Letztes Aufbäumen

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Letztes Aufbäumen

Von Heiner Hug, 06.05.2017

Es müsste viel schieflaufen, wenn Marine Le Pen zur Präsidentin gewählt würde.

Die Meinungsumfragen nach dem aggressiv-chaotischen Fernsehduell sind sich einig: Emmanuel Macron hat grosse Chancen, der nächste französische Präsident zu sein.

Eine am Freitag vom Institut Ipsos für das öffentlich-rechtliche französische Radio und Fernsehen veröffentlichte Umfrage gibt Macron 61,3 Prozent der Stimmen. Befragt wurden am Donnerstag 2‘632 Personen. Die Fehlerquote beträgt minus/plus 2,5 Prozent.

Laut einer am Vortag vom Institut „Elabe“ für „L’Express" publizierte Umfrage würden für Macron 62,0 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmen.

Das polemische und streitsüchtige Verhalten Marine Le Pens während des Fernsehduells am Mittwoch hat sich also nicht ausbezahlt. Im Gegenteil: Seither legt Macron leicht zu.

Groteske Lügen

Le Pen spielte ihre letzte Karte und zeigte dabei ihr wahres Gesicht: Klar wurde, dass sie von Wirtschaft kaum etwas versteht. Mit Verschwörungstheorien, manipulierten Videos, Verdrehungen, Erfindungen, falschen Behauptungen und grotesken Lügen versuchte sie, ihren Gegner in die Defensive zu drängen. Sie präsentierte sich als streitsüchtig, giftig, erbarmungslos – alles vorgetragen mit einem einstudierten hämischen Grinsen.

Wenn sie jetzt auch noch sagt, Macron besitze Offshore-Konti auf den Bahamas und sympathisiere mit den Muslimbrüdern, ist sie vollends aus dem Tritt geraten. Ein „Faktencheck“ der Zeitung „Le Monde“ hat Le Pen in über 20 Punkten zersaust.

Mit dieser Aggressivität versuchte sie, das Blatt noch zu wenden, denn Anfang der Woche lag sie um fast 10 Prozent hinter Macron.

Billige populistische Sprüche

Während Monaten schimpfte Marine Le Pen auf die EU und den Euro. Als Präsidentin würde sie aus dem Euro aussteigen. Ferner kämpfte sie für ein „Europa der Nationen“ und gegen „supranationale Organisationen“, also für einen Austritt aus der EU. Das waren Eckpfeiler ihres Programms. Und die Euro- und EU-Hasser jubelten.

Doch dann plötzlich liess sie ihre wichtigsten Forderungen in ihrem Wahlprogramm sausen. Nein, der Euro muss nicht weg, sagte sie Anfang der Woche. Jedenfalls nicht sofort, wie sie früher gefordert hat. So versucht sie Stimmen aus dem Macron- und Fillon-Lager zu gewinnen.

Aus wahltaktischen Gründen wirft sie am Vorabend der Wahl das Herzstück ihrer Wirtschaftspolitik über Bord. Damit zeigt sie, dass sie eigentlich gar kein Wirtschaftsprogramm hat, sondern dass alles nur billige populistische Sprüche sind. Plötzlich faselt sie von einer Art „Cohabitation zwischen Euro und Franc“.

Radikale Kehrtwende

Und sie war sich letzte Woche auch nicht zu schade, eine Rede von François Fillon zu kopieren, um Fillon-Wähler zu gewinnen. Früher hat sie ihn in einem Interview mit dem „Corriere della sera“ als „merde“ bezeichnet, jetzt umflirtet sie ihn. Auch den Wählern des Linksaussenkandidaten Jean-Luc Mélenchon macht sie plötzlich den Hof.

Jahrelang warf Marine Le Pen den etablierten Parteien vor, sie würden ihr Programm nach dem Wind richten. Und genau das tut sie jetzt. Ihre radikale Kehrtwende, ihr unflätiger, gereizter Auftritt und ihre Arroganz während des TV-Duells waren ein letztes Aufbäumen der zurückliegenden Kandidatin.

Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen, dass es nichts genützt hat. Ob die in letzter Stunde gegen Macron gerichteten Hackerangriffe (von wem sie auch immer stammen) und die Verbreitung gefälschter Dokumente das Ergebnis doch noch beeinflussen, wird sich erweisen.

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Kommentare

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Ach Gott, alle westeuropäischen Medien hoffen alle dasselbe. Mainstream, zum Gähnen. Aber ja nicht warten bis zum Ende!

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