Göreme - Gerster

Ein Kundschafter des Sonnenkönigs kam der Unesco um Jahrhunderte zuvor: Paul Lucas berichtete 1712 von einem Weltwunder im Herzen Anatoliens – Pyramiden, so weit das Auge reicht, Zehntausende von ihnen.

Das Erstaunen, das Lucas um Worte ringen liess, strapaziert auch heute noch den beschreibenden Wortschatz jedes Besuchers. Freilich hält er die bizarre Landschaft kaum mehr wie Lucas für Menschenwerk. Vulkane, namentlich der Erciyes (3916 m), jetzt schlafend, überschütteten vor Jahrmillionen zehntausend Quadratkilometer mit Asche und Lava; die Asche verfestigte sich zu butterweichem, hellem Tuff, basaltische Lava deckten diesen mit einer harten, dunklen Schicht. Während Jahrhunderttausenden bosselten Verwitterung und Erosion im Tuff: Wind und Wasser modellierten bis zu 40 Meter hohe Türme, Kamine und Kegel, Obelisken, Nadeln, Pilze und Pyramiden; viele dieser Gebilde tragen „Hüte“ aus schwärzlichem Basalt.

Sie fordern die Phantasie heraus. Lucas sah in den Felsformationen neben Löwen und Vögeln nackte Frauen, und erst noch, wie er anmerkt, in unanständiger Pose. Es bedurfte eines Franzosen, um in dieser schlechterdings ithyphallischen Landschaft das Weibliche zu entdecken. „Viagra der Natur“, sagt jetzt angemessener das Aushängeschild eines fliegenden Händlers, der inmitten der gereckten Tufftürme sonnengetrocknete Aprikosen feilbietet. So extravagant es als Naturlandschaft ist – ein Unikat, weltweit, wird Kappadokien um das Städtchen Göreme erst als Kulturlandschaft. Der Tuff ist reich an Höhlen; der mürbe Tuff lädt zu ihrer Erweiterung geradezu ein. Die Wühlarbeit setzte schon in hethitischer Zeit ein. Kappadokien, seit dem 4. Jahrhundert Teil des byzantinischen Reichs, wurde zu einem christlichen Strahlzentrum in ganz Kleinasien; es entstanden Hunderte von Klöstern, Klausen, Kapellen und Kirchen, alle im Tuff –  Binbirkilise, „Tausendundeine Kirche“. In Kappadokien gab es damals wenigstens 36 unterirdische „Städte“, mit bis zu acht Stockwerken in den Fels gehöhlt.

Die Höhlenbewohner schätzten die Klimatisierung im isolierenden Tuff: kühl im brennenden Sommer, warm im klirrenden Winter. Nach der Beilegung des Bilderstreits im 9. Jahrhundert und bis ins 14. Jahrhundert sorgten lokale Künstler für die kanonische Ausstattung der Gotteshäuser: in satten, leuchtenden Farben malten sie Szenen der Heilsgeschichte und der Hagiographie. Erdbeben, fortdauernde Erosion und Witterungsunbilden haben seitdem den Kirchen und ihren Fresken übel mitgespielt. Noch verheerender wüteten die Menschen. Islamistische Eiferer kratzten und stachen den dargestellten heiligen Personen die Augen aus, Vandalen warfen mit Steinen nach ihnen und traktierten die Bilder mit Messern. Christliche Besucher misshandelten die bemalten Wände, indem sie sie wie ein Sudelbuch benützten, in das sie ihre Namen kritzelten. Mit dem Abzug der letzten Christen 1924, als Folge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs, büssten die Kirchen auch noch den letzten Rest an religiös verankertem Schutz ein. Die türkische Regierung richtete später aus antiquarischem und touristischem Interesse um Göreme ein 95 Quadratkilometer grosses Schutzgebiet mit zwei Dutzend Heiligtümern ein, die von Vandalen verschont oder nach (manchmal etwas gar wohlmeinender) Restaurierung dem Auge wiedergewonnen worden waren. Die Unesco segnete 1985 diesen Nationalpark als Kulturlandschaft von Welterberang ab und weitete den Schutz über die Parkgrenzen hinaus auf die umliegende troglodytische Wunderwelt aus. – Jahr des Flugbilds: 2001 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Ein Kundschafter des Sonnenkönigs kam der Unesco um Jahrhunderte zuvor: Paul Lucas berichtete 1712 von einem Weltwunder im Herzen Anatoliens – Pyramiden, so weit das Auge reicht, Zehntausende von ihnen.

