Koloss auf tönernen Füssen

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Koloss auf tönernen Füssen

Von Ignaz Staub, 26.08.2021

Amerikas Sicherheitsapparat ist wohl zu aufgebläht, um ein Problem wie den geordneten Abzug aus Afghanistan zu bewältigen.

Noch ist es zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, wer für das chaotische Ende des westlichen Einsatzes in Afghanistan verantwortlich ist. Zwar waren in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichen Ebenen zahlreiche Entscheidungsträger involviert – zu viele, um im Nachhinein die einzelnen Verantwortlichkeiten festmachen zu können. Doch der kritische Blick richtet sich in erster Linie auf Washington DC, wo im Weissen Haus seit 2001 vier Präsidenten – teils total überzeugt, teils eher widerwillig – Afghanistan-Politik gemacht haben.

Demokrat Joe Biden ist der letzte des Quartetts und er hat noch im Juli gesagt, er halte eine vollständige Machtübernahme der Taliban für «hochgradig unwahrscheinlich». Er hat vergangene Woche auch gesagt, er wolle die Verantwortung für Afghanistan nicht einem fünften Präsidenten übergeben und stehe voll hinter dem Rückzug der US-Truppen aus dem von Kriegen heimgesuchten Land: «Ich bin Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich übernehme die volle Verantwortung.»

Auch ein US-Präsident aber entscheidet nicht allein. Er ist auf verlässliche Informationen diverser Quellen angewiesen, zu denen in Washington DC der Nationale Sicherheitsrat, das Pentagon, das Aussenministerium, das Ministerium für Innere Sicherheit sowie mehrere Geheimdienste gehören. Diese Instanzen wiederum stützen sich zum Teil auf externes Expertentum, das von Universitäten, Denkfabriken, Meinungsforschungsinstituten oder Nichtregierungsorganisationen stammt.

Nicht zu vergessen der Einfluss der nationalen Medien, die als vierte Gewalt im Staate aus unterschiedlichen Perspektiven Einfluss oder Druck auf einen Präsidenten ausüben können. Ihre ersten Reaktionen angesichts des Chaos am Flughafen in Kabul legten mehrheitlich nahe, der Auszug aus Afghanistan sei ein Fehler gewesen. Gleichzeitig zeigte eine Meinungsumfrage, dass fast zwei Drittel der Bevölkerung finden, es sei nicht wert gewesen, am Hindukusch Krieg zu führen.In den Medien meldeten sich auch frühere Entscheidungsträger zu Wort, um den Abzug zu kritisieren, ohne an ihre einstige Mitverantwortung für die Entwicklung in Afghanistan erinnert zu werden.

Und noch ein vielsagendes Detail: 2020 hatten ABC, CBS und NBC, Amerikas drei grosse nationale Fernsehgesellschaften, dem Tyndall Report zufolge während mehr als 14'000 Minuten totaler Sendezeit der Abendnachrichten ganze fünf Minuten lang über Afghanistan berichtet - so wenig, wie noch in keinem Jahr zuvor. Der Inhalt der Berichte: das Abkommen, das die USA im Februar 2020 mit den Taliban in Doha (Katar) schlossen. 2001, nach 9/11 und Amerikas Intervention, hatten die drei TV-Sender während 940 Minuten über Afghanistan informiert.  

Kein Leichtes also, alle diese widersprüchlichen Inputs aus Regierung, Verwaltung, Medien und Zivilgesellschaft zu evaluieren und unter einen Hut zu bringen. Und Entscheide, die darauf basieren, der Nation gegenüber zu vertreten. Joe Biden, seiner langjährigen politischen Erfahrung zum Trotz, ist dafür nur bedingt geeignet. Er ist bisher öffentlich sehr sparsam aufgetreten und hat lediglich neun Exklusivinterviews gegeben. Bis zum selben Zeitpunkt der Präsidentschaft hatte sich Donald Trump 50 Mal und Barack Obama sogar 113 Mal öffentlich interviewen lassen. Bei seinem jüngsten Auftritt vor der Presse im Weissen Haus hat Joe Biden diese Woche keine Fragen beantwortet und über Innenpolitisches gesprochen, bevor er sich zu Afghanistan äusserte.

Unter Umständen sind die amerikanische Exekutive und der Sicherheitsapparat in Washington DC schlicht zu gross und zu sperrig, um mit dem Problem eines geordneten und menschenwürdigen Abzugs aus Afghanistan fertig zu werden. Der Nationale Sicherheitsrat zum Beispiel hat sich laut «Washington Post» seit April im Geheimen 36 Mal getroffen, ohne aber jeweils während stundenlangen Sitzungen zu Ergebnissen zu gelangen, wie konkret die Machtübergabe in Kabul zu handhaben wäre.

