Die chinesische Mauer - Gerster

 Die chinesische Mauer, unvorstellbar lang

Die „unvorstellbar lange Mauer“, so der chinesische Name des im 7. Jahrhundert v. Chr. begonnenen Bauwerks, ist nach der jüngsten amtlichen archäologischen Erhebung 21 136 km lang; die vormals meist genannte Zahl von 8 851 km bezog sich nur auf die in der Mingzeit erneuerten – und am besten erhaltenen – Teile der Mauer. Schätzungen, die alle Verästelungen, Seitenarme und Vorwerke berücksichtigen, kommen zum Schluss, dass sie sogar die Länge des Erdumfangs übertrifft. Legenden wollen wisssen, dass der König von Qin, der spätere Erste Erhabene Kaiser (221 bis 210 v,Chr.), im Traum auf dem Mond gelandet sei und von dort auf sein Reich zurückgeschaut habe. Es erschien ihm klitzeklein – so winzig, dass er beschloss, mit einer Mauer ein weit grösseres Gebiet als Vorgabe für sein zukünftiges Reich einzufrieden. Dieser Traum nährte vermutlich die Behauptung, die Chinesische Mauer sei das einzige vom Mond aus von blossem Auge erkennbare Menschenwerk. Ein Denkmal der Berührungsangst der Völker als einziges weithin sichtbares Signal für die Bewohnbarkeit dieses Planeten – wie traurig wäre das!. Aber Trost ist angesagt; die Behauptung ist nichts als nachgeplapperter Unsinn. Schon aus Satellitenflughöhe ist die Mauer schlechter erkennbar als etwa der Suezkanal oder die irdischen Ballungsräume, Peking eingeschlossen; und vom Mond aus überhaupt nicht. Der erste chinesische Raumfahrer, Yang Liwei, kehrte 2003 mit dem enttäuschenden Verdikt „nicht sichtbar“ zurück; der Staatsverlag änderte und druckte darauf einige Schulbücher neu. Die Doppelfunktion des Aus- und Einsperrens, die schon der kaiserliche Traum für die Mauer vorsah, erfüllte sie im jahrtausendelangen Auf und Ab der chinesischen Geschichte durchaus: sie hielt nicht nur die Barbaren fern, sondern begrenzte auch chinesische Expansion – jedenfalls zeitweilig. 1987 setzte die Unesco dieses stupende Sammelsurium von mehr als 40 000 Einzelobjekten und Standorten – Stücke von Wehrmauern und Schutzwällen, Wacht-, Leucht- und Signaltürme, Tore, Kasematten und Garnisonen, Arsenale und Exerzierplätze – auf die Liste des Welterbes. China erweitert seither laufend die touristische Zugänglichkeit der Mauer in der Nähe von Peking, des offenbar unvermeidlichen Vandalismus und des Mülls der Wegwerfgesellschaft wenig achtend. Das Flugbild zeigt die Mauer in den Bergen der Provinz Hebei bei Gubeikou. – Jahr der Aufnahme: 1987. (Copyright: Georg Gerster/Keystone)
Die chinesische Mauer, unvorstellbar lang

Die „unvorstellbar lange Mauer“, so der chinesische Name des im 7. Jahrhundert v. Chr. begonnenen Bauwerks, ist nach der jüngsten amtlichen archäologischen Erhebung 21 136 km lang; die vormals meist genannte Zahl von 8 851 km bezog sich nur auf die in der Mingzeit erneuerten – und am besten erhaltenen – Teile der Mauer. Schätzungen, die alle Verästelungen, Seitenarme und Vorwerke berücksichtigen, kommen zum Schluss, dass sie sogar die Länge des Erdumfangs übertrifft. Legenden wollen wisssen, dass der König von Qin, der spätere Erste Erhabene Kaiser (221 bis 210 v,Chr.), im Traum auf dem Mond gelandet sei und von dort auf sein Reich zurückgeschaut habe. Es erschien ihm klitzeklein – so winzig, dass er beschloss, mit einer Mauer ein weit grösseres Gebiet als Vorgabe für sein zukünftiges Reich einzufrieden. Dieser Traum nährte vermutlich die Behauptung, die Chinesische Mauer sei das einzige vom Mond aus von blossem Auge erkennbare Menschenwerk. Ein Denkmal der Berührungsangst der Völker als einziges weithin sichtbares Signal für die Bewohnbarkeit dieses Planeten – wie traurig wäre das!. Aber Trost ist angesagt; die Behauptung ist nichts als nachgeplapperter Unsinn. Schon aus Satellitenflughöhe ist die Mauer schlechter erkennbar als etwa der Suezkanal oder die irdischen Ballungsräume, Peking eingeschlossen; und vom Mond aus überhaupt nicht. Der erste chinesische Raumfahrer, Yang Liwei, kehrte 2003 mit dem enttäuschenden Verdikt „nicht sichtbar“ zurück; der Staatsverlag änderte und druckte darauf einige Schulbücher neu. Die Doppelfunktion des Aus- und Einsperrens, die schon der kaiserliche Traum für die Mauer vorsah, erfüllte sie im jahrtausendelangen Auf und Ab der chinesischen Geschichte durchaus: sie hielt nicht nur die Barbaren fern, sondern begrenzte auch chinesische Expansion – jedenfalls zeitweilig. 1987 setzte die Unesco dieses stupende Sammelsurium von mehr als 40 000 Einzelobjekten und Standorten – Stücke von Wehrmauern und Schutzwällen, Wacht-, Leucht- und Signaltürme, Tore, Kasematten und Garnisonen, Arsenale und Exerzierplätze – auf die Liste des Welterbes. China erweitert seither laufend die touristische Zugänglichkeit der Mauer in der Nähe von Peking, des offenbar unvermeidlichen Vandalismus und des Mülls der Wegwerfgesellschaft wenig achtend. Das Flugbild zeigt die Mauer in den Bergen der Provinz Hebei bei Gubeikou. – Jahr der Aufnahme: 1987. (Copyright: Georg Gerster/Keystone)