Samarra - Gerster

(Copyright: Georg Gerster/Keystone)

Das Minarett der Grossen Moschee von Samarra im Irak ist ein frühislamisches Echo auf die altmesopotamischen Tempeltürme.
Der Abbasiden-Kalif al-Mutasim, der Sohn Harun al-Raschids, zog im Jahr 838 von Bagdad nach dem etwa hundert Kilometer nördlicher gelegenen Samarra um. In  der neuen Residenz, so hoffte der Herrscher, würde er die Reibereien los sein, die sich in Bagdad tagtäglich zwischen seinen türkischen Söldnern und der einheimischen Bevölkerung ergaben. In Wirklichkeit machte er sich zum Gefangenen seiner Miettruppen. Nicht weniger als vier seiner Nachfolger wurden deren Opfer, obwohl doch die Geschichte Samarras als Hauptstadt des Abbasidenreichs unglaublich kurz ist. Ein für die Zeit einmaliger Aufwand katapultierte die Stadt auf höchste Höhen des Ansehens. Pracht und Glanz verblichen jedoch ebenso schnell wieder, als die Abbasiden Samarra, bereits ein halbes Jahrhundert nach der Gründung, seinem Schicksal überliessen und nach Bagdad zurückkehrten. Fast zwanzig Kilometer weit erstreckt sich heute am linken Ufer des Tigris das weitläufige Ruinenfeld der einstigen Millionenstadt. Paläste, Wohnquartiere, Gefängnisse, Hauptstrassen, Verwaltungsgebäude, Wasserleitungen, die ausgeklügelte Rennbahn in Klettblattform – sie sind jetzt kaum mehr lesbare Spuren im Sand. Reste aufgehenden Mauerwerks sind die Ausnahme und so gut wie den beiden Moscheen vorbehalten, der Kleinen (Abu Dulaf) und der Freitagsmoschee, der Grossen.

Kalif al-Mutawakkkil (847 – 861), der als Bauherr in Samarra nicht seinesgleichen hatte, gründete sie beide. Die Grosse Moschee, deren Umfassungsmauer und Minarett erhalten sind, sollte durch ihre Glasmosaiken mit den Omayyaden-Moscheen Syriens wetteifern – sie alle durch schiere Grösse ausstechen. Mehr als hunderttausend Gläubige konnte sie zum Freitagsgebet aufnehmen, lange Zeit das grösste je errichtete Kultgebäude. Ihre Abmessungen sicherten ihr Berühmtheit. Zu Ruhm aber kam sie mit dem Spiralminarett vor ihrer Nordmauer: der Turm, bei dem eine Wendelrampe in fünf Windungen den Sockel mit einem zylindischen Obergeschoss verbindet, schraubt sich über 50 Meter hoch in den Himmel. Er war eine Tagesreise weit sichtbar.

Die Eignung als Ausguck wurde dem Spiralminarett 2005 nach dem Ende des Irak-Kriegs fast zum Verhängnis. In Missachtung des völkerrechtlich vereinbarten Schutzes von Kulturgütern im Krieg  hatten amerikanische Truppen auf ihm einen Beobachtungsposten eingerichtet, Aufständische sprengten darauf einen Teil des Aufbaus weg. Die Unesco setzte 2007 Samarra und sein Minarett auf die Liste des Welterbes; gleichzeitig garantierten ihnen die Zeitläufte einen Platz auf der roten Liste.der gefährdeten Denkmäler.

Wovon liess sich al-Mutawakkil zu der ungewöhnlichen Spirale anregen? Er umwickelte – so eine kurz tretende örtliche Überlieferung – bei einer Audienz gelangweilt einen Finger mit einer Papierschlange – und hatte das Modell. Natürlich halten Architekturhistoriker von dieser Anekdote wenig. Vielmehr sehen sie in der vermeintlichen Neuerung al-Mutawakkils einen Rückgriff auf die sumerisch-assyrisch-babylonische Tradition des Sakralturms, der Zikkurat. Rund dreissig aus Überresten bekannte Zikkurats hatten freilich rechteckige Grundrisse; Freitreppen von Stockwerk zu Stockwerk erschlossen die verschiedenen Absätze des geböschten Stufenturms. Aber in assyrischer Zeit und im Kerngebiet Assyriens experimentierten die Tempelbauer mit einem neuen Muster der Zikkurat. Bei dieser schraubt sich eine Wendelrampe ohne Unterbrechung am Baukörper empor. Sehr wohl möglich, dass dem Kalifen dieses Muster vorschwebte.

Der Bibel erschienen die zum Himmel strebenden mesopotamischen Tempeltürme als Inbegriff menschlicher Vermessenheit, die Zikkurat von Babylon war ein „Turm der Hoffart“. Mit dem Spiralminarett korrigierte der Kalif das biblische Missverständnis und unterlief die biblische Polemik. Die Erbauer der Zikkurats hatten ja niemals trotzig die Faust gegen den Himmel erhoben; ganz im Gegenteil: die Tempelberge luden den Gott ein, unter den bedürftigen Menschen zu wohnen. Die kreisrunde Anlage des Wendelminaretts betont noch die erwünschte kosmische Innigkeit. Man darf hier auch an den kreisrunden Stadtplan des abbasidischen Bagdad erinnern, der sich als Abbild des Universums verstand. Der Aufstieg auf der zunehmend steilen und ungesicherten Spiralrampe lässt Trotz schon aus physiologischen Gründen nicht aufkommen: süsser Schwindel kommuniziert mit dem Gefühl, dass man nicht mehr voll der Erde und noch nicht ganz dem Himmel gehört. – Jahr des Flugbilds: 1973 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

