Master of the Universe

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Master of the Universe

Von René Zeyer, 28.05.2014

Der ausgestorben geglaubte Investmentbanker lebt. Die schlechte Nachricht: Er wird bei der UBS durchgefüttert.

UBS-Investmentbanking-Chef Andrea Orcel gewährte der «Bilanz» eines seiner seltenen Interviews. Um unbelästigt von kritischen Fragen die Sicht eines Dinosauriers zum Besten zu geben. Mit dem gewinnenden Charme eines Gordon Gekko, aber ohne Hosenträger. Dabei gewährt er interessante Einblicke in eine Mentalität, an der die Realität seit 2008 offenbar spurlos vorbeizog.

Alles im Griff

«Ein Verlust von 50 Milliarden Franken ist heute unmöglich», spielt Orcel auf die Existenzkrise der UBS an, aus der sie nur durch eine Milliardenhilfe des Schweizer Steuerzahlers gerettet werden konnte. Aber auch den kann er in einer grammatikalisch interessanten Konstruktion beruhigen: «Der Steuerzahler darf niemals wieder für uns zahlen müssen.» Er darf nicht müssen oder muss nicht dürfen? Aber egal, Orcel muss ja nicht die Sprache beherrschen, sondern die Zahlen. Und die Zukunft.

Denn zukünftige Entwicklungen sind die Grundlage für profitables Zocken. Aber wunderbar, Orcel hat alles im Griff: «Wenn der schlimmste Fall eintritt, müssen wir ihn uns leisten können. Das können wir heute.» Gut zu wissen, denn erst vorgestern konnte das die UBS nicht, und gestern, also im Jahr 2011, schaffte es ein einziger Investmentbanker der UBS, der Bank einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar einzufahren. Aber das war, bevor Orcel mit neuem Elan das Steuer der UBS-Investmentbank übernahm. Investmentbanker Grübel hatte es halt nicht im Griff, Orcel schon.

Golden Handshake

Routiniert und markig verkündet Orcel seinen «neuen» Ansatz: «Wer schlecht arbeitet, bekommt bei uns viel weniger. Wir sind auch gegen Garantien.» Damit will er sich deutlich von Lohn- und Boniexzessen aus der Vergangenheit distanzieren. Verständlich, dass er für sich eine Ausnahme macht. Bei seinem Stellenantritt Anfang 2013 kassierte er gleich mal ein Eintrittsgeschenk von 26 Millionen Franken. Dafür muss ein Schweizer mit Durchschnittslohn 385 Jahre arbeiten, rechneten die Initianten der 1:12-Initiative vor.

Aber Orcel hat das sicher verdient, genau wie seinen Lohn von 11,4 Millionen Franken im Jahr 2013, mit dem er sogar UBS-CEO Sergio Ermotti in den Schatten stellt. Darf man trotzdem fragen: wofür? Zunächst legte Orcel einen rasanten Start hin. Im ersten Quartal 2013 fuhr die Investmentbank der UBS - lassen wir beiseite, wie das genau gemessen wurde - einen Gewinn von 50 Prozent ein, im zweiten immer noch 43 Prozent. Da liessen die Investmentbanker mal wieder die Hosenträger schnalzen.

Aber hoppla, im dritten Quartal 2013 waren es nur noch magere 13 Prozent, im vierten 15, und im ersten Quartal 2014 dann 21,5 Prozent. Scheint überraschenderweise ein hochvolatiles Geschäft zu sein. Kommt wohl ganz darauf an, welche Zahlen man für den Blick in die Kristallkugel der Zukunft verwendet, um die weitere Entwicklung zu «prognostizieren». Aber vielleicht verkündet Orcel deswegen die neue Bescheidenheit: «Wir halten Positionen nur, um das Kundengeschäft zu unterstützen, und nicht, um damit Geld zu verdienen.» Da fragt sich der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zu Recht: «Worum geht es denn sonst im Investmentbanking, als Geld zu verdienen?»

