Lenin ist immer noch überirdisch

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Lenin ist immer noch überirdisch

Von Helmut Scheben, 21.08.2018

Im sommerlich heissen Moskau stehen die Touristen stundenlang Schlange, um den einbalsamierten Revolutionär zu sehen.

Dreissig Grad im Schatten. Aber an der Kremlmauer ist nicht viel Schatten. Die Warteschlange ist wohl zweihundert Meter lang. Die Chinesen schützen sich gegen die sengende Morgensonne mit Sonnenschirmen, und an diesem Morgen sind viele, viele Sonnenschirme zu sehen. Die Russische Föderation zählte im letzten Jahr rund 24 Millionen ausländische Touristen, darunter eine wachsende Zahl aus Südostasien.

Ungehöriges Lachen

Man sieht im Übrigen alle Sorten von Leuten, von der britischen Lady im Rollstuhl bis hin zu italienischen Girls in Hot Pants. Letztere wissen noch nicht, dass sie weiter vorne Probleme bekommen werden. Denn zu Lenin wird niemand bauchnabelfrei vorgelassen.

Am Checkpoint warten stocksteife Uniformierte mit eiserner Miene. Zu den „zehn Dingen, die ein Ausländer in Russland nicht tun sollte“ zählen die Reiseempfehlungen das Lächeln. Denn die Russen und Russinnen fühlen sich unbehaglich, wenn sie von Unbekannten angelächelt werden. Einem Fremden mit Lachen zu begegnen, gilt als ungehörig.

Stalin-Hochhaus und im Hintergrund das Business-Zentrum Moskau City, Foto: Helmut Scheben
Stalin-Hochhaus und im Hintergrund das Business-Zentrum Moskau City, Foto: Helmut Scheben

Der Eintritt ins Mausoleum beginnt mir einem Abstieg in kalte Dunkelheit. Die Stufen haben phosphoreszierende Streifen auf der Kante, sodass man vorsichtig tastenden Fusses hinabgelangen kann, ohne zu stürzen.

Strafendes Zischen

In der stark gekühlten Grabstätte, einem Raum von etwa acht mal acht Metern Durchmesser, ist nur der Leichnam hell angestrahlt. Wladimir Iljitsch Uljanow sieht aus, als sei er gestern gestorben. Sein Gesicht ist im Licht des Scheinwerfers makellos wie das einer Wachsfigur. Er ist so aufgebahrt, dass sein Kopf etwas höher liegt als die Füsse, was in früheren Zeiten die übliche Position beim Schlafen war.

Die Touristen deambulieren in ununterbrochener Bewegung an dem Toten vorbei, sodass eine Umrundung des Sarkophages etwa 30 Sekunden dauert. Stehenbleiben ist nicht gestattet, Fotografieren streng verboten. Wenn jemand es wagt, laut zu sprechen, ertönt aus dem Dunkel ein strafendes Zischen. Es kommt von den Uniformierten, die an den vier Ecken des Raumes stehen.

Wenn man in der Prozession wieder hinauf und ins Freie gelangt ist, schlägt einem die Hitze entgegen. Der Strassenlärm, die Autoschlangen, die Wirklichkeit eines heissen Sommertages in einer 12-Millionen-Stadt, in der man allenthalben „Burger King“ auf kyrillisch lesen kann. Es ist, wie wenn man aus einem dunklen Kinosaal zurück ans Tageslicht kommt und geblendet die Augen schliesst. Im Kopf läuft noch der Film über eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.

