Ring of Brodgar - Gerster

Copyright: Georg Gerster/Keystone

Der Orkney-Archipel vor Schottlands Nordküste, an die 70 Inseln und Inselchen, hat im Vereinigten Königreich nicht seinesgleichen, was die Konzentration vorgeschichtlicher Fundstellen angeht. Ein Besucher, der sich auf eine einzige der vier Stätten beschränken müsste, litte unter der Qual der Wahl. Das Hügelgrab„Maeshowe“, aufgeschüttet schon vor 3000 v.Chr., vermutlich die älteste der 1999 dem Welterbe zugeschlagenen Stätten, ist ein mehrkammeriges Ganggrab, erstaunlich in seinem bautechnischen Knowhow von Trockenmauerwerk. Die  Kragsteinkuppel über der Hauptgrabkammer war das reine Wunder: sie hat mörtellos 5000 Jahre überdauert. (Jetzt ist sie durch eine Betondecke ersetzt.) Und dann gibt es da Skara Brae, ein einzigartiges steinzeitliches Dorf, und zwei aussergewöhnliche Henge-Mäler mit Steinkreisen: die „Standing Stones of Stennes“ und der Ring von Brodgar. Die Qual der Wahl kann sich übrigens jeder ersparen, der gut zu Fuss ist: wenigstens Maeshowe und die Steinkreise liegen auf der Landenge zwischen zwei Lochs in Marschdistanz von einander.

Der Steinkreis von Brodgar behauptet unter den Megalithdenkmälern Grossbritanniens und Europas eine Sonderstellung. Da ist einmal seine respektable Grösse (104 Meter Durchmesser). Nur zwei Steinkreise – Avebury und Stanton Drew in England – sind noch grösser. Und dann ist da die erstaunliche Genauigkeit der Kreisform. Heute stehen noch 27 Megalithen, 2,1 bis 4,7 Meter hohe Steine, auf dem Kreis. Man rechnet den Ring von Brodgar im allgemeinen zu den Henges – Erdwerken, die mit einer Graben-Wall-Kombination einen runden oder ovalen Raum eingrenzen. Puristen bemäkeln freilich, dass beim Ring von Brodgar der Wall fehlt. Dafür liefert allerdings der Graben, der abschnittsweise in den gewachsenen Fels eingetieft ist, eine umso deutlichere Begrenzung. Zweck und Bedeutung des aufwendigen Bauwerks? Ein Heiligtum? Ein Zeremonial-, ein Kultplatz?

Die Heraufsetzung ihres Alters um fast ein Jahrtausend, das die  mit der  Radiokarbonmethode seit 1946 gewonnenen Daten nahe legten, sicherte die Mündigkeit der megalithischen Denkmäler Westeuropas; sie waren nicht bloss, wie man bisher angenommen hatte, Ableger und Ausläufer der vorderorientalischen Zivilisationswiege. „Ex tenebris“ statt „ex oriente lux“, die neblige Thule hatte Vortritt vor der sonnigen Ägäis. Westeuropas Megalithikum, d.h. die Zeit der grossen Steinsetzungen mit Spuren von der Iberischen Halbinsel bis hinauf zu den Shetlandinseln erfreute sich wachsender Aufmerksamkeit. Der Hinkel- und Bautasteine, der Menhire, Dolmen und Henges bemächtigten sich die Geheimniskrämer, die die Mysterienlüsternheit einer gänzlich ernüchterten Welt in Bestseller ummünzrten. Seriöse Forscher bearbeiteten archäoastronomische Fragestellungen: hatten die Steinsetzungen astronomisch-kalendarische Bedeutung? Alexander Thom, emeritierter Professor der Ingenieurwissenschaften der Universität Oxford, und sein Sohn Archibald hielten den Ring von Brodgar für ein Mondobservatorium. Dessen Benützer nahmen Teile des Steinkreises sowie mit ihm vergesellschaftete Steinhaufen als Kimme, als Korn dienten natürliche Geländemarken – etwa eine bestimmte Klippe der Nachbarinsel Hoy in über 13 Kilometer Entfernung. Mit dieser Visiereinrichtung zielten sie auf kalenderwichtige Aufgänge oder Untergänge des Monds am Horizont. Die Thoms glaubten ausserdem, in allen Megalithbauten, auch den iberischen und bretonischen, ein Einheitsmass, den Megalithischen Yard (82,9 Zentimeter), zu erkennen. Ob man nicht Menschen der schriftlosen Frühzeit mit so vielen Ansprüchen an himmelskundliches, geometrisches und vermessungstechnisches Wissen überfordert? Die zünftige Wissenschaft hat ihre Skepsis gegenüber den Ergebnissen der Thoms, und deren Deutungen nie überwunden.