Das Erstaunen, das Lucas um Worte ringen liess, strapaziert auch heute noch den beschreibenden Wortschatz jedes Besuchers. Freilich hält er die bizarre Landschaft kaum mehr wie Lucas für Menschenwerk. Vulkane, namentlich der Erciyes (3916 m), jetzt schlafend, überschütteten vor Jahrmillionen zehntausend Quadratkilometer mit Asche und Lava; die Asche verfestigte sich zu butterweichem, hellem Tuff, basaltische Lava deckten diesen mit einer harten, dunklen Schicht. Während Jahrhunderttausenden bosselten Verwitterung und Erosion im Tuff: Wind und Wasser modellierten bis zu 40 Meter hohe Türme, Kamine und Kegel, Obelisken, Nadeln, Pilze und Pyramiden; viele dieser Gebilde tragen „Hüte“ aus schwärzlichem Basalt.

Sie fordern die Phantasie heraus. Lucas sah in den Felsformationen neben Löwen und Vögeln nackte Frauen, und erst noch, wie er anmerkt, in unanständiger Pose. Es bedurfte eines Franzosen, um in dieser schlechterdings ithyphallischen Landschaft das Weibliche zu entdecken. „Viagra der Natur“, sagt jetzt angemessener das Aushängeschild eines fliegenden Händlers, der inmitten der gereckten Tufftürme sonnengetrocknete Aprikosen feilbietet. So extravagant es als Naturlandschaft ist – ein Unikat, weltweit, wird Kappadokien um das Städtchen Göreme erst als Kulturlandschaft. Der Tuff ist reich an Höhlen; der mürbe Tuff lädt zu ihrer Erweiterung geradezu ein. Die Wühlarbeit setzte schon in hethitischer Zeit ein. Kappadokien, seit dem 4. Jahrhundert Teil des byzantinischen Reichs, wurde zu einem christlichen Strahlzentrum in ganz Kleinasien; es entstanden Hunderte von Klöstern, Klausen, Kapellen und Kirchen, alle im Tuff – Binbirkilise, „Tausendundeine Kirche“. In Kappadokien gab es damals wenigstens 36 unterirdische „Städte“, mit bis zu acht Stockwerken in den Fels gehöhlt.

Die Höhlenbewohner schätzten die Klimatisierung im isolierenden Tuff: kühl im brennenden Sommer, warm im klirrenden Winter. Nach der Beilegung des Bilderstreits im 9. Jahrhundert und bis ins 14. Jahrhundert sorgten lokale Künstler für die kanonische Ausstattung der Gotteshäuser: in satten, leuchtenden Farben malten sie Szenen der Heilsgeschichte und der Hagiographie. Erdbeben, fortdauernde Erosion und Witterungsunbilden haben seitdem den Kirchen und ihren Fresken übel mitgespielt. Noch verheerender wüteten die Menschen. Islamistische Eiferer kratzten und stachen den dargestellten heiligen Personen die Augen aus, Vandalen warfen mit Steinen nach ihnen und traktierten die Bilder mit Messern. Christliche Besucher misshandelten die bemalten Wände, indem sie sie wie ein Sudelbuch benützten, in das sie ihre Namen kritzelten. Mit dem Abzug der letzten Christen 1924, als Folge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs, büssten die Kirchen auch noch den letzten Rest an religiös verankertem Schutz ein. Die türkische Regierung richtete später aus antiquarischem und touristischem Interesse um Göreme ein 95 Quadratkilometer grosses Schutzgebiet mit zwei Dutzend Heiligtümern ein, die von Vandalen verschont oder nach (manchmal etwas gar wohlmeinender) Restaurierung dem Auge wiedergewonnen worden waren. Die Unesco segnete 1985 diesen Nationalpark als Kulturlandschaft von Welterberang ab und weitete den Schutz über die Parkgrenzen hinaus auf die umliegende troglodytische Wunderwelt aus. – Jahr des Flugbilds: 2001 (Copyright Georg Gerster/Keystone)