Burger King auf kyrillisch, Foto: Helmut Scheben
Burger King auf kyrillisch, Foto: Helmut Scheben

Am 9. November 1917 schickt General Ludendorff aus dem deutschen Hauptquartier ein Telegramm an seine Generäle im Feld mit dem folgenden Wortlaut: „Nach aufgefangenen Funksprüchen ist in Petersburg eine Revolution ausgebrochen, in der der Arbeiter- und Soldatenrat gesiegt haben soll. Er scheint die Entsendung von Truppen von der Front nach St. Petersburg verhindern zu wollen. Der Sieg des Arbeiter- und Soldatenrates bleibt für uns wünschenswert. Ich bitte, in diesem Sinne die aufgefangenen Funksprüche für die Ausnutzung der Propaganda zu verwerten.“

Mit Goldmark an die Macht

Gleichentags kabelt ein Staatsekretär im deutschen Aussenamt an das Reichsschatzamt, man benötige dringend fünfzehn Millionen Mark für Lenin. Und weiter: „Je nach dem Laufe der Ereignisse darf ich mir vorbehalten an Ew. Pp. demnächst mit einer weiteren Bitte um Bewilligung weiterer Beträge heranzutreten. Für tunlichste Beschleunigung wäre ich dankbar.“

Die österreichische Osteuropa-Expertin Elisabeth Heresch hat anhand einer umfangreichen Sammlung von Dokumenten nachgewiesen, dass das Deutsche Kaiserreich die russischen Revolutionäre während des Ersten Weltkrieges mit hohen Summen finanziert hat. Die Millionen Goldmark aus Berlin haben Lenin geholfen, an die Macht zu kommen.

Die deutsche Regierung verfolgte die Strategie, Russland durch innere Unruhen zu schwächen. Von der Machtübernahme einer Revolutionsregierung erhoffte man sich den Zusammenbruch des Zarenreiches und ein Ende des Krieges.

Chruschtschows Rede 1956

Lenin selbst sprach schon bei Kriegsbeginn vom „revolutionären Defätismus“ und von einer „Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg“. Nicht gegen die Deutschen gelte es zu kämpfen, sondern gegen Zar Nikolai.

In Berlin kalkulierte man folgerichtig, ein Sieg der Bolschewiki bedeute ein Ende des Krieges. Mit einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Russland und den neuen kommunistischen Machthabern würde man dann schnell fertig werden, so dachte man. Aber das erwies sich als gewaltige Fehleinschätzung.

Stalin war nach seinem Tod ebenfalls im Mausoleum am Kreml aufgebahrt, bis Chruschtschow 1956 in seiner berühmten Rede auf dem Parteitag der KPdSU Väterchen Stalin als Despoten und Verbrecher deklarierte. 1961 wurde sein Leichnam aus dem Mausoleum entfernt und an der Kremlmauer beerdigt. Dort steht noch heute seine steinerne Büste in einer Reihe mit den grossen sowjetischen Führern.

Der tote Revolutionär

Nach dem Ende der Sowjetunion forderten manche, man solle Lenin endlich in Ruhe begraben. Die Kommunistische Partei und viele Russinnen und Russen wiesen das empört zurück. So liegt Wladimir Iljitsch Uljanow weiter einbalsamiert in seinem Mausoleum. Seit 1924 tot und immer noch nicht unter der Erde.

Man könnte der Vision verfallen, er erhebe sich nachts von seinem Sarkophag, um mit dem andern Wladimir im Kreml einen Wodka zu trinken. Putin wird der Satz zugeschrieben, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei für Russland die grösste Katastrophe gewesen. Er hat das tatsächlich gesagt, der Satz wird aber aus dem Kontext genommen. Denn Putin sagte an dieser Stelle weiter, es sei Blödsinn, von einer Wiedererrichtung des Sowjetstaates zu träumen.

Dessungeachtet tut Lenin Russland noch immer gute Dienste. Die Leute kommen von weither, um ihn zu sehen. Der tote Revolutionär und der schwache Rubel sind ein Segen für die russische Tourismusindustrie.

Kommentare

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Ach Gott, diesen Totenkult gibt es, Gott sei Dank, weder für Mao, noch Stalin, noch Hitler nicht. Er hat ja nur über 20 Tausend Opfer verursacht. Wo hat Lenins Kommunismus etwas auf die Reihe gebracht? Richtig, in der Schweiz. Seine Partei, nun Sozialdemokratische Partei der Schweiz, fordert nach wie vor Lenin die Ueberwindung des Kapitalismus, ganz im Gusto der Einbalsamierten.

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