Das Delta des Okavango - Gerster

Copyright: Georg Gerster/Keystone

Da darf man wohl seufzen, „endlich“. Welterbe No. 1000: das bedeutet 36 Jahre Wartezeit seit Welterbe No. 1 (Galapagos Inseln, 1978). So lange hätte das Okavango Delta, in der Einschätzung der Internationalen Naturschutzorganisation (IUCN) ein ikonischer Lebensraum, nicht warten müssen, hätte das Welterbekomitee – und nicht ausschliesslich der Vertragsstaat – ein  Vorschlagsrecht. Botswana trat der Welterbekonvention erst 1998 bei, und als es 2010 das Okavango Delta vorschlug, gab es bereits Zweifel an der Zukunft dieses bedeutendsten afrikanischen Feuchtgebiets.

Das Binnendelta, mit 16 000 Quadratkilometern angeblich das grösste der Welt, ist ein Schwemmkegel. Der Okavango, von den Regenfällen in Angolas Hochland genährt, ergiesst sich im Nordwesten Botswanas in die Kalahari, anfänglich in einem ziemlich kompakten Lauf, dem „Pfannenstiel“, dann aber in einen Fächer von Hunderten Kanälen und Rinnsalen zerfasernd. Im März wird am Eingang des Deltas der höchste Wasserstand gemessen. Von hier arbeitet sich die Flut während vier Monaten durch Pflanzendickichte 250 Kilometer südwärts vor. Ihre Ankunft am Südende auf dem Höhepunkt der Trockenzeit im Umland schafft vorübergehend in der Kalahari eine Oase. Bei einer ungewöhnlich starken Flut bildet sich eine 12 000 Quadratkilometer grosse Pfütze. In den Folgemonaten versickert und verdunstet das Wasser wieder. Im Dezember (unser Bild) bleiben im Süden nur sumpfige Kuhlen und trocken gefallene Steppenflächen zwischen baumbestandenen Inseln übrig. Obwohl das Delta bei geringem Gefälle fast topfeben und sein Boden überall gleichartig, sandig, ist, bilden sich abhängig von der Häufigkeit und Dauer der Überflutung nahe beieinander ganz verschiedene Lebensräume heraus: von den perennierenden Gewässern und permanenten Schilf- und Papyrus-Sümpfen im Norden bis zu dem nur jahreszeitlich überschwemmten Gras- und Waldland im Süden. Eine besondere Rolle kommt den meist mit Palmen bestandenen Inseln und Inselchen zu; es gibt ihrer Zehntausende, manche nur wenige Quadratmeter gross. Sie sind das Werk von Termiten. Ökologen glauben, dass die Inseln und ihre Bäume wesentlich mithelfen, die Versalzung des Deltas zu verhindern. Trotz 500 000 Tonnen gelöster Salze, die der Okavango jährlich in das System einbringt, sind im Delta Seen, Teiche und Tümpel nicht brackig.

Eine Süsswasser-Oase also. Die IUCN-Gutachter hoben denn auch zuhanden des Welterbekomitees als Trumpfkarte die Artenvielfalt in Flora und Fauna dieses Naturraums hervor. In den permanenten Sümpfen des Deltas leben Flusspferde, Krokodile, Letschwe- und Sitatunga-Antilopen. Wenn der Süden sich zeitweilig in ein Feuchtgebiet verwandelt, wandern vorübergehend Geparden, Löwen, Nashörner und Wildhunde ein. Sogar einige von Botswanas 130 000 Elefanten – der grössten Elefanten-Population in Afrika – profitieren von dem saisonalen Feuchtgebiet. Die Statistiker der Biodiversität zählen 1061 Pflanzenarten, 90 Fischarten, über 500 Vogelarten, 150 Arten Säugetiere auf  – viele davon weltweit gefährdet. Dazu kommen Kriechtiere, Lurche und Wirbellose sonder Zahl. Was die Zahl seiner Reptilien- und Vogelarten anlangt, übertrifft das Okavango Delta alle andern grossen Feuchtgebiete,Seine Zukunftsaussichten sind freilich nicht ungetrübt. Wasserbauliche Eingriffe im Oberlauf des Okavango in Angola oder Namibia sind eine Dauergefahr. Die landwirtschaftliche Nutzung der Ufer durch die Oberlieger kann das Wasser mit Pestiziden belasten. Botswanas Diamantenschürfer haben Ansprüche angemeldet. Im Delta mit zurzeit etwa 120 000 Bewohnern wachsen Bevölkerungs- und Siedlungsdruck, nicht zuletzt als Folge der touristischen Vermarktung. Es bestehen auch Pläne für grossflächigen Anbau von Reis und Zuckerrohr. Zudem wecken die Papyrus-Sümpfe bei Energieplanern Begehrlichkeiten: Papyrus-Briketts verbrennen relativ rauch- und aschenarm und eignen sich hervorrgend zum Ersatz von Brennholz. Natürlich wurden alle möglichen Widrigkeiten und Anfechtungen vor der Auszeichnung als Welterbe mit entsprechenden Vereinbarungen wegbedungen. Aber man müsste doch sehr blauäugig sein, zu glauben, dass dem Okavango Delta auf die Dauer die rote Karte für gefährdete Welterbegüter erspart bleiben wird. – Jahr des Flugbilds: 1980 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Copyright: Georg Gerster/Keystone

Da darf man wohl seufzen, „endlich“. Welterbe No. 1000: das bedeutet 36 Jahre Wartezeit seit Welterbe No. 1 (Galapagos Inseln, 1978). So lange hätte das Okavango Delta, in der Einschätzung der Internationalen Naturschutzorganisation (IUCN) ein ikonischer Lebensraum, nicht warten müssen, hätte das Welterbekomitee – und nicht ausschliesslich der Vertragsstaat – ein Vorschlagsrecht. Botswana trat der Welterbekonvention erst 1998 bei, und als es 2010 das Okavango Delta vorschlug, gab es bereits Zweifel an der Zukunft dieses bedeutendsten afrikanischen Feuchtgebiets.

