K&K=Kunst+Kochen

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K&K=Kunst+Kochen

Von Annette Freitag, 05.12.2018

Was für ein wunderbares Buch. Nicht nur für Bücherwürmer, sondern auch für andere. Für die vielleicht ganz besonders. Denn das Buch ist nicht wirklich ein Buch.

Es ist …  ja, wie soll man es nennen? Eine Sammlung von Texten, illustriert mit Kunstwerken und angereichert mit Kochrezepten. Und auch hier wieder: Kochrezepte, die vielleicht nicht immer zum Kochen geeignet sind, wohl aber zum Lesen. Und dafür, in Gedanken den Deckel ein bisschen zu lupfen und die abenteuerlichsten Düfte zu erschnuppern …

Spannend, oder?

Zusammengefasst ist dies alles in vier «cahiers» und die wiederum stecken in einem stabilen Schuber. «Koch:Lust:Kunst» steht drauf. Und: «Eine Collage über, von und mit Meret Oppenheim».

Meret Oppenheim, schillernd und vielseitig

Und da ist sie, die Hauptperson des bibliophilen Spektakels: Meret Oppenheim.105 Jahre wäre sie dieses Jahr alt geworden, wenn sie nicht vor mehr als dreissig Jahren gestorben wäre. Eine Künstlerin, die schillernd und vielseitig war. Sie zeichnete, sie dichtete, sie faszinierte und sie provozierte. Mit ihrer Pelztasse zum Beispiel. Oder mit dem Oppenheim-Brunnen auf dem Berner Waisenhausplatz, der zu heftigen Diskussionen über Kunst Anlass gab.

Und damit sind wir schon in Bern, wo Meret Oppenheim von 1949 bis 1967 gelebt hatte. Hier in Bern kreuzte sich ihr Weg immer wieder mit dem von René Simmen. (Im Bild: Simmen mit unserer Autorin Annette Freitag.) Simmen ist Buchhändler, Schriftsteller, Koch, Gastrokritiker und Lebenskünstler und inzwischen über 90 Jahre alt. Er ist einer, der sich sein Leben lang mit den wundersamen Geheimnissen der Kunst des Kochens beschäftigt hat, mit einem ausgeprägten Sinn für Schönes und Schräges, für Gutes und Aussergewöhnliches, aber auch für Lustiges und Verschrobenes. René Simmen und Meret Oppenheim mussten sich früher oder später begegnen, damals im kleinen Bern, so ähnlich wie ihre Interessen waren.

Es ist mittlerweile schon einige Jahre her, und so ganz genau will man es auch gar nicht wissen, da sassen wir in der «Bodega», René Simmen und ich. Oder in der «Catalana». Oder in der «Weissen Rose». Jedenfalls in einer dieser einschlägig bekannten Beizen der Zürcher Altstadt, wo man bei einem Glas Wein und einem Häppchen zu Essen einfach sitzen kann, um seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. René sprach wieder einmal von einem Projekt. Das tat er immer. Aber dieses Projekt lag ihm besonders am Herzen: ein Buch über Meret Oppenheim.

Diese Meret Oppenheim, die er von früher kannte. Von ganz früher. Von Bern. Sie hatte es ihm angetan. Sie war auch eine, die gegen den Strom schwamm, und sich durchsetzte mit ihrer Kunst. Dada lag in der Luft, aber auch verführerische Düfte aus der Küche. Meret Oppenheim sammelte Rezepte, schnitt sie aus Zeitungen aus und klebte sie in ein Heft, beziehungsweise ein «cahier», das klingt besser. Manchmal kochte sie auch danach, aber wie brauchbar die Rezepte tatsächlich sind, das sei dahingestellt. In schönem Berndeutsch erzählte René über diese Begegnungen mit Meret in Bern. Die Idee, sowohl die schrägen Gedanken der Künstlerin, als auch ihre Rezepte in einem Gesamtwerk herauszubringen, setzte sich fest in René Simmens Kopf, in seinem Herzen und seiner Seele.

Kein Buch sondern eine Collage

Je konkreter seine Vorstellungen wurden, desto mehr drängte sich die Frage nach einem Verlag auf. Und man kann sich gut vorstellen, dass diese Suche in Zeiten der allgemeinen Verlags-Misere schwierig war. Aber nicht unmöglich.

