Barcelona - Artikel

 Wenige bauliche non-finitos sind berühmter als Antoni Gaudís Basilika der Heiligen Familie in Barcelona – und keines ist gefährdeter. Ihm droht Vollendung.

Die Sühnekirche der Heiligen Familie – spanisch-katalanisch Temple Expiatori de la Sagrada Família –  ist als non-finito der Baugeschichte eine Ikone der Entschleunigung. Antoni Gaudí übernahm im Jahr 1883 das bestehende gotisierende Projekt einer riesigen Basilika für 13 000 Gläubige: ein 90 Meter langes fünfschiffiges Langhaus überkreuzt sich mit einem 60 Meter kurzen dreischiffigen Querhaus. Gaudí hielt sich anfangs an den bestehenden Entwurf, brachte sich dann aber mehr und mehr selber ein. Der  jugendstilige Überschwang an Figurenschmuck und die Vorliebe für vegetative Formen sind sein ureigenstes Werk. Über vier Jahrzehnte lang nahm er aktiven Anteil an dem wachsenden Bauwerk, seine fünfzehn letzten Lebensjahre gehörten ihm ausschliesslich. Bei seinem Unfalltod 1926 – er war von einem Tram angefahren worden – waren trotzdem nur die Krypta, die Aussenmauern des Chors und eine Schaufassade des Querhauses vollendet. Gaudí wurde in „seiner“ Krypta beigesetzt. Die Unesco setzte 1984 Gaudís Gesamtwerk auf die Liste des Welterbes, seine baulichen Beiträge zu der Basilika detailliert hervorhebend.

Die Bauleitung muss sich seither mangels Skizzen, Modellen und Plänen, von denen viele im Spanischen Bürgerkrieg verloren gingen, an den überlieferten Ideen Gaudís orientieren. Die Kirche ist als semiotisches Bauwerk gedacht, jeder Bauteil ist symbolisch aufgeladen. Sie soll  mit 18 Türmen bestückt werden. Vor drei Fassaden stehen je vier Türme: sie bedeuten die Apostel. Die Türme tragen Kuppelhelme, geschmückt mit farbigen Moaiken, und sind identifiziert mit dem Namen eines Apostels. Weitere sechs Türme werden über dem Chor und der Vierung entstehen: vier bedeuten die Evangelisten, einer die Jungfrau Maria – und der zentrale Turm über der Vierung Christus. Der tiefgläubige Architekt unterschied streng zwischen Gottes- und Menschenwerk. Der Christustum soll zwar mit 172,5 Metern der Welt höchster Kirchtum werden. Aber die Planung Gaudís berücksichtigt die Höhe der Berge in Barcelonas Umland. Keinesfalls darf der Christusturm sie überragen. Gaudí machte sich aber durchaus auch profane Überlegungen. Die Kuppeln der Aposteltürme enthalten Öffnungen für den Einbau von Scheinwerfern, die ein gigantisches Glaskreuz auf dem Christusturm anstrahlen werden. Die Basilika soll Seefahrern in Not Richtung und Rettung weisen. Fachleute rühmen an dem kühnen Bau technisch fotschrittliche Lösungen von Problemen der Statik und in der Verwendung des Betons.

Bei der Aufnahme des Flugbilds 1991 hatte die Kathedrale noch kein Dach. Die Bedachung wurde bis 2010 nachgeholt, sodass Papst Benedikt XVI. die Weihe trockenen Hauptes vollziehen konnte. Noch immer streben aber lediglich 8 Aposteltürme vor den Schaufassaden des Querschiffes auf. Indes soll, so jedenfalls die jüngste      ambitionierte Planung, das restliche Bauprogramm im Blitz bis 2026, rechtzeitig auf den  hundertsten Todestag Gaudís, abgewickelt werden.

