Kein Ja und kein Nein

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Kein Ja und kein Nein

Von Erwin Koller, 13.02.2020

Papst Franziskus analysiert in seiner Antwort an die Amazonas-Synode die Probleme zutreffend. Doch er scheut klare Entscheidungen und enttäuscht in ihn gesetzte Hoffnungen.

Vom 6. bis 27. Oktober 2019 fand im Vatikan eine Amazonas-Synode von lateinamerikanischen Bischöfen und Priestern sowie in der Seelsorge engagierten Männern und Frauen statt. Die Versammlung verfasste ein Schlussdokument, in dem die abstimmungsberechtigten Bischöfe sich unter anderem mit 128 Ja gegen 41 Nein für verheiratete Priester einsetzten. Am 12. Februar 2020 hat Papst Franziskus mit seinem Lehrschreiben «Querida Amazonia – Geliebtes Amazonien» dazu Stellung genommen.

Grosse Fragen am Amazonas

Wer die Bilder vom brennenden Regenwald gesehen hat, weiss: Die «grüne Lunge des Planeten» steht vor epochaleren Herausforderungen als der Frage, ob katholische Priester dort verheiratet sein dürfen oder nicht. Und die Lebensqualität der 400 Völker am 6400 km langen Amazonas-Fluss hängt wenig davon ab, ob bei der Eucharistiefeier auch Frauen am Altar stehen können oder nicht.

Angesichts des Unrechts, der Folter und Verbrechen, welche die europäischen Konquistadoren alter und die Kolonisten neuer Prägung den Menschen dieses Kontinents angetan haben und noch immer antun, ist es viel entscheidender, dass die christliche Grosskirche sich klar davon distanziert und zur Inkulturation ja sagt: Ihre Botschaft kann dort nur Fuss fassen in einem Dialog, der die einheimischen Völker voll und ganz ernst nimmt.

Das ist die Vision von Franziskus, und die Haltung des Papstes ist in dieser Entschiedenheit neu und höchst verdienstvoll. Wer sein Schreiben liest, findet Dutzende von Argumenten, warum die alte Kirche nicht stehen bleiben kann, sich vielmehr erneuern, ja neu erfinden muss angesichts der Zeichen der Zeit und der Kulturen, mit denen sie konfrontiert ist. So ist also die prophetische Kritik, die Bartolomé de las Casas schon vor 500 Jahren in die Welt hinausgeschrien hat, endlich im Zentrum der Kirche angekommen.

Eine Hängepartie frommer Ankündigungen

Wenn es dann freilich um die Knochenarbeit von Seelsorge und Sozialarbeit, von Verkündigung und Gottesdienst geht, genügen Visionen allein nicht. Wenn der neue Wein nicht mehr in die alten Schläuche passt, dann sind Remeduren gefordert, Entscheidungen für neue Behältnisse und konkrete Schritte zu einem anderen Kirchenmodell. Diese Entscheide verpasst Franziskus. Er bleibt – leider einmal mehr – bei frommen Ankündigungen. 

Wenn Franziskus die Bischöfe dort auffordert, in ihrer Kirche «keine Kopien von Modellen anderer Orte» zu benützen, kommt er um die Frage nicht herum, ob nicht genau der mönchisch-zölibatär-klerikale Lebensstand ein solch römisches Einheitsmodell ist, das völlig weltfremd wirkt – nicht nur dort. 

Wenn er verlangt, dass die Gestaltung des Lebens und die Ausübung des Priesteramtes «nicht monolithisch» sein dürfe und «an verschiedenen Orten der Erde unterschiedliche Ausformungen» annehmen müsse, stellt er die richtige Diagnose, jedoch ohne ein Rezept zu schreiben.

Wenn er «alle Bischöfe, besonders jene Lateinamerikas, ermutigt, nicht nur das Gebet um Priesterberufungen zu fördern, sondern auch grosszügiger zu sein und diejenigen, die eine missionarische Berufung zeigen, dazu zu bewegen, sich für das Amazonasgebiet zu entscheiden», dann ist das recht besehen eine Aufforderung zum Handeln, umbekümmert um Kompetenzen. Franziskus hat den Ball in die Amazonasregion zurückgespielt: Ubi Rhodos, ibi salta! Die Bischöfe dort kennen die Umstände, sie sollen «nach kühneren Wegen der Inkulturation suchen» und dann entscheiden – gemäss ihrem Schlussdokument, das Franziskus nicht zurücknimmt, sondern zur Lektüre empfiehlt. 

