmanova wäre also doch ein Abkömmling der heiligen Stadt. Auffällig ist ohnedies die Neunzahl der Bollwerke, der Bastionen, Ravelins, Kurtinen, Lünetten. Gleich dreimal die hochheilige Zahl 3, heiliger geht es wirklich nimmer.

Die Kandidatur Palmanovas wurde offiziell im Jahr 2006. Aber der Weg zum Welterbe ist weit und mühsam. Offenbar plagte das Städtchen die Angst, die mit der Anmeldung verbundene aufwendige Dokumentation nicht allein schultern zu können. Im Jahr 2011 suchte Palmanova Zuflucht in einem breiter angelegten, grenzüberschreitenden Welterbe-Vorschlag: „Die venezianischen Festungswerke zwischen dem 15. und l7. Jahundert“. Der Vorschlag bezieht ausser Palmanova die italienischen Städte Bergamo, Peschiera del Garda und Venedig sowie verwandte Festungsanlagen in Montenegro und Kroatien ein. Seit 2013 ist Palmanova auf Italiens Warteliste doppelt gemoppelt – Palmanova figuriert darauf als selbständiger Kandidat und gleichzeitig als Teil des Vorschlags „Venezianische Festungswerke“. Indes räumt die städtische Kulturreferentin in einem Telefongespräch ein, der Traum von einem Allleingang Palmanovas sei wohl ausgeträumt. – Jahr des Flugbilds: 1990 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Nach der Juni-Tagung des Welterbekomitees im katarischen Doha gab es, aus den Bereichen Kultur und Natur, 1007 Welterbestätten. Ausserdem bewarben sich 1627 Kandidaten um die Aufnahme ins Pantheon.

Man darf ja auch einmal von Kandidaten sprechen. Mit 50 akzeptierten Welterbestätten (das halbe Hundert wurde am 22. Juni 2014 in Doha mit der Auszeichnung des piemontesischen Weinbaugebiets Langhe-Monferrato erreicht) steht Italien an der Spitze aller Vertragsstaaten, mit Vorsprung vor China, Spanien und andern Schwergewichten. Aber auch beim Wettstreit um das Welterbe kommt vielleicht der Appetit mit dem Essen. Im Falle Italiens, um bei dem Vorreiter zu bleiben, verzeichnet die Vorschlagsliste bereits 41 weitere Bewerbungen.

Zu den italienischen Kandidaten zählt Palmanova in Friaul-Julisch Venetien, ein Kleinod des Städtebaus. Palmanova ist eine jener Idealstädte, von denen in der Renaissance und im Barock viele entworfen, wenige gebaut wurden und noch weniger sich so lehrbuchmässig rein wie Palmanova erhalten haben. Das urbanistische Schema der Idealstadt ist vorwiegend rund und verrät so deren Abkunft von der „heiligen Stadt“ orientalischer Prägung. Ein viergeteilter Kreis versinnbildlichte die „heilige Stadt“, einen Mandala-ähnlichen Siedlungsarchetyp: den vom Horizont begrenzten Erdkreis mit den vier Weltgegenden. Freilich: die Abkunft der Idealstadt von der heiligen Stadt ist befleckt von dem Sündenfall ihrer Militarisierung, Idealstädte sind fast immer auch Festungsstädte.

Für die Serenissima Repubblica di San Marco, Venedig, war das Friaul ein Sorgenkind. Im ausgehenden 15. Jahrhundert hatten Türken siebenmal das Land verheert. Venedig beauftragte 1500 Leonardo da Vinci mit einem Gutachten zu den Verteidigungsanlagen im Friaul. Sie waren völlig ungenügend. Trotzdem entschloss sich Venedig erst 1593 zum Bau der Festungsstadt Palmanova; jetzt sah es sich nicht nur von den Osmanen, sondern auch von den Habsburgern bedroht. Die venezianischen Festungsingenieure sicherten die vom Reissbrett weg gebaute neue Stadt mit einem ersten Verteidigungsring; er umfasste neun Bastionen zur flankierenden Bekämpfung von Angreifern und einen Graben. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielt die Stadt einen zweiten Verteidigungsring. Und 1806, nach der Eroberung Palmanovas durch Napoleon, einen dritten. Die Strassen, Plätze und die Quartiere für Offiziere und Soldaten waren so angelegt, dass die Bollwerke im Blitz bemannt werden konnten. Der allmähliche Ausbau der Befestigungen echot die Fortschritte der Kriegstechnik, namentlich der Artillerie. Aber keine Erweiterung tastete das stadtplanerische Grundmuster des neunzackigen Sterns an.

Heutige Beschreibungen der Stadtgestalt heben stets den riesigen sechseckigen Platz im Mittelpunkt hervor; meist rügen sie ihn als überdimensioniert. Wurde er als Exerzierplatz der Garnison absichtlich übergross angelegt? Eine ganz andere Lösung für das Rätsel der Übergrösse fand ich im monumentalen Sechsbänder „Civitates Orbis Terrarum“, mit 363 Kupferstich-Veduten, erstmals publiziert 1572-1617 (jetzt als „Städte der Welt“ bei Taschen 2011). Der darin aufgenommene Stadtgrundnriss von Palmanova aus der Gründungszeit zeigt einen stark befestigten Wehrturm in der Mitte des Platzes – einen Donjon, einen Fluchtturm für Besatzung und Bewohner. Wurde der Turm schon bald nach der Stadtgründung abgerissen oder wurde er, sollte der Kupferstich lediglich eine Planskizze wiedergeben, gar nie gebaut? Wie dem auch sei, der Turm im Mittelpunkt passt akkurat zum Konzept der kosmischen Stadt. In deren orientalischer Ausführung gehörte der Mittelpunkt, der Nabel des Universums, dem Weltberg oder einem Tempelturm. Architektur ist ja immer auch Zeichensprache. Palmanova wäre also doch ein Abkömmling der heiligen Stadt. Auffällig ist ohnedies die Neunzahl der Bollwerke, der Bastionen, Ravelins, Kurtinen, Lünetten. Gleich dreimal die hochheilige Zahl 3, heiliger geht es wirklich nimmer.

Die Kandidatur Palmanovas wurde offiziell im Jahr 2006. Aber der Weg zum Welterbe ist weit und mühsam. Offenbar plagte das Städtchen die Angst, die mit der Anmeldung verbundene aufwendige Dokumentation nicht allein schultern zu können. Im Jahr 2011 suchte Palmanova Zuflucht in einem breiter angelegten, grenzüberschreitenden Welterbe-Vorschlag: „Die venezianischen Festungswerke zwischen dem 15. und l7. Jahundert“. Der Vorschlag bezieht ausser Palmanova die italienischen Städte Bergamo, Peschiera del Garda und Venedig sowie verwandte Festungsanlagen in Montenegro und Kroatien ein. Seit 2013 ist Palmanova auf Italiens Warteliste doppelt gemoppelt – Palmanova figuriert darauf als selbständiger Kandidat und gleichzeitig als Teil des Vorschlags „Venezianische Festungswerke“. Indes räumt die städtische Kulturreferentin in einem Telefongespräch ein, der Traum von einem Allleingang Palmanovas sei wohl ausgeträumt. – Jahr des Flugbilds: 1990 (Copyright Georg Gerster/Keystone)