Kegeln statt Tango in Buenos Aires

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Kegeln statt Tango in Buenos Aires

Von Hans Moser, Buenos Aires - 01.04.2011

Der Alltag in Lateinamerika ist oft aufregend, manchmal aufwühlend und immer wieder voller Überraschungen. Um dort anzukommen, braucht es mehr als die Liebe zum Tango, Bewunderung für den brasilianischen Fussball oder Sympathien für venezolanische Revolutionsträume.

Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, ein paar abwechslungsreiche, aber nicht unbedingt hektische Jahre zu verbringen, als ich im Oktober 2001 zusammen mit meinem Sohn Lukas, der gerade 20 geworden war, und der Tochter Anna (16) nach Buenos Aires ging. Lateinamerika hat in den Schweizer Medien nicht denselben Stellenwert wie die USA und die europäischen Nachbarländer; ein Auslandkorrespondent in Buenos Aires steht nicht so stark unter Aktualitäts- und Erwartungsdruck wie sein Kollege oder seine Kollegin in Washington, Berlin oder Paris. Auf meinem neuen Posten, so dachte ich, werde ich nach sieben Jahren „Hausarrest“ auf der Zentralredaktion des Tages-Anzeigers wieder ausgiebig reisen können und genügend Zeit finden, um jenseits des flüchtigen Tagesgeschehens Land und Leute kennen zu lernen, und schöne Reportagen schreiben statt politische Routineberichte über die jüngste Regierungskrise oder den neuesten Korruptionsskandal.

Es kam anders. Kaum waren wir da, stand Argentinien am Rande des Abgrunds. Die 1998 einsetzende Rezession hatte 2001 dramatische Ausmasse angenommen. Aus Angst vor einem Zusammenbruch hoben immer mehr Anleger ihr Geld von den Banken ab und deponierten es im Ausland oder in Schliessfächern. Um die galoppierende Kapitalflucht zu stoppen, liess Präsident Fernando de la Rúa die Bankkonten sperren. Erboste Bürger reagierten mit Massendemonstrationen, Plünderungen und Strassenschlachten, der Staatschef wurde mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt. Anfang 2002 war Argentinien ein Land in Trümmern: die Bankkonten eingefroren, die Währung abgewertet, die Rekordschulden konnten nicht mehr bedient werden. Viele Familien, die zuvor zum Mittelstand gehört hatten, waren praktisch über Nacht verarmt.

Viele Verlierer und ein paar Profiteure

Nun blickte plötzlich die ganze Welt auf Südamerikas zweitgrössten Staat. Die argentinische Tragödie wurde für die Medien zu einem hochaktuellen Thema. Auch für meine Zeitung. Monate lang konnte ich fast täglich einen Artikel aus Buenos Aires liefern, und des Öfteren drückten die Kollegen am Redaktionspult sogar ein Auge zu, wenn mein Beitrag wieder einmal länger war als vereinbart. Aber wie hätte ich auf wenigen Zeilen erklären sollen, dass das einst so stolze Argentinien mit seinen riesigen Ressourcen in kurzer Zeit so tief gesunken war?

Rein beruflich gesehen durfte ich also mehr als zufrieden sein mit dem Start am neuen Arbeitsort. Die bedrückende Atmosphäre jener Tage färbte sich aber auch auf unseren Alltag ab. Als Ausländer mit einem Lohn in Schweizer Währung waren wir privilegiert gegenüber dem Grossteil der Einheimischen und fühlten uns deshalb manchmal als Profiteure der Krise. Mehrmals trafen wir bei der Wohnungssuche auf ältere Paare, die uns mit Tränen in den Augen gestanden, dass sie eigentlich gar nicht vermieten möchten, aber aus finanziellen Gründen gezwungen seien, die Wohnung aufzugeben und zu einem Sohn oder einer Tochter zu ziehen. Es gab freilich auch die anderen, die fanden, jetzt müssten sie erst recht aus Ausländern so viel wie möglich herauszupressen versuchen, und Mietzinse verlangten, die jenseits von Gut und Böse lagen, getreu der Devise: Lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand.

Und dann war Lula da

Als die Wirtschaft sich langsam erholte und auch die politischen und sozialen Verhältnisse wieder einigermassen normal waren, ging im Ausland das Interesse an Argentinien zurück. Andere Länder rückten ins Rampenlicht: das wirtschaftlich und politisch gewichtige Brasilien mit seinem charismatischen, vom Hilfsarbeiter zum Staatsoberhaupt aufgestiegenen Präsidenten Lula; die República Bolivariana de Venezuela und ihr selbst ernannter, eigenwilliger Revolutionsführer Hugo Chávez, der es immer wieder versteht, sich medienwirksam in Szene zu setzen; das Andenland Bolivien, in dem sich das neu erwachte Selbstbewusstsein der lateinamerikanischen Ureinwohner besonders deutlich manifestiert; der von politischen Umstürzen und Naturkatastrophen erschütterte Inselstaat Haiti.