Subsidiarität

Das wird auch geschehen und ist teilweise längst der Fall. Wenn Reformbegehren von der Kirchenführung über Jahrzehnte nicht aufgenommen werden, kommt irgendwann die Zeit der Selbstermächtigung, dort ebenso wie hier in Europa. Auch wenn dies für ein geordnetes Gemeinwesen nicht gut ist, kann es für eine gewisse Zeit hilfreich sein und die Situation soweit verändern, dass ein Nachfolger jene Entscheide wagen kann, die sich Franziskus offensichtlich nicht zutraut. 

Doch warum eigentlich? Warum kann ein Papst ein Disziplinargesetz nicht verändern oder ausweiten, das weder im Evangelium noch in der Glaubenslehre begründet ist, ja das nicht einmal in der katholischen Kirche durchwegs gilt: Katholische Ostkirchen sind so wenig an den Zölibat gebunden wie zum Katholizismus konvertierte anglikanische oder evangelische Geistliche.

Sackgassen der Macht

Es gibt keine spirituelle Organisation, die so viele Mitglieder hat sowie vergleichbar straff institutionalisiert und durch eine lange Geschichte legitimiert ist wie die katholische Kirche. Und es existiert kein geistliches Amt, das mit so viel Macht ausgestattet ist und gesetzgeberische, ausführende und richterliche Gewalten auf sich vereinigt wie das Papsttum. Und doch scheint das Papst Franziskus etwa so viel zu nützen wie dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping alle Machtmittel der Parteidisziplin und des Militärs, wenn das Corona-Virus ausbricht.

Diese Macht wurde schon zu oft strapaziert, und es sind zu viele, die als Schmarotzer davon profitieren. Wehe, wenn ein Inhaber sie dezentralisieren und auf untere Ebenen delegieren möchte, nach dem sonst so wohlfeilen Prinzip der Subsidiarität. Seitdem Franziskus den Glauben in Gedichten und Träumen verkündet, ist im Vatikan der Teufel los, und er wird als Ketzer apostrophiert, was für einen Pontifex fast einem Todesurteil gleichkommt. So riskiert der mächtige Mann an der Spitze die Spaltungen in der Kirche noch zu vertiefen, wenn er bei Fragen rund um die Sexualität über Fussnoten, Poesien und Visionen hinausgeht.

Ein Trauerspiel, wie die Reaktionäre den konservativen Papst bekriegen und ihm mit der Spaltung der Kirche drohen – Reformer taten dies nie. Unsäglich, wie ihm kürzlich sein Vorgänger Joseph Ratzinger in die Suppe gespuckt hat. Ungeheuerlich, wie der zwar entlassene, sich aber immer noch als Glaubenspolizist aufspielende Gerhard Ludwig Müller den deutschen «Synodalen Weg» wegen des Stimmrechts der Laien mit dem Ermächtigungsgesetz des Deutschen Reichstags von 1933 verglich. Und dies alles im Angesicht der Katastrophe des klerikalen Systems wegen tausendfachen Missbrauchs unschuldiger Kinder.

Hegelsche Dialektik

Schon einmal hat ein Papst gezaudert, um die Macht zu retten: Paul VI., als er in Rücksicht auf einen Vorgänger den guten Argumenten seiner Experten zur Empfängnisverhütung nicht folgte und 1968 die berüchtigte Pillenenzyklika herausgab. Es ist ihm nicht gut bekommen. Auch Franziskus riskiert das Schicksal des Shakespeare’schen Hamlet, wenn er abschliessend die Hegelsche Dialektik bemüht: «Es kann vorkommen, dass an einem bestimmten Ort die in der Pastoral Tätigen für die anstehenden Probleme sehr unterschiedliche Lösungen für naheliegend halten und deshalb scheinbar entgegengesetzte kirchliche Herangehensweisen befürworten. In solch einem Fall ist es wahrscheinlich, dass die wahre Antwort auf die Herausforderungen der Evangelisierung darin besteht, beide Lösungsansätze zu überwinden und andere, vielleicht ungeahnte, bessere Wege zu finden. Der Konflikt wird auf einer höheren Ebene überwunden, wo sich jede der beiden Seiten mit der jeweils anderen zu etwas Neuem verbindet, aber dennoch sich selbst treu bleibt.»

Viele Katholikinnen und Katholiken verstehen ihren Franziskus nicht mehr. Das Bild vom Papst der Erneuerung ist beschädigt. Und das Wort des Dichters Charles Péguy, mit dem er sich anlässlich der Amazonas-Synode im letzten Herbst an seine Kritiker wandte, fällt auf ihn selbst zurück: «Ihr meint, auf der Seite Gottes zu sein, weil ihr nicht den Mut habt, auf der Seite der Menschen zu stehen.»

