Journal 21 präsentiert: Nabou

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Journal 21 präsentiert: Nabou

Von Journal21, 11.10.2011

In der westlichen Welt sind afrikanische Autoren noch wenig präsent. Heinz Hug, Deutschlehrer und Journalist, leistet nun einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der afrikanischen Literatur. In jahrelanger Kleinarbeit hat er eine Art Online-Lexikon über afrikanische und arabische Autoren erstellt. Journal 21 verlinkt dieses Lexikon.

Klicken Sie rechts auf unserer Frontpage auf den Banner „Nabou“. Dann öffnet sich etwas, das es bisher noch nicht gibt: eine Auflistung und Beschreibung vieler afrikanischer und arabischer Autoren. Und es werden immer mehr. „Fertig wird diese Website wohl nie“, sagt der Autor.

Heinz Hug wird in Zukunft auch für Journal 21 über afrikanische Literatur berichten. Wir baten ihn, uns zu erläutern, wie es zu diesem einmaligen Projekt gekommen ist. Hier sein Bericht.

„Ich werde immer wieder gefragt, wie ich denn dazu komme, über afrikanische bzw. arabische Literatur zu schreiben. In Wirklichkeit handelt es sich um eine lange und auch etwas komplizierte Geschichte.

Fast zwei Jahrzehnte habe ich mich – neben meinem Studium und danach neben meiner Teilzeitanstellung als Deutschlehrer in der Erwachsenenbildung – mit einem anderen Fachgebiet beschäftigt. Gegen Mitte der Achtzigerjahre merkte ich, dass diese Tätigkeit für mich keine Zukunft hatte. So begann ich eine andere „Nebenbeschäftigung“ zu suchen – nicht sehr bewusst, ich rutschte vielmehr da hinein. Während einiger Ferientage, die ich allein im Tessin verbrachte, las ich wie üblich neue Bücher aus der Schweizer Literatur.

Statt diese Bücher einfach zu lesen und dann wegzulegen, begann ich zwei Besprechung zu schreiben. Ich schickte die beiden Texte an verschiedene Zeitungen, und sie wurden tatsächlich gedruckt. Das war selbstverständlich eine Ermutigung, weiterhin Besprechungen zu schreiben. Mit der Zeit schrieb ich regelmässig für die „Zürichsee-Zeitung“ − zuerst hauptsächlich über Schweizer Literatur, und nach einiger Zeit schickte mir der damalige Kulturredakteur, Hans Reutimann, auch einmal einige literarische Bücher aus der „Dritten Welt“ zur Besprechung. Dass ich mich später auf diese Literatur konzentrierte, hat selbstverständlich tieferliegende Gründe.

Einen wichtigen Hintergrund bildet die Achtundsechziger-Bewegung. In diesem Zusammenhang wurde die „Dritte Welt“ zu einem wichtigen Thema: der Vietnamkrieg, das Verhältnis von Zentrum und Peripherie, der Neokolonialismus usw. Ich studierte während der Achtundsechziger-Zeit Germanistik und Geschichte – ich spezialisierte mich für das (Nebenfach-)Studium der Geschichte damals nicht auf dieses Gebiet, doch das erste Seminar, in dem ich eine Arbeit schrieb, galt dem Thema „Schwarze in den USA“.

Mitte der Achtzigerjahre hatte die „politische“ bzw. gesellschaftskritische Literatur in der Schweiz weitgehend der Innerlichkeitsliteratur Platz gemacht. Das bedauerte ich. In der Literatur aus Afrika und aus der arabischen Welt fand ich weiterhin eine starker Präsenz des Politischen bzw. Sozialkritischen. Das führte dazu, dass ich besonders diese Literatur besprechen wollte – und bald einmal musste ich einsehen, dass ich im Grunde nichts davon verstand. Ich besuchte Veranstaltungen (z.B. die Literaturbiennale in Dakar 1990, die „Interlit“-Literaturtage in Erlangen 1993) und Seminare, las Fachliteratur, die mir einen neuen Zugang zu diesen Werken eröffnete.

Ich lernte Autoren und Autorinnen aus Afrika und aus der arabischen Welt kennen. Allmählich kam ich immer mehr in dieses Thema hinein, ich bekam neue Publikationsmöglichkeit, ich schrieb nicht mehr bloss Besprechungen, sondern auch Porträts, Interviews usw. Neben der Engagiertheit der afrikanischen und arabischen Literatur gibt es noch andere eine Besonderheit, die mich immer wieder faszinierte: Die „moderne“ Literatur aus Afrika verfügt über mehrere Traditionen: die orale Tradition der afrikanischen Kulturen, die europäische Moderne, andere Literaturen aus der „Dritten Welt“. Diese komplexe Grundlage der afrikanischen Literatur bringt ausserordentlich vielfältige künstlerische Formen hervor.

