Segovia - Gerster

 Altrömische Ingenieure renommierten mit hydraulischen Bestleistungen. Aber vielleicht schwächte ihre Stärke in der Kunst des Wasserbaus deren Nutzniesser.

Ausreichende Versorgung mit Trink- und Brauchwasser war eine Existenzfrage schon für die ersten Grosstädte der Menschheit; mit ausgetüftelten Kanalsystemen zapften sumerische, assyrische, babylonische Ingenieure abliegende Quellen an. Es blieb indes den Römern vobehalten, aus dem Wasserbau eine Kunst zu machen. Das beste Wasser war gerade gut genug – und kein Quellgebiet zu fern, kein Hindernis zu hoch, kein Geländeeinschnitt zu tief, um es zum Verbraucher zu bringen. Die Länge römischer Fernwasserleitungen erreichte mitunter hundert Kilometer und mehr (Karthago, 130 km). Der Kanal, offen oder gedeckt, seine Rinne oft wasserdicht ausgemörtelt, wand sich den Bergflanken entlang, Das Wasser floss mit dem natürlichen Gefälle. Die römischen Städte protzten mit Wasserspielen, Brunnenanlagen und öffentlichen Bädern, mit Wasser gingen sie verschwenderisch um. Und verschwenderisch war das Angebot. Nach Klaus Grewe von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, mutmasslich dem besten Kenner der Wasserversorgung römischer Städte, standen in römischer Zeit jedem Kölner pro Tag 1200 Liter Wasser zur Verfügung – ein Vielfaches des heutigen Angebots. Um das Gefälle der Leitung zu verbessern, oder auch ganz einfach aus Kostengründen, verkürzten die Ingenieure oft die Trasselänge mit Kunstbauten –Tunnels, Druckleitungen und Aquädukten. Die letzteren mit kühnen Arkaden waren offenbar als eigentliche Renommierstücke konzipiert. Deren Überreste sind heute die augenfälligsten Zeugen römischer Wasserbaukunst. Zwei Aquädukte gehören seit l985 sogar zum Welterbe: der Pont du Gard im Languedoc und der Aquädukt von Segovia in Kastilien.

Der Aquädukt von Segovia bildet den Schlussabschnitt des Kanals, der das Wasser des Rio Frio aus der Sierra Guadarrama über 18 Kilometer nach Segovia leitet. Um die Talsenke vor der Altstadt zu überwinden, bauten die römischen Ingenieure um die Mitte des 1. Jahrhunderts die 813 Meter lange und bis 28, 5 Meter hohe Kanalbrücke. Sie prunkt mit 119 zum Teil zweigeschossigen Bogen. Diese ruhen auf Pfeilern mit einem Mantel aus mörtellos gefügten Granitquadern und einem Kern aus gegossenem antiken Beton. Die Erschütterungen durch den Schwerverkehr und die korrosive Luftverschmutzung spielten dem Bauwerk zuletzt übel mit. Anfang der 1970er Jahre schien der stolze Bau zur Ruine prädestiniert. An der Sanierung fünf Minuten vor Zwölf wirkten auch Schweizer Unternehmen mit. Die Baufirma Stump Bohr AG (heute Stump Foratec) armierte die Quadern besonders gefährdeter Pfeiler und Arkaden mit Messingstäben; von Ciba-Geigy (heute Novartis) kamen bei der Verstärkung und Konsolidierung Araldit-Epoxidharze zum Einsatz, die schon das Überleben Abu Simbels gesichert hatten und einige Jahre später auch den Borobudur retten werden.

Wie weit sich die Aquädukte als Sinnbilder des zivilisatorischen Fortschritts eignen, bleibt umstritten. Sie speisten das Wasser in das  städtische Verteilnetz ein – in Rohrleitungen aus Blei. Das von den Römern bevorzugte harte Wasser baute zwar, wo es verfügbar war, mit Kalksinterablagerungen eine Isolationsschicht auf. Aber die Bleibelastung war hoch – ein Problem vor allem der Oberschicht. Ausschliesslich betuchte Privathaushalte konnten sich die Zuleitung des Wassers in den fortschrittlichen Bleiröhren bis ins Haus leisten. Wer die Wasserversorgung von Schuld freispricht, sucht die Hauptquelle der Bleibelastung im Suff der Oberschicht. Die Wohlhabenden sprachen dem bleivergifteten Wein – gesüsst mit Bleizucker und/oder Bleiweiss – freudig zu. Nach einer kanadischen Studie war die Bleibelastung für einen römischen Zecher der guten Gesellschaft vielfach höher als der heute von der Weltgesundheitsorganisation als unbedenklich eingestufte Grenzwert.

Man darf hier durchaus an Friedrich Dürrenmatts geniale Komödie „Romulus der Grosse“ erinnern. Der letzte Kaiser liquidiert hühnerzüchtend und frühstückseierschlürfend das römische Reich – vielleicht ein Opfer des Bleis in Wasser und Wein. Schon möglich, dass die Bleivergiftung auch erleuchtete Deppen hervorbrachte. – Jahr des Flugbilds: 1990. (Copyright Georg Gerster/Keystone).
Altrömische Ingenieure renommierten mit hydraulischen Bestleistungen. Aber vielleicht schwächte ihre Stärke in der Kunst des Wasserbaus deren Nutzniesser.