Durch Vermittlung von Silvio – auch er seit Jahren zwischen Kunst und Literatur tätig – kam nun Judith Luks ins Spiel, die Leiterin der «edition clandestin» in Biel. Ein erstes Treffen zwischen ihr und René Simmen fand natürlich in der «Bodega» statt. «Da hat mir René diese ‘cahiers’ von Meret Oppenheim gezeigt, und für mich war klar, das wird am Schluss kein Buch sondern eine Art Collage …» Judith Luks hörte fasziniert zu, was René Simmen sich dazu ausgedacht hatte. «René wollte vier Hefte daraus machen, einen Umschlag hatte er schon entworfen. Ich habe ihn dann auch zuhause besucht und sah, dass er Berge von Material hatte!» Es wurden weitere Leute beigezogen: Heike Eipeldauer, Kuratorin am Kunstforum Wien, Daniel Spoerri, der mit seinen Eat-Art-Kunstwerken bekannt wurde, und Konrad Tobler, Kulturjournalist und -vermittler in Bern. Und René Simmens Sohn Daniel beteiligte sich an der grafischen Gestaltung. «Es hat Mut gebraucht», sagt Verlegerin Judith Luks, «es wurde ausufernd. Und für die junge Generation ist Meret Oppenheim heute kaum mehr ein Begriff.» Es war ein langer Prozess vom flüchtigen Gedanken zum handfesten Buch.

Allen Widerständen zum Trotz ist aus den «cahiers» etwas entstanden, das zwischen Zauberkasten und Wundertüte anzusiedeln ist. Man nimmt es in die Hand – und versinkt in dieser wundersamen Welt. Man verliert sich und blättert und blättert und liest und staunt …

Dennoch gibt es eine gewisse Ordnung. Die «cahiers» sind thematisch zusammengefasst.

Cahier 1–4

«Cahier 1» trägt den Titel «Die Lüge ist das Salz der guten Küche». Es ist das originale «Chuchi-Heft» von Meret Oppenheim als Faksimile. Ein liniertes Schulheft mit ausgeschnittenen Rezepten, säuberlich eingeklebt. Dazu mit Schreibmaschine getippte Zettel und viele handschriftliche Erklärungen und Anmerkungen. Da gibt es «Glarner Knöpfli» und «Neuenburger Käseschnitten», aber auch Werbung für Gasherd und Warmwasser-Boiler oder eine ausführliche Anleitung für ein chinesisches Poulet. «Nein – ich lasse die Tiere nicht extra aus China kommen, auch sind es keine roten Hühner. Ich kaufe meine Poulets im Delikatessengeschäft Bühlmann an der Aarbergergasse 45, Tel. 3 38 03, wie dies alle gewöhnlichen Hausfrauen auch tun.» Das schreibt sie sicherheitshalber vor das eigentliche Rezept.

Das chinesische Huhn sei wunderbar, schwärmt sie zudem am Ende. Und wer weiss, vielleicht lohnt es sich ja, es einmal auszuprobieren?

«Cahier 2» befasst sich mit der Künstlerin selbst. «Vom Meretlein zur Grande Dame des Surrealismus». Da geht es um die Lehr- und Wanderjahre der Meret Oppenheim von Berlin über Basel, Paris und Bern bis nach Carona im Tessin.

«Cahier 3» hat die Überschrift: «Das Objekt. Der Zufall. Dada & Co». Da gibt es einen Essay von Meret Oppenheim über die Theateraufführung «Wie man Wünsche beim Schwanz packt». Es handelt sich dabei um eine Groteske von Pablo Picasso, aufgeführt im Kleintheater Kramgasse in Bern, zum 75. Geburtstag von Picasso im Dezember 1956.

«Cahier 4» widmet sich ganz dem Thema «Ess-Lust & Eros». «Essen und Liebe sind Triebkräfte des menschlichen Verhaltens, heisst es im Untertitel und im cahier selbst bekommt man «Legenden und Mythen zu einem privaten Anlass» serviert. Der «private Anlass» war das «Frühlingsmahl», ein «Nachtessen auf der nackten Frau» im April 1959, «beginnend mit dem Hors-d’oeuvre auf Schenkeln und Unterleib, endend mit Himbeer- und Schokoladenschlagsahne auf den Brüsten». So liest man’s im «cahier».

Kein Buch wie jedes andere ist diese Box mit den vier «cahiers». Aber etwas zum Schmökern an langen Winterabenden. Animierend und inspirierend. Und auch amüsierend.

René Simmen: «Koch:Lust:Kunst», edition clandestin. Texte deutsch, zahlreiche Abbildungen, vierfarbig.
CHF 90.– / € 80.–
ISBN 978-3-905297-79-9

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