Knirpse im Internet

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Knirpse im Internet

Von Heinz Moser, 27.10.2012

Immer häufiger sind schon 2- und 3-Jährige am Computer Eine schwedische Studie fördert es zu Tage: 40 Prozent aller Zweijährigen nutzen dort das Internet, ausserdem die Hälfte aller Dreijährigen.

Erstaunliches hat eine schwedische Studie ans Licht gebracht: Fast die Hälfte der 2- und 3-Jährigen benutzen bereits das Internet. Sogar die Gemeinde der Computerfreaks reagierte auf diese Meldung irritiert, was Reaktionen auf dem sozialen Netzwerk „Twitter“ belegen: „Krass - 40 Prozent der Zweijährigen in Schweden im Internet“, oder: „Statt Sandburg bauen und Bäume kraxeln, gleich ins Netz?“ Viele Leserinnen und Leser der Agenturmeldung werden sich gefragt haben: Spinnen die denn, die Schweden, was sollen Zweijährige mit dem Internet?

Nutzungsdauer nicht untersucht

Wie sensationell oder gar gefährlich für das Wohl der Kinder sind die Resultate dieser schwedischen Studie, die jährlich Mediennutzungsdaten publiziert und auf der Befragung von 2000 Haushalten beruht? Die Presseagentur zitiert den Studienleiter Janne Elvelid, der eine gewisse Besorgnis äussert: Viele der Aktivitäten, denen sich Kinder früher gewidmet hätten, seien durch das Internet verdrängt worden, betont er. Und es handle sich um eine andere Form der Interaktivität, wenn ein Kind mit einem Tablet-PC spiele, wie wenn ihm ein Buch vorgelesen werde.

Leider fehlen in der Studie Daten, wie lange die Kleinen sich mit dem Internet beschäftigen. Denn das Netz ist ein komplexes Medium – oft auch textlastig und nur zu gebrauchen, wenn man sich gezielt durch viele Links hindurchklickt. Deshalb ist kaum zu erwarten, dass zwei- oder dreijährige Knipse stundenweise auf dem Netz surfen; da dürfte ihnen rasch die Geduld ausgehen. Sollte ein Medium als Babysitter in Frage kommen, dann ist das Fernsehen das geeignetere Mittel.

Spielen und Filme schauen

Wenn in der Agenturmeldung steht, dass die kleinen Kinder auf dem Computer vornehmlich spielen, muss man auch nicht befürchten, dass sie es mit Action Games oder gar mit Gewaltspielen und Ego-Shootern treiben. Was die Kinder tun, das hat die besagte Studie präzis beschrieben. Wörtlich heisst es dazu: „Einfache Spiele mit gut erkennbaren Objekten wie Tieren, Comic-Figuren und Menschen, sind leicht zugänglich und kleine Kinder können mit ihnen spielen, ohne dass sie fähig sind zu lesen oder zu schreiben“.

Ein zweiter Bereich, der für die Kinder im Vorschulalter gut zugänglich ist, das sind Videos und bewegte Bilder. So schaut die Hälfte der 3- bis 4-jährigen Kinder Filme auf dem Internet. Auch hier stehen die visuellen Anreize im Mittelpunkt, weil Lesen und Schreiben erst später dazu kommen. Computer und Internet ersetzen eigentlich nur den Fernseher oder das Bilderbuch. Der Wechsel des Mediums muss an sich noch nicht problematisch sein: Alles hängt davon ab, wie die Qualität dieser Online-Angebote ist.

Nur ein schwedisches Problem?

Führt man sich diese Fakten vor Augen, so ist der Schrecken über den frühen Mediengebrauch in Schweden um vieles entschärft. Man kann sich zudem auch fragen, ob die Situation in der Schweiz oder in Deutschland wesentlich anders ist. Zu vermuten ist nämlich, dass kleine Kinder auch bei uns immer wieder einmal am Computer oder am iPad sitzen. Nur fehlen bei uns Untersuchungen, die bei der Mediennutzung auch das Kleinkindalter umfassen. Ein Hinweis auf die frühkindliche Phase gibt lediglich die deutsche FIM-Studie von 2012. Danach schauen 84 Prozent der 3-5 Jährigen Fernsehen, 65 Prozent hören CDs oder Kassetten und 85 Prozent wird vorgelesen.

Das sind allerdings lediglich Momentaufnahmen. Denn die Entwicklung geht in einem rasanten Tempo voran. Gemäss der schwedischen Untersuchung hat sich diese zwar im Schulalter verlangsamt, weil dort fast alle Kinder schon bis zu einem gewissen Grad das Internet nutzen. Dies gelte aber nicht für die Vorschulkinder, wo die Internetnutzung der 3-5 Jährigen innert zweier Jahre um rund 28 % zugenommen habe. Dazu kommt möglicherweise ein verändertes Verhalten der jüngeren Generation von internetgewohnten Erwachsenen. So finden es die Autoren der FIM-Studie auffällig, dass jüngere Eltern über alle Medien hinweg einen deutlich früheren Einstieg ihres erstgeborenen Kindes angeben als ältere Eltern.

Keine übertrieben Besorgnis

Nun ist es keine pädagogische Katastrophe, wenn kleine Kinder den Computer oder das iPad ihrer Eltern ausprobieren. Um die Geräte sinnvoll zu nutzen und zu bedienen, braucht es ohnehin die elterliche Unterstützung. Was aber der Aufschrei über die schwedische Studie erschreckend deutlich macht, das ist die Tatsache, dass es bei uns kaum aktuelle und verlässliche Daten zur Mediennutzung von kleinen Kindern gibt. Das wäre aber die Voraussetzung, wenn man Eltern gezielt beraten und unterstützen will. Auch müsste man dringend mehr darüber wissen, was hinter den Türen der Kinderzimmer im Medienalltag der Kleinsten geschieht.

Zudem ist auch zu überlegen, ob es ähnlich wie beim Fernsehen mit den Teletubbies oder anderen kindgerechten Sendungen zusätzliche Angebote für PC und Tablet braucht. Weniger dringend ist womöglich die Ermahnung an die Eltern, die Kinder nicht zu lange alleine mit den neuen technischen Gadgets zu lassen. Die werden das schon deshalb nicht tun, weil die Technik der teuren Geräte empfindlich ist; diese verkraften es kaum, wenn sie von ungelenken Kinderhänden auf den Boden geschmissen werden.

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