Ausreichende Versorgung mit Trink- und Brauchwasser war eine Existenzfrage schon für die ersten Grosstädte der Menschheit; mit ausgetüftelten Kanalsystemen zapften sumerische, assyrische, babylonische Ingenieure abliegende Quellen an. Es blieb indes den Römern vobehalten, aus dem Wasserbau eine Kunst zu machen. Das beste Wasser war gerade gut genug – und kein Quellgebiet zu fern, kein Hindernis zu hoch, kein Geländeeinschnitt zu tief, um es zum Verbraucher zu bringen. Die Länge römischer Fernwasserleitungen erreichte mitunter hundert Kilometer und mehr (Karthago, 130 km). Der Kanal, offen oder gedeckt, seine Rinne oft wasserdicht ausgemörtelt, wand sich den Bergflanken entlang, Das Wasser floss mit dem natürlichen Gefälle. Die römischen Städte protzten mit Wasserspielen, Brunnenanlagen und öffentlichen Bädern, mit Wasser gingen sie verschwenderisch um. Und verschwenderisch war das Angebot. Nach Klaus Grewe von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, mutmasslich dem besten Kenner der Wasserversorgung römischer Städte, standen in römischer Zeit jedem Kölner pro Tag 1200 Liter Wasser zur Verfügung – ein Vielfaches des heutigen Angebots. Um das Gefälle der Leitung zu verbessern, oder auch ganz einfach aus Kostengründen, verkürzten die Ingenieure oft die Trasselänge mit Kunstbauten –Tunnels, Druckleitungen und Aquädukten. Die letzteren mit kühnen Arkaden waren offenbar als eigentliche Renommierstücke konzipiert. Deren Überreste sind heute die augenfälligsten Zeugen römischer Wasserbaukunst. Zwei Aquädukte gehören seit l985 sogar zum Welterbe: der Pont du Gard im Languedoc und der Aquädukt von Segovia in Kastilien.

Der Aquädukt von Segovia bildet den Schlussabschnitt des Kanals, der das Wasser des Rio Frio aus der Sierra Guadarrama über 18 Kilometer nach Segovia leitet. Um die Talsenke vor der Altstadt zu überwinden, bauten die römischen Ingenieure um die Mitte des 1. Jahrhunderts die 813 Meter lange und bis 28, 5 Meter hohe Kanalbrücke. Sie prunkt mit 119 zum Teil zweigeschossigen Bogen. Diese ruhen auf Pfeilern mit einem Mantel aus mörtellos gefügten Granitquadern und einem Kern aus gegossenem antiken Beton. Die Erschütterungen durch den Schwerverkehr und die korrosive Luftverschmutzung spielten dem Bauwerk zuletzt übel mit. Anfang der 1970er Jahre schien der stolze Bau zur Ruine prädestiniert. An der Sanierung fünf Minuten vor Zwölf wirkten auch Schweizer Unternehmen mit. Die Baufirma Stump Bohr AG (heute Stump Foratec) armierte die Quadern besonders gefährdeter Pfeiler und Arkaden mit Messingstäben; von Ciba-Geigy (heute Novartis) kamen bei der Verstärkung und Konsolidierung Araldit-Epoxidharze zum Einsatz, die schon das Überleben Abu Simbels gesichert hatten und einige Jahre später auch den Borobudur retten werden.

Wie weit sich die Aquädukte als Sinnbilder des zivilisatorischen Fortschritts eignen, bleibt umstritten. Sie speisten das Wasser in das städtische Verteilnetz ein – in Rohrleitungen aus Blei. Das von den Römern bevorzugte harte Wasser baute zwar, wo es verfügbar war, mit Kalksinterablagerungen eine Isolationsschicht auf. Aber die Bleibelastung war hoch – ein Problem vor allem der Oberschicht. Ausschliesslich betuchte Privathaushalte konnten sich die Zuleitung des Wassers in den fortschrittlichen Bleiröhren bis ins Haus leisten. Wer die Wasserversorgung von Schuld freispricht, sucht die Hauptquelle der Bleibelastung im Suff der Oberschicht. Die Wohlhabenden sprachen dem bleivergifteten Wein – gesüsst mit Bleizucker und/oder Bleiweiss – freudig zu. Nach einer kanadischen Studie war die Bleibelastung für einen römischen Zecher der guten Gesellschaft vielfach höher als der heute von der Weltgesundheitsorganisation als unbedenklich eingestufte Grenzwert.

Man darf hier durchaus an Friedrich Dürrenmatts geniale Komödie „Romulus der Grosse“ erinnern. Der letzte Kaiser liquidiert hühnerzüchtend und frühstückseierschlürfend das römische Reich – vielleicht ein Opfer des Bleis in Wasser und Wein. Schon möglich, dass die Bleivergiftung auch erleuchtete Deppen hervorbrachte. – Jahr des Flugbilds: 1990. (Copyright Georg Gerster/Keystone).