Immer wieder versuchten Architekur-Puristen, streitbare Anwälte des non-finito, den Bau zu stoppen. Bei einem Anlauf in den 50er Jahren unterzeichneten auch Le Corbusier, Walter Gropius, Mies van der Rohe und die crème de la crème der Architektenzunft die Abmahnung. Sie scheiterten. Auch erneute Anläufe in den 90er Jahren und zuletzt in 2008 konnten den Bau nicht aufhalten. Ein gewichtiges Argument, das der Verschwendung öffentlicher Gelder, sticht nicht mehr, Nachgerade hält Gaudís Sagrada Família die Stellung der meist besuchten Attraktion Spaniens,  noch vor dem Prado und der Alhambra. Die Eintrittsgelder von gegen drei Millionen Besuchern jährlich finanzieren den Bau; der Vorwurf, Steuergelder an dieses himmelstürmende Bauwerk zu verschwenden, fällt flach. –  Jahr des Flugbilds: 1991 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Wenige bauliche non-finitos sind berühmter als Antoni Gaudís Basilika der Heiligen Familie in Barcelona – und keines ist gefährdeter. Ihm droht Vollendung. Die Sühnekirche der Heiligen Familie – spanisch-katalanisch Temple Expiatori de la Sagrada Família – ist als non-finito der Baugeschichte eine Ikone der Entschleunigung. Antoni Gaudí übernahm im Jahr 1883 das bestehende gotisierende Projekt einer riesigen Basilika für 13 000 Gläubige: ein 90 Meter langes fünfschiffiges Langhaus überkreuzt sich mit einem 60 Meter kurzen dreischiffigen Querhaus. Gaudí hielt sich anfangs an den bestehenden Entwurf, brachte sich dann aber mehr und mehr selber ein. Der jugendstilige Überschwang an Figurenschmuck und die Vorliebe für vegetative Formen sind sein ureigenstes Werk. Über vier Jahrzehnte lang nahm er aktiven Anteil an dem wachsenden Bauwerk, seine fünfzehn letzten Lebensjahre gehörten ihm ausschliesslich. Bei seinem Unfalltod 1926 – er war von einem Tram angefahren worden – waren trotzdem nur die Krypta, die Aussenmauern des Chors und eine Schaufassade des Querhauses vollendet. Gaudí wurde in „seiner“ Krypta beigesetzt. Die Unesco setzte 1984 Gaudís Gesamtwerk auf die Liste des Welterbes, seine baulichen Beiträge zu der Basilika detailliert hervorhebend. Die Bauleitung muss sich seither mangels Skizzen, Modellen und Plänen, von denen viele im Spanischen Bürgerkrieg verloren gingen, an den überlieferten Ideen Gaudís orientieren. Die Kirche ist als semiotisches Bauwerk gedacht, jeder Bauteil ist symbolisch aufgeladen. Sie soll mit 18 Türmen bestückt werden. Vor drei Fassaden stehen je vier Türme: sie bedeuten die Apostel. Die Türme tragen Kuppelhelme, geschmückt mit farbigen Moaiken, und sind identifiziert mit dem Namen eines Apostels. Weitere sechs Türme werden über dem Chor und der Vierung entstehen: vier bedeuten die Evangelisten, einer die Jungfrau Maria – und der zentrale Turm über der Vierung Christus. Der tiefgläubige Architekt unterschied streng zwischen Gottes- und Menschenwerk. Der Christustum soll zwar mit 172,5 Metern der Welt höchster Kirchtum werden. Aber die Planung Gaudís berücksichtigt die Höhe der Berge in Barcelonas Umland. Keinesfalls darf der Christusturm sie überragen. Gaudí machte sich aber durchaus auch profane Überlegungen. Die Kuppeln der Aposteltürme enthalten Öffnungen für den Einbau von Scheinwerfern, die ein gigantisches Glaskreuz auf dem Christusturm anstrahlen werden. Die Basilika soll Seefahrern in Not Richtung und Rettung weisen. Fachleute rühmen an dem kühnen Bau technisch fotschrittliche Lösungen von Problemen der Statik und in der Verwendung des Betons. Bei der Aufnahme des Flugbilds 1991 hatte die Kathedrale noch kein Dach. Die Bedachung wurde bis 2010 nachgeholt, sodass Papst Benedikt XVI. die Weihe trockenen Hauptes vollziehen konnte. Noch immer streben aber lediglich 8 Aposteltürme vor den Schaufassaden des Querschiffes auf. Indes soll, so jedenfalls die jüngste ambitionierte Planung, das restliche Bauprogramm im Blitz bis 2026, rechtzeitig auf den hundertsten Todestag Gaudís, abgewickelt werden. Immer wieder versuchten Architekur-Puristen, streitbare Anwälte des non-finito, den Bau zu stoppen. Bei einem Anlauf in den 50er Jahren unterzeichneten auch Le Corbusier, Walter Gropius, Mies van der Rohe und die crème de la crème der Architektenzunft die Abmahnung. Sie scheiterten. Auch erneute Anläufe in den 90er Jahren und zuletzt in 2008 konnten den Bau nicht aufhalten. Ein gewichtiges Argument, das der Verschwendung öffentlicher Gelder, sticht nicht mehr, Nachgerade hält Gaudís Sagrada Família die Stellung der meist besuchten Attraktion Spaniens, noch vor dem Prado und der Alhambra. Die Eintrittsgelder von gegen drei Millionen Besuchern jährlich finanzieren den Bau; der Vorwurf, Steuergelder an dieses himmelstürmende Bauwerk zu verschwenden, fällt flach. – Jahr des Flugbilds: 1991 (Copyright Georg Gerster/Keystone)