Verdienen und verlieren

Erschwerend kommt hinzu, dass Schweizer Banken ja nicht nur im Steuerstreit mit den USA Milliardenbussen zahlen müssen. Devisenmanipulationen, Libor-Skandal, Spätfolgen der Hyposchrott-Krise in den USA, da hat die UBS schon ein paar Milliarden hinter sich. Und wer weiss schon, dass sie unmöglicherweise, unter keinen Umständen nicht weitere vor sich hat? Nicht alle Schatten der Vergangenheit ragen aus einer Zeit in die Gegenwart und Zukunft der UBS, zu der Orcel locker sagen könnte, dass das ja noch vor seinem Amtsantritt passierte.

Kann also der Steuerzahler wirklich beruhigt sein, dass er nie mehr für die UBS zahlen müssen darf oder dürfen muss? Nun, man will ihm ja keine Angst einjagen, aber die Zukunft ist leider, ausserhalb der Weltsicht eines Dinosauriers, unvorhersehbar. Das war auch gut für die Dinosaurier, sonst hätten sie im Wissen um ihre Zukunft noch unter Depressionen gelitten.

Unter aufgeklärten Menschen muss aber gelten: Das Wort «unmöglich» gibt es leider auf die Zukunft bezogen nicht. Vor allem nicht in Bezug auf eine Bank und einen möglichen Riesenverlust. Vor allem nicht, wenn die gehebelten Räder, die sie im Investmentbanking dreht, immer noch um ein Mehrfaches grösser als das Eigenkapital sind.

Die guten Nachrichten

Vielleicht hat der Leser den Eindruck, dass hier immer alles so negativ gesehen wird. Die Credit Suisse, die Bankenaufsicht Finma, der Zustand des Finanzplatzes Schweiz im Allgemeinen, und nun auch die UBS. Da müssen wir Gegensteuer geben.

Wir gratulieren Andrea Orcel zu seinen 37,4 Millionen Franken. Als Salär eines Angestellten für ein Jahr Arbeit ist das nicht schlecht. Wie man weiss, muss sich Verantwortung lohnen. Und Orcel gibt auch zu bedenken: «Als ich anfing, lag unser Lohnniveau ein Viertel unter den Wettbewerbern.» Also hat er auf knapp 10 Millionen verzichtet, das sei hier ausdrücklich verdankt. Damit stellt er unter Beweis, dass es ihm ausschliesslich um gute Arbeit geht, keinesfalls um persönlichen Gewinn. Wenn man weiss, wie selten das heutzutage im Banking ist, kann man seine Geste nicht hoch genug einschätzen.

Herr Zeyer, Ihre fachkundige Meinung zu folgendem Thema interessiert mich, es passt jetzt nicht ganz zum Thema, erscheint mir aber äusserst wichtig. Die BIZ in Basel hat wieder Zahlen rausgegeben, ich hoffe, Sie sitzen gerade.

Laut BIZ gibt es weltweit 710 Billionen Dollar (englisch 710 Trillions) Derivate, also OTC-Papiere. 2008 waren es noch 20 Prozent weniger! Eine gigantische, nie da gewesene Blase wächst da fröhlich vor sich hin und in den Medien scheint es niemand zu interessieren.

Goldman Sachs hält laut New York Times 48 Billionen Dollar, die Citibank sogar 62 Billionen Dollar Derivate – 65 Prozent mehr als zu Beginn der Krise. Die Deutsche Bank soll 72 Billionen haben, von Schweizer Banken finde ich leider keine Zahlen. Die US Banken zusammen sollen über 261 Billionen Derivate halten. Diese Zahlen erscheinen nicht in den Bilanzen der Banken, was verboten gehört.

Um die gigantischen Zahlen in Relationen zu setzen. Die Staatsverschuldung der USA beträgt offiziell 17 Billionen, obwohl das britischen Thinktank „The Institute of Economic Affairs“ die tatsächlichen Staatsschulden auf 120 Billionen schätzt. Die EU hat offiziell 11 Billionen Dollar. Wir sprechen also von einer Summe die 25 Mal grösser ist als die offizielle Verschuldung der USA und die EU zusammen.

Dabei ist das grob geschätzte Welt-Bruttoinlandsprodukt pro Jahr nur 72 Billionen Dollar gross, also zu wenig um diese 0.71 Trillionen je abzuzahlen können und die Derivate müssen auch noch verzinst werden. In der EU müssen die Bürger jetzt bei einem Crash mit ihrem Privatvermögen haften und in der Schweiz auch, soviel ich informiert bin.
Durch die ungebremste Gelddruckerei und die Niedrigzinsen der Notenbanken kann man diese Auswüchse zwar etwas eindämmen, aber ich sehe darin keine Lösung, um die Blase längerfristig vor dem Platzen zu hindern.

