Horyu-ji - Gerster

 Der Tempelbezirk des Horyu-ji bei Nara, Hauptsitz der budhistischen Shotoku-Sekte, enthält die ältesten Holzbauten Japans und der Welt.

Das Flugbild zeigt den von einem überdachten Wandelgang umgebenen Tempelhof des Westbezirks, mit der fünfstöckigen Pagode (erbaut 607) und der Goldenen Halle (Kondo). Die Tempelanlagen bei und in Nara, unvergleichliche Zeugnisse asiatischer Sakralarchitektur und ein Nonplusultra des Holzbaus, zogen mit erstaunlicher Verspätung ins Pantheon des Welterbes ein: der Horyu-ji 1993, die Heiligtümer von Nara sogar erst l998. Japan zögerte beim Beitritt zur Welterbekonvention vielleicht auch aus Angst, schon mit den ersten Kandidaten beim Welterbekomitee durchzufallen, an der Klippe der Forderung nach Authentizität zu scheitern.

Die Konvention hatte „Authentizität“ –  den Grundanspruch an jedes Weltkulturgut – lange etwas zu vordergründig am Material, nämlich Stein, festgemacht; Lehm, Stroh, Holz fielen als wenig dauerhafte Baustoffe fast zwangsläufig aus Abschied und Traktanden. Die Einsicht in die Untauglichkeit eines Rasters, der viele Welterbegüter in Asien und Afrika aussperrte, setzte schliesslich ein Umdenken in Gang. An einer Tagung in l994 in – wo sonst? – Nara befreiten die Experten endlich die „Authentizität“ aus dem Materialkorsett. Viele Holzbauten in Japan  berücksichtigen von Anfang an modular den zukünftigen Ersatz von Bauteilen. Einige Tempelkomplexe kennen sogar eine „Umzugshalle“: dort nehmen während Reparaturarbeiten am Haupttempel vorübergehend die Geister Quartier. Ohne unermüdliche Wartung würden nach Jahrhunderten nur malerische Haufen von gebrannten Dachziegeln auf den Steinfliesen der Fundamente übrig bleiben.

Authentisch ist ein Architekturdenkmal in seiner Ganzheit, ungeachtet ausgebesserter oder gar ersetzter Bauteile – eine Ganzheit, die über mehr als ein Jahrtausend mit traditionellen Mitteln gegen Feuer, Wind und Wasser verteidigt wurde. Der Horyu Tempel dokumentiert einen Knackpunkt in der japanischen Geschichte: die Übernahme chinesischer Architektur und mit ihr der buddhistischen Religion. Er galt von Anfang an als Garant des Reichs und durfte daher darauf zählen, dass die auf seinen Unterhalt gerichteten Anstrengungen nie erlahmen würden. 670 wurde er das erste Mal das Opfer von Feuer; ein Blitzschlag äscherte das Heiligtum ein. Aber schon vierzig Jahre später stand Horyu-ji in seiner erlesenen Eleganz wieder. Brandkatastrophen punktieren seine Geschichte. 1949 brannte der Kondo, der als Gebetshalle gedient hatte, nieder und wurde mit neuen Stämmen wieder aufgebaut: „das älteste Holzgebäude der Welt“, eine vielleicht etwas strapaziöse Auslegung von „Authentizität“. – Jahr des Flugbilds: 1992 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Der Tempelbezirk des Horyu-ji bei Nara, Hauptsitz der budhistischen Shotoku-Sekte, enthält die ältesten Holzbauten Japans und der Welt.

Das Flugbild zeigt den von einem überdachten Wandelgang umgebenen Tempelhof des Westbezirks, mit der fünfstöckigen Pagode (erbaut 607) und der Goldenen Halle (Kondo). Die Tempelanlagen bei und in Nara, unvergleichliche Zeugnisse asiatischer Sakralarchitektur und ein Nonplusultra des Holzbaus, zogen mit erstaunlicher Verspätung ins Pantheon des Welterbes ein: der Horyu-ji 1993, die Heiligtümer von Nara sogar erst l998. Japan zögerte beim Beitritt zur Welterbekonvention vielleicht auch aus Angst, schon mit den ersten Kandidaten beim Welterbekomitee durchzufallen, an der Klippe der Forderung nach Authentizität zu scheitern.

Die Konvention hatte „Authentizität“ – den Grundanspruch an jedes Weltkulturgut – lange etwas zu vordergründig am Material, nämlich Stein, festgemacht; Lehm, Stroh, Holz fielen als wenig dauerhafte Baustoffe fast zwangsläufig aus Abschied und Traktanden. Die Einsicht in die Untauglichkeit eines Rasters, der viele Welterbegüter in Asien und Afrika aussperrte, setzte schliesslich ein Umdenken in Gang. An einer Tagung in l994 in – wo sonst? – Nara befreiten die Experten endlich die „Authentizität“ aus dem Materialkorsett. Viele Holzbauten in Japan berücksichtigen von Anfang an modular den zukünftigen Ersatz von Bauteilen. Einige Tempelkomplexe kennen sogar eine „Umzugshalle“: dort nehmen während Reparaturarbeiten am Haupttempel vorübergehend die Geister Quartier. Ohne unermüdliche Wartung würden nach Jahrhunderten nur malerische Haufen von gebrannten Dachziegeln auf den Steinfliesen der Fundamente übrig bleiben.

Authentisch ist ein Architekturdenkmal in seiner Ganzheit, ungeachtet ausgebesserter oder gar ersetzter Bauteile – eine Ganzheit, die über mehr als ein Jahrtausend mit traditionellen Mitteln gegen Feuer, Wind und Wasser verteidigt wurde. Der Horyu Tempel dokumentiert einen Knackpunkt in der japanischen Geschichte: die Übernahme chinesischer Architektur und mit ihr der buddhistischen Religion. Er galt von Anfang an als Garant des Reichs und durfte daher darauf zählen, dass die auf seinen Unterhalt gerichteten Anstrengungen nie erlahmen würden. 670 wurde er das erste Mal das Opfer von Feuer; ein Blitzschlag äscherte das Heiligtum ein. Aber schon vierzig Jahre später stand Horyu-ji in seiner erlesenen Eleganz wieder. Brandkatastrophen punktieren seine Geschichte. 1949 brannte der Kondo, der als Gebetshalle gedient hatte, nieder und wurde mit neuen Stämmen wieder aufgebaut: „das älteste Holzgebäude der Welt“, eine vielleicht etwas strapaziöse Auslegung von „Authentizität“. – Jahr des Flugbilds: 1992 (Copyright Georg Gerster/Keystone)