Kanonenfutter

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Kanonenfutter

Von René Zeyer, 24.04.2012

Es geht nicht um Schwarzgeld versus Weissgeld. Sondern um einen Krieg gegen den Finanzplatz Schweiz. Soweit hat das UBS-CEO Sergio Ermotti richtig erkannt. In einem Krieg sollte man die Reihen geschlossen halten. Aber Banker betrachten ihre Fusstruppen als Kanonenfutter.

Wir berichten hier aufgrund nicht offiziell bestätigter Pressemeldungen, diese Einleitung muss vorausgeschickt werden. Sie besagen allerdings, dass der Schweizer Bundesrat wieder einmal mit Notrecht Tausende von Unterlagen von Schweizer Banken an die USA ausgeliefert hat. Inklusive nicht geschwärzte Namen von Hunderten von Bankmitarbeitern, die US-Steuerzahler betreut haben. Das solle dazu dienen, die Gesprächsatmosphäre zu «entkrampfen», liess Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf verlauten. Diese Datenaktion sei «im Interesse der Bankmitarbeitenden», lässt sich CS-Sprecher Marc Dorsch zitieren. Ach ja?

An der Spitze seiner Truppen

In den guten alten Tagen warf sich der General an der Spitze seiner Truppen in die Schlacht. Im modernen Schweizer Banking sieht das etwas anders aus. Laut «Der Sonntag» ist Walter Berchtold, langjähriger Chef der Vermögensverwaltung der Credit Suisse, mit wehenden Fahnen an die Front, beziehungsweise in die USA, gereist. Aber nicht, um seinen Fusstruppen ein Beispiel zu geben oder um den Finanzplatz Schweiz zu verteidigen. Sondern um verteidigt von einer Riege von Anwälten mit einem Deal seine persönliche Zukunft und Reisefreiheit zu sichern. Es ist der gleiche Berchtold, der bereits beim Skandal um Schweizer Lehman-Opfer bewies, dass ihm seine Kunden völlig egal sind. Passt ins Bild, dass das natürlich auch für seine Untergebenen, die CS-Banker, gilt.

Hat schon Tradition

Bereits beim Fall UBS hätte damals die Möglichkeit bestanden, dass die Führungsspitze der Bank persönlich Verantwortung übernimmt. Und unter Gefährdung der eigenen Freiheit und des eigenen Portemonnaies in den USA für die systematischen Rechtsbrüche von UBS-Mitarbeitern hingestanden wäre. Wie man eigentlich angesichts von Multimillionengehältern hätte erwarten können. Denn diese wurden und werden ja mit dem ungeheuerlichen Risiko und der übermenschlichen Verantwortung begründet, die auf den Schultern von Bank-Bossen lasten. Der damalige UBS-Chef, wie hiess er doch gleich, oder einer seiner diversen Nachfolger, wie hiessen sie doch gleich, hätten, um die Bank zu retten, höchstpersönlich Kundendaten ausliefern können. Damit hätten sie gegen Schweizer Gesetze verstossen und zumindest ein paar unangenehme Wochen mit Fussfessel oder im Knast in den USA verbracht. Aber eine Krise des Schweizer Rechtsstaats verhindert. Kam ihnen aber nicht im Traum in den Sinn.

Angestellten-Mentalität

An Walter Berchtold und all seinen Vorgängern und aktuellen Brüdern im Geiste an der Spitze von Schweizer Grossbanken lässt sich ein grundlegendes Problem des modernen Banking exemplifizieren. Sie tun so, als seien sie verantwortungsbewusste Unternehmer, Wirtschaftsführer, die für weitreichende und schwierige Entscheidungen zugegebenermassen üppig, aber angemessen bezahlt werden. In Wirklichkeit sind sie dummdreiste Angestellte. Von Beraterheeren aufgehübscht zu gewaltigen Wirtschaftskapitänen, Unternehmerpersönlichkeiten, Visionären, Strategen, Leistungs- und Entscheidungsträgern. Aber hinter dieser glitzernden Fassade geht es ihnen bloss um die Insignien der Macht. Das wohlbestückte Vorzimmer, die Anzahl der Personal Assistents, die Grösse des Lear-Jets, der Yacht, die Anzahl der Ferienhäuser und, natürlich, die Optimierung des Einkommens. Denn sie wissen: Es dauert nicht ewig. Also muss ich abkassieren, solange ich mich an meinem Posten festklammern kann, und nach mir die Sintflut. Das typische Denken eines Lohnabhängigen halt.

Verantwortungslosigkeit

Es ist das alte Lied im Spätkapitalismus. Der Patron, der Besitzer, der persönlich haftende Chef jedes beliebigen KMU handelt und entscheidet anders als der angemietete CEO, COO, CFO oder wie die klingenden Titel mit einem C vornedran auch immer heissen. Und wenn der eigentliche Besitzer ein Heer von im Prinzip machtlosen Aktionären ist, dann schalten und Walten diese Angestellten im festen Wissen darum, dass im schlimmsten Fall der Rausschmiss und eine geschmälerte Abgangsentschädigung droht. Aber die Verantwortlichkeit wird in wohlausgehandelten Haftpflichtversicherungen ausgelagert und endet spätestens mit dem Abgang. Das vorher angerichtete Desaster baden die Besitzer mit beispielsweise von über 80 auf 12 Franken abgestürzten Aktien und notfalls der Steuerzahler aus.

Und die Fusstruppen?