Natürlich sind lange nicht alle Derivate Schrottpapiere. Meines Erachtens reicht es, wenn nur wenige Prozente Schrott sind, um die Blase platzenzulassen. Denn die Staaten werden unmöglich nochmals ungefähr 37 Billionen ins System pumpen können, so wie 2008.
Mein Fazit: Sämtliche Versuche diese Derivate zu regulieren sind demnach gescheitert und nichts Relevantes hat sich seit der Lehman Brothers Krise 2008 verbessert. Die aus Basel III resultierten Änderungen, bringen in diesen Relationen rein gar nichts.

Nebenbei, seit 2008 bis heute wuchsen die Banken um 37 Prozent.
Quelle : http://www.bis.org/publ/otc_hy1405.htm

Die Zahl ist bekannt und nicht unbedingt erschreckend. Da das Derivate oder Wettscheine sind, ist es weitgehend ein Nullsummenspiel. Also vereinfacht: 350 Billionen auf Ja stehen 350 Billionen auf Nein gegenüber. Einer, der 1 Milliarde auf Ja setzt, setzt gleichzeitig 900 oder 990 Millionen auf Nein. Wozu das Ganze, das würde etwas den Rahmen sprengen, das hat mit Leverage oder Hebeln zu tun.
Die Zinsen liegen bekanntlich bei Null, also kann man da mit Gratisgeld zocken. Und 2008 muss man unterscheiden, was reingepumpt und was an Schulden übernommen wurde, Letzteres waren «nur» rund 6 Billionen.
Derivate an sich sind nicht des Teufels. Ein Terminkontrakt, vor allem in der Landwirtschaft, ist ein Derivat und sehr segensreich.
Aber natürlich ist das insgesamt eine Derivateblase, und die haben es so an sich, dass sie nicht ewig wachsen, sondern auch mal plop machen. Aber wann und warum, das ist immer die grosse Preisfrage.

Wäre schön wenn die Derivate 50:50 wären.

Remember Black Friday, wenn Laien und Banken zocken, Institute versagen, sogenannte Experten denken die Zukunft der Wirtschaft prognostizieren zu können. Und aufs Mal wurde haufenweise Geld vernichtet, die Party war vorbei.

Leider muss ich dir sagen, Wirtschaft ist nun mal eine Sozialwissenschaft, so sehr man auch hofft durch mathematisch beobachtete Gesetzmässigkeiten und goldene Regeln ein logisches System aufgebaut zu haben, bleibt es nichts weiter als ein künstlich erschaffenes System, das niemand mehr so richtig durchblickt.
Das Geld lebt vom Vertrauen der Bürger, fällt dies weg, wird das Geld zu dem was es ist, bedrucktes Papier ohne Wert.
Die Politik & Institutionen sind drauf und dran das Vertrauen der Bürger langsam zu verspielen. Meist ungewollt, besitzen die Regierungen meist selbst nicht über genügend Kompetenzen um sich der Probleme anzunehmen.

Schade ist es auch, dass schon in der Grundausbildung eigentlich gar nicht "ge"-bildet wird, sondern nur ausbildet, um eine bestimmte Tätigkeit später im Berufsleben nachgehen zu können.

Es werden nicht einmal die Basics geklärt.
Das einzige was gelehrt wird, sind Modelle von Angebot & Nachfrage (à la Keynes') und hergeleitete empirische Modelle. Studiere selbst an einer Universität (Wirtschaftswissenschaften) und ich habe 70% meines Wissens über die Wirtschaft via Literatur aus den Bibliotheken angeeignet.

Man lernt die Wirtschaft an einer Universität nicht verstehen.
Man versucht nur herzuleiten, was an Output möglicherweise rauskommen könnte, falls man Input X verändert.

Danke, dann bin ich anscheinend mit meinen Befürchtungen etwas über das Ziel hinausgeschossen.

Ich halte es jedoch für falsch, dass diese Zahlen nicht oder nur teilweise in den Bilanzen auftauchen, auch wenn sie sich praktisch aufheben.

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