Kommentare

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Mehr Toleranz auch gegenüber der katholischen Kirche

Natürlich hat der Papst, von dem ich übrigens sehr wenig halte, er kann weder intellektuell noch charakterlich seinen Vorgängern das Wasser reichen, viele enttäuscht. Aber sein Schreiben Querida Amazonia“ ist nur konsequent. Wir kritisieren immer die katholische Kirche, haben jedoch kein Hintergrundwissen, um diese Kritik wirklich zu begründen. So wird kritisiert, dass es konservativ sei die Messe mit dem Rücken zur Gemeinde zu zelebrieren. Hierbei vergisst man, dass es beim Gottesdient um einen Dienst an Gott geht. Nicht wir sind der Mittelpunkt, sondern Gott. Also wäre es nichts anderes als richtig, dass der Priester ihn anschaut und nicht uns, wenigstens während der Eucharistiefeier. Die Predigt ist dann an uns gerichtet. Aber in unserem Modernisierungswahn vergessen wir oft, dass vieles althergebrachte schon seinen Sinn hat (nicht nur bei diesem Thema).

Ähnlich ist es mit der geweihten Jungfrau, die in die Hände des Diözesanbischofs öffentlich und für immer ein Leben im Stand der Jungfräulichkeit gelobt hat und der vom Bischof die Jungfrauenweihe (Consecratio virginum) gespendet wurde.
Die Heilige Agatha war so eine Jungfrau und sie hat ihre Jungfräulichkeit selbst unter der Marter verteidigt und ist für ihre Überzeugung gestorben. Die Enthaltsamkeit hat schon kurz nach Jesus Tod eine eminent wichtige Bedeutung bekommen und das kann man nicht einfach negieren.

Aber heute nehmen wir eine unnötige Erweiterung des Rassismus Artikel an und fühlen uns gut, merken jedoch nicht, dass wir nur tolerant sind, wenn es uns passt. Das Zölibat passt uns nicht, also wird es bekämpft. Wer dafür einsteht, wird ausgelacht und man hält ihn für krank. Unsre Toleranz ist scheinheilig und steht auf Treibsand, sie dient uns nur, wenn es uns passt. Mensch, es ist nicht unser Bier zu entscheiden, welche Art zu leben richtig ist, das gilt nicht nur für Homosexuelle, sondern auch für zölibatär lebende. Die katholische Kirche wird nichts gewinnen, wenn sie das Zölibat aufhebt. Und wenn sie noch mehr Mitglieder verliert, ist das ihre Sache und geht uns eigentlich nichts an. Ich fühle mich in dieser Kirche trotz all ihren Mängel wohl. Wenn sie das Zölibat und die Diskriminierung der Frauen aufheben würde, würde sie zersplittern. Das ist ein Faktum, welches wir zu akzeptieren haben. Ich glaube übrigens nicht, dass sich viel ändern würde, wenn Frauen ordiniert werden und das Zölibat aufgehoben würde

Werter Herr Ebinger, Ihre Aussagen offenbaren deutlich mehr über Sie selbst, als diese die angesprochenen Themen nachvollziehbar und verständlich machen würden.
So sind Sie der Meinung, dass Papst Franziskus charakterlich und intellektuell dem Vorgänger-Papst nicht das Wasser reichen könne.
Happige Verurteilungen, welche Sie aber nicht belegen.
Da kommen mir immer wieder die Jesus-Worte in den Sinn, die er zu den Pharisäern sagte.
Es ist ja soviel einfacher, aus dem geschützten Raum des selbstgerechten Beobachters heraus zu verurteilen, als sich selbst in das Geschehen zu begeben und sich die Hände dreckig zu machen.
Genau das macht aber Papst Franziskus und ist deswegen ein Vorbild und Hoffnungsträger für viele. Dass er seinerzeit eine ‚Mission impossible‘ angenommen hat, in der korrupten, selbstherrlichen, machtbesessenen, feudalen, sex-süchtigen, heuchlerischen römisch-katholischen Kirche, ist ihm hoch anzurechnen. Es ist ihm auch zu verzeihen, dass er als 80 jähriger nicht die Kraft aufbringt, all diese katastrophalen Missstände zu beseitigen. Aber seine seelsorgerliche, barmherzige Art und Weise wird ein bleibendes Geschenk sein.
Ich bin übrigens nicht Mitglied der katholischen Kirche.

Der Vatikan -- mehr und mehr ein Altherrenklub mit zum Teil dubiosen Neigungen

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