KONTAKT
georg.gerster@journal21.ch
(Copyright: Georg Gerster/Keystone)

Das Minarett der Grossen Moschee von Samarra im Irak ist ein frühislamisches Echo auf die altmesopotamischen Tempeltürme.
Der Abbasiden-Kalif al-Mutasim, der Sohn Harun al-Raschids, zog im Jahr 838 von Bagdad nach dem etwa hundert Kilometer nördlicher gelegenen Samarra um. In der neuen Residenz, so hoffte der Herrscher, würde er die Reibereien los sein, die sich in Bagdad tagtäglich zwischen seinen türkischen Söldnern und der einheimischen Bevölkerung ergaben. In Wirklichkeit machte er sich zum Gefangenen seiner Miettruppen. Nicht weniger als vier seiner Nachfolger wurden deren Opfer, obwohl doch die Geschichte Samarras als Hauptstadt des Abbasidenreichs unglaublich kurz ist. Ein für die Zeit einmaliger Aufwand katapultierte die Stadt auf höchste Höhen des Ansehens. Pracht und Glanz verblichen jedoch ebenso schnell wieder, als die Abbasiden Samarra, bereits ein halbes Jahrhundert nach der Gründung, seinem Schicksal überliessen und nach Bagdad zurückkehrten. Fast zwanzig Kilometer weit erstreckt sich heute am linken Ufer des Tigris das weitläufige Ruinenfeld der einstigen Millionenstadt. Paläste, Wohnquartiere, Gefängnisse, Hauptstrassen, Verwaltungsgebäude, Wasserleitungen, die ausgeklügelte Rennbahn in Klettblattform – sie sind jetzt kaum mehr lesbare Spuren im Sand. Reste aufgehenden Mauerwerks sind die Ausnahme und so gut wie den beiden Moscheen vorbehalten, der Kleinen (Abu Dulaf) und der Freitagsmoschee, der Grossen.

Kalif al-Mutawakkkil (847 – 861), der als Bauherr in Samarra nicht seinesgleichen hatte, gründete sie beide. Die Grosse Moschee, deren Umfassungsmauer und Minarett erhalten sind, sollte durch ihre Glasmosaiken mit den Omayyaden-Moscheen Syriens wetteifern – sie alle durch schiere Grösse ausstechen. Mehr als hunderttausend Gläubige konnte sie zum Freitagsgebet aufnehmen, lange Zeit das grösste je errichtete Kultgebäude. Ihre Abmessungen sicherten ihr Berühmtheit. Zu Ruhm aber kam sie mit dem Spiralminarett vor ihrer Nordmauer: der Turm, bei dem eine Wendelrampe in fünf Windungen den Sockel mit einem zylindischen Obergeschoss verbindet, schraubt sich über 50 Meter hoch in den Himmel. Er war eine Tagesreise weit sichtbar.

Die Eignung als Ausguck wurde dem Spiralminarett 2005 nach dem Ende des Irak-Kriegs fast zum Verhängnis. In Missachtung des völkerrechtlich vereinbarten Schutzes von Kulturgütern im Krieg hatten amerikanische Truppen auf ihm einen Beobachtungsposten eingerichtet, Aufständische sprengten darauf einen Teil des Aufbaus weg. Die Unesco setzte 2007 Samarra und sein Minarett auf die Liste des Welterbes; gleichzeitig garantierten ihnen die Zeitläufte einen Platz auf der roten Liste.der gefährdeten Denkmäler.

Wovon liess sich al-Mutawakkil zu der ungewöhnlichen Spirale anregen? Er umwickelte – so eine kurz tretende örtliche Überlieferung – bei einer Audienz gelangweilt einen Finger mit einer Papierschlange – und hatte das Modell. Natürlich halten Architekturhistoriker von dieser Anekdote wenig. Vielmehr sehen sie in der vermeintlichen Neuerung al-Mutawakkils einen Rückgriff auf die sumerisch-assyrisch-babylonische Tradition des Sakralturms, der Zikkurat. Rund dreissig aus Überresten bekannte Zikkurats hatten freilich rechteckige Grundrisse; Freitreppen von Stockwerk zu Stockwerk erschlossen die verschiedenen Absätze des geböschten Stufenturms. Aber in assyrischer Zeit und im Kerngebiet Assyriens experimentierten die Tempelbauer mit einem neuen Muster der Zikkurat. Bei dieser schraubt sich eine Wendelrampe ohne Unterbrechung am Baukörper empor. Sehr wohl möglich, dass dem Kalifen dieses Muster vorschwebte.

Der Bibel erschienen die zum Himmel strebenden mesopotamischen Tempeltürme als Inbegriff menschlicher Vermessenheit, die Zikkurat von Babylon war ein „Turm der Hoffart“. Mit dem Spiralminarett korrigierte der Kalif das biblische Missverständnis und unterlief die biblische Polemik. Die Erbauer der Zikkurats hatten ja niemals trotzig die Faust gegen den Himmel erhoben; ganz im Gegenteil: die Tempelberge luden den Gott ein, unter den bedürftigen Menschen zu wohnen. Die kreisrunde Anlage des Wendelminaretts betont noch die erwünschte kosmische Innigkeit. Man darf hier auch an den kreisrunden Stadtplan des abbasidischen Bagdad erinnern, der sich als Abbild des Universums verstand. Der Aufstieg auf der zunehmend steilen und ungesicherten Spiralrampe lässt Trotz schon aus physiologischen Gründen nicht aufkommen: süsser Schwindel kommuniziert mit dem Gefühl, dass man nicht mehr voll der Erde und noch nicht ganz dem Himmel gehört. – Jahr des Flugbilds: 1973 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

KONTAKT
[email protected]