Ab 2003 war ich verhältnismässig häufig in ganz Lateinamerika unterwegs – und kehrte nach ein paar Wochen jedes Mal gern nach Buenos Aires zurück. Zwar ist auch in der argentinischen Metropole bei weitem nicht alles Silber, was glänzt. So lebensbejahend und faszinierend vieles in dieser Stadt ist, sie hat auch ihre dunklen Seiten: die nach wie vor stark verbreitete Armut etwa oder die zunehmende Kriminalität. Wie singt doch die argentinische Latin-Rock-Band Bersuit Vergarabat in ihrem Lied „La argentinidad al palo“ so schön: „ Podemos ser lo mejor, o también lo peor, con la misma facilidad. (Wir können mit derselben Leichtigkeit das Beste wie das Schlechteste sein“. Im Vergleich zu anderen Grossstädten in Lateinamerika ist die Lebensqualität in Buenos Aires aber immer noch hoch, und Europäer fühlen sich hier schneller zu Hause als in São Paulo, Bogotá oder Caracas. Es sind bestimmt nicht nur rein berufliche Gründe, die die meisten Lateinamerikakorrespondenten dazu bewegen, sich in Buenos Aires niederzulassen und den Subkontinent von hier aus zu betreuen.

Lieber bei Don Julio als im Churrasco

2007 wäre meine Zeit in Argentinien abgelaufen gewesen, ich hätte wie vertraglich vereinbart auf die Redaktion zurückkehren müssen. Doch die Vorstellung, meine letzten Berufsjahre in der Zentrale zu verbringen, politische und wirtschaftliche Ereignisse in Lateinamerika künftig vom Schreibtisch in Zürich aus zu kommentieren und einmal in der Woche im Restaurant Churrasco an der Glockengasse anstatt bei Don Julio im Quartier Palermo ein argentinisches Steak zu essen, erschreckte mich. In zähen Verhandlungen rang ich der Zeitung eine Verlängerung des Mandats ab, gewann damit aber nicht viel mehr als eine Galgenfrist. Ende Januar 2010 war endgültig Schluss. Im Rahmen einer grossangelegten Sparübung wurde aus „wirtschaftlichen Gründen“ der Aussenposten Buenos Aires aufgehoben und ich definitiv in die Frühpension entlassen.

Damit stand ich mit 62 vor der Frage: Was nun? Also doch in die Schweiz zurückgehen, obwohl mir dort mittlerweile vieles und viele fremd geworden waren? Oder lieber hier bleiben und versuchen, etwas Neues aufzubauen? Ich habe mich schliesslich entschlossen, in Buenos Aires zu bleiben - bis auf weiteres. Ich betätige mich gelegentlich noch als freier Journalist, verfolge für das Journal 21 das Geschehen in der Region und engagiere mich ehrenamtlich und in einem verhältnismässig bescheidenen Umfang in einem Sozialprojekt für Jugendlichen aus schwierigen materiellen und sozialen Verhältnissen in Recife, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco. Die Favelas haben mir neue Perspektiven eröffnet. Als Journalist bin ich es gewöhnt, überall dabei zu sein, aber nirgends wirklich dazu zu gehören. Im Umgang mit jungen Menschen auf der Suche nach einer Alternative zu einem Leben in Armut und Gewalt hingegen ist nicht professionelle Distanz gefragt, sondern wahrhafte Nähe.

Stille Winkel in einer lauten Stadt

So gern ich noch ein paar Jahre Vollzeit-Korrespondent für Lateinamerika geblieben wäre: Das erzwungene frühzeitige Rentnerdasein hat auch seine guten Seiten. Es gibt mir Zeit und Musse, vieles, das ich in Buenos Aires über Jahre hinweg nur nebenbei wahrgenommen habe, richtig zu kennen und schätzen zu lernen: das pulsierende Kulturleben, die grossen Grünflächen, die attraktiven Naherholungsgebiete und Ausflugsmöglichkeiten. Ich streife oft Stunden lang durch mein Wohnquartier Palermo und entdecke dabei, dass die argentinische Hauptstadt nicht nur laut und schmutzig ist, sondern immer noch auch stille, verschwiegene Ecken hat. Ich bin froh, dass ich jetzt im Café um die Ecke so lange sitzen bleiben kann, wie es mir behagt, in den Zeitungen nur noch Artikel lesen muss, die mich wirklich interessieren, und mir nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen habe, ob auch die Leser in Zürich, Winterthur oder Turbenthal etwas über die jüngsten Wirrungen der argentinischen Politik erfahren sollten. Alle paar Wochen einmal fröne ich mit anderen Schweizerinnen und Schweizer dem Nationalsport Jassen, und immer wieder mittwochs vergnüge ich mich im inzwischen bald 100 Jahre alten Kegelklub St. Martin, der wohl treffsichersten Auslandschweizer-Institution weltweit.

Und wo bleibt bei alle dem der Tango?, wollen Besucher aus der Schweiz jeweils wissen. Auf diesem Gebiet, muss ich zu meiner Schande gestehen, habe ich nach wie vor eine Bildungslücke. Und ich werde sie wohl nie schliessen. Denn: Journalisten treten zwar gelegentlich mit Wonne anderen auf die Füsse. Aber doch bitte sehr nicht beim Tango, dem „traurigen Gedanken, den man tanzen kann“!

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