Ein Autor, der diese Traditionen auf eine ganz besondere Weise nutzt, ist Ahmadou Kourouma (1927 – 2003). Er sagte: „Ich denke in Malinke und schreibe auf Französisch.“ Malinke ist seine Muttersprache, die er – vor allem in seinem ersten Roman („Les Soleils des indépendances“, 1970) – der französischen Sprache unterlegt. Seine vier wichtigsten Romane beschreiben auf eine sehr tiefschürfende und künstlerisch gelungene Art die Geschichte des subsaharischen Afrika. Er gehört sicher zu den Autoren und Autorinnen auf meiner Website, die mich am stärksten beeindruckten. Daneben liessen sich aber viele andere aufzählen, die mir ebenfalls äusserst wichtig sind. Zwei möchte ich noch hervorheben: den Algerier Rachid Boudjedra und Abdelrahman Waberi aus Djibouti, der seit Langem in Frankreich lebt. Auch wenn mir der gesellschaftskritische Bezug in den literarischen Werken Afrikas und der arabischen Welt sehr wichtig ist, so lege ich doch sehr viel Wert auf die literarische Gestaltung. Die drei genannten Autoren schreiben auf je ihre Weise eine ganz besondere Literatur. Dass ich mich stärker mit französisch geschriebenen Literaturwerken aus Afrika befasst habe, hängt vor allem mit den eigenen Sprachkenntnissen zusammen.

Es gibt auch einen persönlichen, psychologischen Hintergrund für mein Interesse an diesen Literaturen. In meiner Familie fühlte ich mich – aus verschiedenen Gründen – eher fremd, eher als Aussenseiter. Im Lehrerseminar, in das 1960 eintrat, begann ich mich für den damals in Gang befindlichen Unabhängigkeitskrieg in Algerien zu interessieren. Es waren immer Dinge abseits vom Mainstream, die mich interessierten. Auch was es immer die Sicht der „Opfer“, die mich stärker beschäftigte. In dieses Bild passen selbstverständlich die Literaturen aus Afrika und aus der arabischen Welt. Durch meine Tätigkeit im Zusammenhang mit der Literatur aus Afrika und aus der arabischen Welt kam ich mit der „Dritt-Welt“-Bewegung in Berührung.

Einige Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, mich da stärker zu engagieren. Allerdings sah ich dann davon ab – nicht zuletzt, weil ich mit der Bekanntschaft mit afrikanischen Autoren und Autorinnen zunehmend Distanz zur „Entwicklungszusammenarbeit“ der Länder des Nordens gewann. Zunehmend wurde mir klar, dass der Versuch, Literaturwerke aus Afrika bzw. aus der arabischen Welt an eine schweizerische Leserschaft zu vermitteln, mindestens so wichtig war wie Brunnen in Tansania zu bauen. Immer wieder erschrecke ich darüber, wie Menschen – durchaus auch gebildete – über Afrika und die geistigen Leistungen dieses Kontinents denken. Beizutragen, dass da ein anderes Bild entsteht, finde ich nach wie vor äusserst sinnvoll und notwendig. Allerdings bleibt mir immer weniger Optimismus.

Vor einigen Jahren begann ich mich mit der Frage der Pensionierung als Lehrer zu beschäftigen. Ich malte mir schon aus, dass ich dann wirklich Zeit hätte, mich mit der Literatur aus Afrika und aus der arabischen Welt zu beschäftigen. Leider fiel diese Zeit zusammen mit einer verschärften Entwicklung in den Printmedien: Es war immer weniger Geld vorhanden, das bedeutete immer weniger Platz, erst recht für die Literatur. Dass da die Literatur aus Afrika und aus der arabischen Welt nicht mehr sonderlich gefragt war, überraschte mich nicht. Die Publikationsmöglichkeiten wurden immer spärlicher – und auch kürzer! Es war nie einfach gewesen, ansprechende Publikationsmöglichkeiten zu finden; in dieser Zeit wurde es für mich aber nahezu unmöglich. Ich wollte nicht einfach so sang- und klanglos die Waffen strecken. So kam ich auf die Idee, die Texte, die ich zur Literatur aus Afrika und aus der arabischen Welt geschrieben hatte, aufs Internet zu stellen.

Ich machte mir eigentlich keine Illusionen darüber, wie viel Zeit dieses Vorhaben in Anspruch nehmen würde. Für die technische und die graphische Seite hatte ich in Nicole Kärcher und Josef Schätti ausgezeichnete Fachleute. Doch die Arbeit war immens: Ich musste zuerst einmal all das zusammenstellen, was ich über diese Literaturen geschrieben hatte. Ich musste die Texte lesen – überarbeitet habe ich sie nur in orthografischer Hinsicht. Ich musste die Texte vom Layout her für die Website vorbereiten. Ich musste eine Lösung für die Illustrationen finden. Nahezu zwei Jahre arbeitete ich daran, dass die Website www.nabou.ch endlich aufgeschaltet werden konnte. Fertig wird die Website wohl nie – das soll sie auch nicht. Doch dringende Arbeiten sind noch zu tun, vor allem die Vervollständigung der Kurzbiografien der Autoren- und Autorinnen.“

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