Wir können uns ausmalen, wie im Moment die Stimmung bei den kleinen Angestellten der CS und den anderen im Wirtschaftskrieg mit den USA und Europa stehenden Banken ist. Zum zweiten Mal in der jüngeren Geschichte beweisen ihnen ihre Anführer, die Bosse, dass sie nichts anderes als Kanonenfutter sind. Opferanoden, billige Manövriermasse im Kampf ihrer Häuptlinge um das eigene Wohlergehen. Die eigene Karriere. Und natürlich um das eigene Geld. Wer sich bei Reiterdenkmälern von historischen Schlachtenlenkern auskennt, weiss, dass die Anzahl der sich in der Luft befindlichen Hufe des Pferdes angibt, ob der Reiter in der Schlacht verwundet wurde, gar gefallen ist oder im Bett starb. Bei unseren Bankenführern müssten, mit wenigen Ausnahmen, die Rösser unter ihnen knien. Aber ihnen werden sowieso keine Denkmäler errichtet werden.

Ein schöner Artikel. Danke.

Nur: Die historischen Betrachtungen möchte ich bezweifeln. Waren doch die Überlebenschancen der Generäle auch "der guten alten Zeit" so viel besser, wie diejenigen der UBS-Oberen. Atatürk hat das Gallipoli-Gemetzel um viele Jahre bis zum Tode durch Leberzirrose überlebt, die Schweizer Söldnerführer konnten Von-Salis-Paläste (und viele andere) bauen und starben im Bett, Napoleon durfte auf die Inseln.

Und auch der von rinks bis lechts gelobte KMU-Patron fällt - wirds dann mal strub um seine "Bude" - oft durch unbezahlte AHV-Rechnungen und hinterzogene Pensionskassenbeiträge auf.

Was die Haltung der Bankmanager nicht sympathischer macht.

Hut ab.Das ist unabhängiger Journalismus.

Randbemerkung:

Ermotti ist meines Erachtens nach moralisch diskreditiiert. Die Worte des Mafia-Banker sollten in der öffentlichen Diskussion keine Berücksichtigung finden.

Randbemerkung:

Ermotti ist meines Erachtens nach moralisch diskreditiiert. Die Worte des Mafia-Banker sollten in der öffentlichen Diskussion keine Berücksichtigung finden.

Wie lange schlafen die Ökonomieflüsterer der Wahrheit noch? Wer souffliert endlich Frau Merkel, dass die langjährige Niedriglohnpolitik in Deutschland ein Teil der Ursache der Eurokrise ist? Exportweltweister dank Lohnstopp? Der Länderausgleich funktioniert in Deutschland und in der Schweiz relativ gut, aber für Europa wird er zu teuer. Jährliche Lohnaufbesserungen von 4-5% in Germany würden die Chancen der am Tropf hängenden Staaten erheblich verbessern. Die Löhne in Spanien und Griechenland mögen zu hoch sein, aber die Löhne in Deutschland sind viel zu niedrig. Was nützt es unseren Nachbarn wenn die Mitgliedsländer in die Rezession abrutschen? Ihre eigene Binnennachfrage stagniert ja schon lange. Blutarmut im System? Also, Zwang durch hohe Besteuerung von nicht in der Realwirtschaft angelegten Überschussreserven der Firmen und Kapitalanlegern. Zocken muss teurer werden! Ihrer Sichtweise Herr Zeyer stimme ich zu, aber Banker sind Zeitreisende. Es wäre an unseren Politikern die Souveränitat unseres Staates gegen den hysterischen Zeitgeist zu verteidigen. Die Amerikaner sagen ja selbst, mit Erpressern verhandelt man nur über Faktenlagen und nicht über windige Zeitgeistmarotten.Sergio Ermotti hat es richtig erkannt, mit Pseudomoral Wirtschafts und andere Kriege und den Rest der Welt an der Nase herum führen ist deren Taktik. Wake up....Europa .....Wake up Switzerland. Wir werden noch ein Jahrzehnt brauchen bis Chancengleichheit für die europäischen Staaten herrscht....aber anpacken ist angesagt!...alles andere sind Nebenschauplätze!

Trefflich! Trefflich! Der ungeübte Leser mag anfangs etwas verwirrt sein von der Bissigkeit des Artikels, aber alles deutet weiterhin darauf hin, dass uns die Banken und das mit ihnen verbandelte Investmentbanking noch um Kopf unf Kragen zocken. Weltweit gesehen. Daher schätze ich diese drastische Sprache mittlerweile sehr.

Als ich vor wenigen Tagen in der NZZ wieder mal die schrägen Ansichten eines solchen Investmentbankers lesen durfte, drehte sich fast der Magen um. Hier ein Ausschnitt:

Zitat aus Artikel "Schweiz steckt laut UBS-Chef in «Wirtschaftskrieg»" «Auf die Frage, wie sich die Schweiz denn wehren solle, antwortete Ermotti: «Wir mussten bisher schon zu viele Konzessionen machen.» Die UBS unterstütze die Weissgeldstrategie. In einem wichtigen Punkt aber habe die Schweiz «einen Fehler gemacht».

Die Umstellung sei viel zu schnell erfolgt. Das bisherige Geschäftsmodell habe sich über die letzten 60 Jahre entwickelt. Nun solle innert eines Jahres alles anders werden. «Wir hätten mehr Zeit für die Anpassungen gebraucht.»

Für die Umsetzung der Abgeltungssteuer wären fünf bis sechs Jahre «ideal gewesen». Das Problem seien nicht die Abkommen, «sondern das Tempo der Umsetzung», sagte Ermotti.»

Soso, mehr Zeit. Mehr Zeit, um den lieben Kunden Gelegenheit zu bieten, ihre Angelegenheiten "abkommensfest" zu machen? Mehr Zeit, um sich was neues für die lieben Kunden auszudenken?

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