Bis in unser Jahrhundert war die Kreisfläche innerhalb des Rings archäologisch nicht untersucht worden. Jane Downes , Leiterin des Departements für Archäologie am Orkney College UHI, machte sich endlich im Sommer 2008 mit einem Kollegen, Colin Richards, ans Werk. Ihre Arbeit galt vor allem zwei Fragestellungen – der originalen Zahl der Megalithen im Ring und dessen Alter. Sie werden die Ergebnisse nächstens veröffentlichen. Einer Email von Jane Downsend (22. 10. 2013) entnehme ich, dass die Grabung die überlieferte Zahl der „grossen Steine“ bestätigte, aber weiterhin ohne Gewähr: auf dem Kreis standen „wahrscheinlich circa 60 Steine“. Bisherige Altersangaben datierten die Entstehung des Rings von Brodgar meist in die zweite Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends. Die Ausgräber fügten seinem Alter einige Jahrhunderte hinzu – sie datieren ihn jetzt „um die Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr.“ Im gleichen Jahr stahl übrigens eine Grabung auf der gleichen Landenge, unweit des Rings von Brodgar, dem Steinkreis die Schau. Die seit 2003 laufende Grabung „Ness of Brodgar“ zog 2008 die Grasnarbe über einem zwischen 3200 und 2300 v. Ch. entstandenen Monumentalgebäude weg, das man nur als Kultanlage, als Tempel, als Heiligtum verstehen kann. Die jungsteinzeitlichen Bewohner erspürten offenbar in diesem Teil der Orkney-Insel Mainland ein religiöses Kraftzentrum. Und bei Bauten und Steinsetzungen dachten und planten sie gross. – Jahr des Flugbilds: 1976  (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Copyright: Georg Gerster/Keystone

Der Orkney-Archipel vor Schottlands Nordküste, an die 70 Inseln und Inselchen, hat im Vereinigten Königreich nicht seinesgleichen, was die Konzentration vorgeschichtlicher Fundstellen angeht. Ein Besucher, der sich auf eine einzige der vier Stätten beschränken müsste, litte unter der Qual der Wahl. Das Hügelgrab„Maeshowe“, aufgeschüttet schon vor 3000 v.Chr., vermutlich die älteste der 1999 dem Welterbe zugeschlagenen Stätten, ist ein mehrkammeriges Ganggrab, erstaunlich in seinem bautechnischen Knowhow von Trockenmauerwerk. Die Kragsteinkuppel über der Hauptgrabkammer war das reine Wunder: sie hat mörtellos 5000 Jahre überdauert. (Jetzt ist sie durch eine Betondecke ersetzt.) Und dann gibt es da Skara Brae, ein einzigartiges steinzeitliches Dorf, und zwei aussergewöhnliche Henge-Mäler mit Steinkreisen: die „Standing Stones of Stennes“ und der Ring von Brodgar. Die Qual der Wahl kann sich übrigens jeder ersparen, der gut zu Fuss ist: wenigstens Maeshowe und die Steinkreise liegen auf der Landenge zwischen zwei Lochs in Marschdistanz von einander.

Der Steinkreis von Brodgar behauptet unter den Megalithdenkmälern Grossbritanniens und Europas eine Sonderstellung. Da ist einmal seine respektable Grösse (104 Meter Durchmesser). Nur zwei Steinkreise – Avebury und Stanton Drew in England – sind noch grösser. Und dann ist da die erstaunliche Genauigkeit der Kreisform. Heute stehen noch 27 Megalithen, 2,1 bis 4,7 Meter hohe Steine, auf dem Kreis. Man rechnet den Ring von Brodgar im allgemeinen zu den Henges – Erdwerken, die mit einer Graben-Wall-Kombination einen runden oder ovalen Raum eingrenzen. Puristen bemäkeln freilich, dass beim Ring von Brodgar der Wall fehlt. Dafür liefert allerdings der Graben, der abschnittsweise in den gewachsenen Fels eingetieft ist, eine umso deutlichere Begrenzung. Zweck und Bedeutung des aufwendigen Bauwerks? Ein Heiligtum? Ein Zeremonial-, ein Kultplatz?