Als Henry Kissinger das prestigeträchtige Gremium kreierte, hatte es nicht mehr als 50 Mitglieder. Zur Jahrtausendwende waren es rund 100. Unter George W. Bush und Barack Obama verdoppelte sich die Zahl jeweils. Donald Trump verkleinerte den Sicherheitsrat zwar wieder, aber unter Joe Biden ist er erneut auf mehr als 350 Mitglieder angewachsen, mit zahlreichen Stellvertretenden auf unterschiedlichen Ebenen.

Auch das US-Verteidigungsdepartement mit seinen rund 23’000 Mitarbeitenden und einem Budget von jährlich 700 Milliarden Dollar ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten überdurchschnittlich gewachsen. Laut Paul Light von der New York University sind derzeit auf den obersten fünf Ebenen des Pentagon 870 Beamtinnen und Beamte tätig; 1998 waren es noch 363 gewesen. Allein die Zahl der stellvertretenden Minister ist von 193 auf 629 explodiert. Derweil gibt es an der Spitze des Ministeriums nicht weniger als 33 Bürokratie-Ebenen.

In grossen Organisationen, so die «Post», werde dem Navigieren durch den bürokratischen Dschungel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als wirklicher Entscheidungsfindung. Informationen würden nur noch intern generiert und der Apparat gegen externe Einflüsse abgeschottet: «Das erklärt unter Umständen den erstaunlichsten Sachverhalt der Intervention in Afghanistan – dass die amerikanische Regierung während 20 Jahren sich selbst und die Welt hat glauben lassen, dass es echten Fortschritt gebe und dass vor allem die afghanische Armee stärker und schlagkräftiger werde. 

2011 hatte der für die Ausbildung der nationalen Sicherheitskräfte zuständige US-General noch versichert, die afghanische Armee sei «am besten ausgebildet, am besten ausgerüstet und am besten geführt». Dagegen machte der Generalinspektor des Wiederaufbaus in Afghanistan wiederholt, aber erfolglos auf das Problem der «Geistersoldaten» aufmerksam und stützte sich dabei auf einen Bericht der Nachrichtenagentur AP, wonach die afghanische Armee statt wie offiziell angegeben 300’000 Soldaten in Wirklichkeit nur 120’000 Wehrmänner zählte.

«Wir haben es von den Dächern gerufen, dass wir unsere Alliierten ausser Landes bringen müssen», sagt Krish O’Mara Vignarajah, Leiterin einer kirchliche Flüchtlingshilfeorganisation in Baltimore, die seit vergangenem Frühling auf das Problem aufmerksam gemacht hat: «Es ist die unbestrittene Wahrheit, dass wir sowohl die Mittel wie die Zeit gehabt hätten, um jene zu retten, die jetzt in Gefahr sind, und wir haben es versäumt, auf irgendeine sinnvolle Weise zu reagieren.»

Noch ist offen, wie viele Menschen die USA bis zur Deadline am 31. August werden evakuieren können. Bis am Mittwochabend hatten sie mehr als 82’300 Menschen, unter ihnen rund 4’500 US-Bürgerinnen und -Bürger, ausgeflogen, wobei noch unklar war, wie viele Amerikanerinnen und Amerikaner sich noch im Lande befanden. Aussenminister Antony J. Blinken sprach bei einer Pressekonferenz von mutmasslich mindestens 1’500 Verbliebenen, von denen aber 500 Kabul bald sollten verlassen können.

Indes gehen Experten unterschiedlicher Herkunft davon aus, dass sich mindestens 300’000 Afghaninnen und Afghanen in unmittelbarer Gefahr befinden, ins Visier der Taliban zu kommen, weil sie in irgendeiner Funktion für die USA gearbeitet haben. Sorgen bereitet den Zuständigen auch ein möglicher Anschlag der Terrororganisation IS-K auf den internationalen Flughafen in Kabul und dessen Zufahrtswege.

Zu früh ist es auch, um von Erfolg oder Misserfolg der Evakuation aus Afghanistan zu sprechen. Als sich Zuständige im Pentagon am 15. August nach dem Fall von Kabul mit Volksvertretern im Kongress unterhielten, kam der Mitarbeiter eines demokratischen Politikers zu einem drastischen Schluss, nachdem er gehört hatte, der stellvertretende Sprecher des afghanischen Parlaments sei desertiert, um Polizeichef der Taliban in der Hauptstadt zu werden.

Die Situation, folgerte er in Anspielung auf einen Ausspruch von GIs im 2. Weltkrieg, sei FUBAR, d. h. «fucked up beyond all recognition» – ein unvorstellbares Schlamassel. Ein solches abzuwenden ist bis Ende Monat die heikle Aufgabe Joe Bidens sowie seiner Regierung und Verwaltung. Zu spät aber ist es auf jeden Fall, all jene Fehler zu korrigieren, die der Westen während des 20-jährigen Einsatzes in Afghanistan, auf dem «Friedhof der Imperien», gemacht hat. 

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