Das Binnendelta, mit 16 000 Quadratkilometern angeblich das grösste der Welt, ist ein Schwemmkegel. Der Okavango, von den Regenfällen in Angolas Hochland genährt, ergiesst sich im Nordwesten Botswanas in die Kalahari, anfänglich in einem ziemlich kompakten Lauf, dem „Pfannenstiel“, dann aber in einen Fächer von Hunderten Kanälen und Rinnsalen zerfasernd. Im März wird am Eingang des Deltas der höchste Wasserstand gemessen. Von hier arbeitet sich die Flut während vier Monaten durch Pflanzendickichte 250 Kilometer südwärts vor. Ihre Ankunft am Südende auf dem Höhepunkt der Trockenzeit im Umland schafft vorübergehend in der Kalahari eine Oase. Bei einer ungewöhnlich starken Flut bildet sich eine 12 000 Quadratkilometer grosse Pfütze. In den Folgemonaten versickert und verdunstet das Wasser wieder. Im Dezember (unser Bild) bleiben im Süden nur sumpfige Kuhlen und trocken gefallene Steppenflächen zwischen baumbestandenen Inseln übrig. Obwohl das Delta bei geringem Gefälle fast topfeben und sein Boden überall gleichartig, sandig, ist, bilden sich abhängig von der Häufigkeit und Dauer der Überflutung nahe beieinander ganz verschiedene Lebensräume heraus: von den perennierenden Gewässern und permanenten Schilf- und Papyrus-Sümpfen im Norden bis zu dem nur jahreszeitlich überschwemmten Gras- und Waldland im Süden. Eine besondere Rolle kommt den meist mit Palmen bestandenen Inseln und Inselchen zu; es gibt ihrer Zehntausende, manche nur wenige Quadratmeter gross. Sie sind das Werk von Termiten. Ökologen glauben, dass die Inseln und ihre Bäume wesentlich mithelfen, die Versalzung des Deltas zu verhindern. Trotz 500 000 Tonnen gelöster Salze, die der Okavango jährlich in das System einbringt, sind im Delta Seen, Teiche und Tümpel nicht brackig.

Eine Süsswasser-Oase also. Die IUCN-Gutachter hoben denn auch zuhanden des Welterbekomitees als Trumpfkarte die Artenvielfalt in Flora und Fauna dieses Naturraums hervor. In den permanenten Sümpfen des Deltas leben Flusspferde, Krokodile, Letschwe- und Sitatunga-Antilopen. Wenn der Süden sich zeitweilig in ein Feuchtgebiet verwandelt, wandern vorübergehend Geparden, Löwen, Nashörner und Wildhunde ein. Sogar einige von Botswanas 130 000 Elefanten – der grössten Elefanten-Population in Afrika – profitieren von dem saisonalen Feuchtgebiet. Die Statistiker der Biodiversität zählen 1061 Pflanzenarten, 90 Fischarten, über 500 Vogelarten, 150 Arten Säugetiere auf – viele davon weltweit gefährdet. Dazu kommen Kriechtiere, Lurche und Wirbellose sonder Zahl. Was die Zahl seiner Reptilien- und Vogelarten anlangt, übertrifft das Okavango Delta alle andern grossen Feuchtgebiete,Seine Zukunftsaussichten sind freilich nicht ungetrübt. Wasserbauliche Eingriffe im Oberlauf des Okavango in Angola oder Namibia sind eine Dauergefahr. Die landwirtschaftliche Nutzung der Ufer durch die Oberlieger kann das Wasser mit Pestiziden belasten. Botswanas Diamantenschürfer haben Ansprüche angemeldet. Im Delta mit zurzeit etwa 120 000 Bewohnern wachsen Bevölkerungs- und Siedlungsdruck, nicht zuletzt als Folge der touristischen Vermarktung. Es bestehen auch Pläne für grossflächigen Anbau von Reis und Zuckerrohr. Zudem wecken die Papyrus-Sümpfe bei Energieplanern Begehrlichkeiten: Papyrus-Briketts verbrennen relativ rauch- und aschenarm und eignen sich hervorrgend zum Ersatz von Brennholz. Natürlich wurden alle möglichen Widrigkeiten und Anfechtungen vor der Auszeichnung als Welterbe mit entsprechenden Vereinbarungen wegbedungen. Aber man müsste doch sehr blauäugig sein, zu glauben, dass dem Okavango Delta auf die Dauer die rote Karte für gefährdete Welterbegüter erspart bleiben wird. – Jahr des Flugbilds: 1980 (Copyright Georg Gerster/Keystone)