Die Heraufsetzung ihres Alters um fast ein Jahrtausend, das die mit der Radiokarbonmethode seit 1946 gewonnenen Daten nahe legten, sicherte die Mündigkeit der megalithischen Denkmäler Westeuropas; sie waren nicht bloss, wie man bisher angenommen hatte, Ableger und Ausläufer der vorderorientalischen Zivilisationswiege. „Ex tenebris“ statt „ex oriente lux“, die neblige Thule hatte Vortritt vor der sonnigen Ägäis. Westeuropas Megalithikum, d.h. die Zeit der grossen Steinsetzungen mit Spuren von der Iberischen Halbinsel bis hinauf zu den Shetlandinseln erfreute sich wachsender Aufmerksamkeit. Der Hinkel- und Bautasteine, der Menhire, Dolmen und Henges bemächtigten sich die Geheimniskrämer, die die Mysterienlüsternheit einer gänzlich ernüchterten Welt in Bestseller ummünzrten. Seriöse Forscher bearbeiteten archäoastronomische Fragestellungen: hatten die Steinsetzungen astronomisch-kalendarische Bedeutung? Alexander Thom, emeritierter Professor der Ingenieurwissenschaften der Universität Oxford, und sein Sohn Archibald hielten den Ring von Brodgar für ein Mondobservatorium. Dessen Benützer nahmen Teile des Steinkreises sowie mit ihm vergesellschaftete Steinhaufen als Kimme, als Korn dienten natürliche Geländemarken – etwa eine bestimmte Klippe der Nachbarinsel Hoy in über 13 Kilometer Entfernung. Mit dieser Visiereinrichtung zielten sie auf kalenderwichtige Aufgänge oder Untergänge des Monds am Horizont. Die Thoms glaubten ausserdem, in allen Megalithbauten, auch den iberischen und bretonischen, ein Einheitsmass, den Megalithischen Yard (82,9 Zentimeter), zu erkennen. Ob man nicht Menschen der schriftlosen Frühzeit mit so vielen Ansprüchen an himmelskundliches, geometrisches und vermessungstechnisches Wissen überfordert? Die zünftige Wissenschaft hat ihre Skepsis gegenüber den Ergebnissen der Thoms, und deren Deutungen nie überwunden.

Bis in unser Jahrhundert war die Kreisfläche innerhalb des Rings archäologisch nicht untersucht worden. Jane Downes , Leiterin des Departements für Archäologie am Orkney College UHI, machte sich endlich im Sommer 2008 mit einem Kollegen, Colin Richards, ans Werk. Ihre Arbeit galt vor allem zwei Fragestellungen – der originalen Zahl der Megalithen im Ring und dessen Alter. Sie werden die Ergebnisse nächstens veröffentlichen. Einer Email von Jane Downsend (22. 10. 2013) entnehme ich, dass die Grabung die überlieferte Zahl der „grossen Steine“ bestätigte, aber weiterhin ohne Gewähr: auf dem Kreis standen „wahrscheinlich circa 60 Steine“. Bisherige Altersangaben datierten die Entstehung des Rings von Brodgar meist in die zweite Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends. Die Ausgräber fügten seinem Alter einige Jahrhunderte hinzu – sie datieren ihn jetzt „um die Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr.“ Im gleichen Jahr stahl übrigens eine Grabung auf der gleichen Landenge, unweit des Rings von Brodgar, dem Steinkreis die Schau. Die seit 2003 laufende Grabung „Ness of Brodgar“ zog 2008 die Grasnarbe über einem zwischen 3200 und 2300 v. Ch. entstandenen Monumentalgebäude weg, das man nur als Kultanlage, als Tempel, als Heiligtum verstehen kann. Die jungsteinzeitlichen Bewohner erspürten offenbar in diesem Teil der Orkney-Insel Mainland ein religiöses Kraftzentrum. Und bei Bauten und Steinsetzungen dachten und planten sie gross. – Jahr des Flugbilds: 1976 (Copyright Georg Gerster/Keystone)