Krieg im Krieg

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Krieg im Krieg

Von Arnold Hottinger, 29.08.2016

In dem von Kriegen überzogenen Syrien ist ein weiterer Krieg ausgebrochen: an der türkischen Grenze.

Am 24. August hat die türkische Armee zusammen mit pro-türkischen Milizen aus Syrien die syrische Grenzstadt Jarablus dem „Islamischen Staat“ (IS) entrissen und besetzt.

Ziel der Türken ist es, den dortigen Sektor an der türkischen Grenze „von Terroristen zu befreien“. Als solche stuft die Türkei sowohl den IS als auch die syrisch-kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) ein. Als „Terroristen“ gelten den Türken jetzt offenbar auch die Truppen der „Syrisch Demokratischen Kräfte“ (SFD), die aus arabischen Milizen und Milizen der YPG bestehen. Die Amerikaner haben klargemacht, dass sie den Kurden, die westlich des Euphrats kämpfen, keine Unterstützung gewähren wollten. Dies ist neu.

Türkisches Ultimatum

Die Stadt Membidsch liegt westlich des Euphrats. Sie war seit 2014 vom IS besetzt. Am 14. August wurde sie nach 90-tägigen Kämpfen von Truppen der Syrisch Demokratischen Kräfte und Einheiten der YPG erobert – mit amerikanischer Luftunterstützung. Die türkischen Streitkräfte erklärten daraufhin ultimativ, sie gäben den YPG-Truppen eine Woche Zeit, um sich auf die Ostseite des Euphrats zurückzuziehen.

Ziehen sich die Kurden über den Euphrat zurück? Dies ist unklar. Die kurdischen Reaktionen sind zweideutig. Ein kurdischer Sprecher, der Redur Xelil genannt wird, sagte: „Wir stehen westlich des Euphrats und haben unsere Positionen innerhalb der SDF-Kräfte. Wir sind in unserem eigenen Land, und wir werden nicht abziehen wegen irgendwelcher Begehren und Wünsche der Türkei oder irgendwelcher anderer Mächte.“

Doch ein anderer YPG-Kommandant wird zitiert mit der Aussage: „In Bezug auf die zunehmende Intensität der türkischen Angriffe auf unsere Grenzpositionen in den drei Kantonen (gemeint sind die drei weitgehend von Kurden bewohnten syrischen Provinzen Hassakeh, Kobane und Afar) verzichten wir auf Zusammenstösse ... Unser Ziel bleibt, den IS zu bekämpfen, nicht die Türkei.“

Erste Kampfhandlungen

Am Samstag begannen die Kampfhandlungen in den Dörfern südlich von Jarablus. Eine Rakete der pro-kurdischen Kräfte zerstörte drei türkische Panzer. Ein erster türkischer Soldat wurde getötet, drei weitere verwundet.

Daraufhin setzte die türkische Armee in der Nacht zum Sonntag und am Sonntag Artillerie und Kampfflugzeuge ein. Nach Angaben des in Grossbritannien beheimateten „Menschenrechts-Observatoriums für Syrien“ wurden im Dorf Dscheb al-Kusa 20 Zivilisten getötet und 50 verwundet. Im danebenliegenden Dorf al-Amarna soll es 20 Todesopfer und 29 Verwundete gegeben haben. Die kurdische Verwaltung der beiden südlich von Jarablus liegenden Orte meldete sogar 75 zivile Tote. Auch vier kurdische Kämpfer seien gefallen und 15 verwundet worden.

Vernichtungskrieg oder Einsicht?

Ist dies der Beginn eines grösseren kurdisch-türkischen Krieges in Nordsyrien? Oder werden sich die YPG-Kurden doch noch zurückziehen? Man kann zurzeit nur sagen: Wenn sich die YPG zurückziehen, kann man sie eher als eine eigenständige Kraft ansehen, der es um das Wohl der syrisch-kurdischen Bevölkerung geht.

Wenn sie den Kampf aufnehmen und mit der überlegenen türkischen Armee einen Krieg beginnen, wobei sie auch noch die amerikanische Unterstützung verlieren dürften, muss man sie, entsprechend der türkischen Einschätzung, eher als enge Gefolgsleute der PKK sehen. Die PKK steht ja zurzeit in vollem Krieg mit der Türkei, und im Interesse ihrer Kriegsführung läge es wohl, wenn die syrischen Kurden ebenfalls in einen Vernichtungskrieg mit den Türken einträten.

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Die Amerikaner zeigen hier wieder einmal ihr wahres Gesicht: Das Schicksal anderer Völker ist ihnen eigentlich völlig egal. Sie verfolgen ausschliesslich ihre eigenen machtpolitischen Interessen: Regierungen stürzen, das Land in Schutt und Asche legen - und verschwinden. So sieht ihre angebliche Art, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten, aus.

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