Italien in den Klauen des Teufels

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Italien in den Klauen des Teufels

Von Heiner Hug, Rom - 13.08.2021

Noch nie, seit Menschengedenken, war es im Belpaese so heiss.

Nicht einmal die sonnenhungrigen nördlichen Touristen freut es. Stöhnend, schwitzend und abgekämpft zwängen sie sich durch die Gassen Neapels und Roms. In Rom wurden am Donnerstag in der Innenstadt bis zu 45 Grad registriert. Schlimmer dran sind nur jene, die es in den Süden zieht.

Am vergangenen Mittwoch um 13.00 Uhr wurden im Städtchen Floridia westlich von Syrakus auf Sizilien 48,8 Grad gemessen. Das ist der höchste Wert, der je in Europa gemessen wurde. Damit wurden die bisherigen Spitzenwerte in den Sommern 1977 und 1999 weit übertroffen. Doch es könnte noch heisser werden. Laut ilmeteo.it könnte im Südosten Siziliens die 50 Grad-Marke geknackt werden.

«Lucifero»

Doch nicht nur die Spitzen-, sondern auch die Durchschnittswerte zählen. Laut einer Analyse von Coldiretti (Confederazione Nazionale Coltivatori Diretti) lag der Durchschnittswert im Juni um 2,18 Grad über dem historischen Durchschnitt, im Juli waren es immerhin 1,24 Grad.

Das afrikanische Hochdruckgebiet, das seit Tagen glühende Hitze aus der Sahara nach Italien bringt, trägt den Spitznahmen «Lucifero» (Teufel). Dieser Teufel hat dazu geführt, dass jetzt 16 italienische Städte zu «roten», also zu besonders gefährdeten Orten erklärt worden sind (bollettino rosso). Dazu gehören Rom, Florenz, Neapel, Ancona, Bari, Bologna, Bozen, Cagliari, Triest und Perugia.

«Treibt keinen Sport»

Der Zivilschutz rät dringend: «Treibt jetzt keinen Sport. Jogging kann tödlich sein.» Die Gesundheitsbehörden rufen die Bevölkerung auf, sich zwischen elf Uhr morgens und sechs Uhr abends möglichst nicht im Freien aufzuhalten. Älteren Menschen wird «dringend empfohlen», zuhause zu bleiben.

Die Hitzewelle trifft das Land ausgerechnet in der Woche vor Ferragosto und an Ferragosto (15. August) selbst. Diese Tage gehören in Italien zu den höchsten Feiertagen. Wegen der Hitze wurden bereits viele der geplanten Familienfeste und Veranstaltungen abgesagt.

Ein ausgestorbenes Land

Wer in diesen Tagen in Süditalien durch Städte und Dörfer fährt, erlebt ein ausgestorbenes Land. Kein Mensch auf der Strasse, die Geschäfte geschlossen. Es wirkt fast schon gespenstisch. «Zuerst hatten wir Corona und jetzt kommt noch diese unerträgliche Hitze dazu», sagen die Italiener. Und die Waldbrände.

Seit April hat es in weiten Teilen der beiden grossen italienischen Inseln und in Kalabrien, Basilicata und Apulien nicht mehr geregnet. Überall brennt es, Hunderte Feuer werden gemeldet.

Die meisten Feuer sind gelegt

Die Leute scheinen sich daran gewöhnt zu haben. Sie fahren auf der Autobahn an brennenden Wäldern und Feldern vorbei; und nur wenige scheint es zu kümmern. Laut Angaben der Behörden sind die meisten Brände gelegt. Feuer brachen jetzt auch in der Gegend von Linguaglossa bei Catania und in und rund um Palermo aus. Der berühmte Pinienwald von Catanzaro wurde verwüstet.

Dazu kommt das Übel der Abfalldeponien. Es ist längst bekannt, dass das Abfallproblem in Süditalien nicht gelöst ist. Viele der wilden Abfalldeponien in den Strassen fangen schnell Feuer.

Rotaugenmücke

Laut Coldiretti sind «Zehntausende Hektar Wald und mediterrane Macchia verbrannt. Überall tote Tiere, verkohlte Bäume, zerstörte Olivenhaine, Obst und Zitrusfrüchte fallen von den Bäumen, das Gemüse verkohlt, die Tiere leiden.» Die Hitze begünstigt zudem die Ausbreitung schädlicher Insekten wie der Asiatischen Wanze und der Rotaugenmücke.

«Es hat keinen Sinn, die Felder zu giessen», sagen die Bauern, «das Wasser verdunstet sogleich, die angetriebenen Pflanzen verkohlen in der Bruthitze.» Viele Bauern rechnen mit finanziellen Einbussen von bis zu 70 Prozent. Versicherungen gegen die Hitze hat kaum jemand.

«Es war ein Massaker»

Die Römer Zeitung La Repubblica zitiert die Bäuerin Giusy Pappalardo, die mit ihrem Sohn einen Bauernhof bei Floridia betreibt: «Es war ein Massaker. Alles auf unseren Feldern war tot, praktisch gekocht.» Das wenige Wasser, das zur Verfügung steht, wird für die Tiere gebraucht.

Letztes Jahr wurde das Gebiet von schweren Überschwemmungen heimgesucht. Viele Wasserleitungen wurden beschädigt oder gingen gar in die Brüche. Ein grosser Teil von ihnen wurde noch nicht repariert. Das macht während dieser Gluthitze-Zeit die Versorgung mit Wasser zusätzlich schwierig.

Aufgeheiztes Meer

Doch die heissen Sahara-Winde heizen nicht nur die Atmosphäre auf, sondern auch das Wasser. Das Meer erreicht dieser Tage  im südlichen Tyrrhenischen Meer und im Kanal von Sizilien Temperaturen von über 30 Grad an der Oberfläche.

«Dies ist kein Wasser mehr», schreibt die Zeitung La Nazione, «dies ist eine Suppe. Und das ist nicht gut.» Das mag zwar einige Badende freuen, doch dieses Wetterphänomen könnte zu aussergewöhnlich intensiven Windhosen und Tornados führen. Man spricht von «Medicanes», mediterranen Wirbelstürmen.

Das sehr warme Wasser hat auch sehr negative Einflüsse auf die Meerpopulationen. Viele Fische und Meerestiere leiden oder sterben gar. Anderseits lieben gewisse Quallen das warme Wasser und verbreiten sich nicht nur an Stränden.

Alles geht vorbei

Doch schon bald ist alles zu Ende. Nach Ferrragosto beginnt der Herbst. Dann heisst es, so die Römer Zeitung Il Messagero: «Auf Wiedersehen, Luzifer und deine höllische Hitze». Auf die heissen Temperaturen folgen dann Gewitter, Hagel und örtliche Wolkenbrüche. Man rechnet in Mittel- und Süditalien mit einem Temperatursturz von bis zu 12 Grad. Betroffen sein werden vor allem die Alpen, die Voralpen, die Po-Ebene, die Apenninen-Regionen, die Abruzzen und weite Teile Süditaliens. Auf 3000 Meter Höhe könnte sogar der erste Schnee fallen.

Die Italienerinnen und Italiener fürchten sich vor allem vor den bevorstehenden Stürmen und Wolkenbrüchen. Diese könnten zu Überschwemmungen und Bergrutschen führen.

«Rent a camel»

Doch die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.

Einer hat in diesem teuflischen Brutofen den Humor nicht verloren. «Wenn das mit dem Klimawandel so weitergeht», witzelt er zynisch, «wird Italien in einigen Jahren von Wüstensand bedeckt sein.» Dann würden keine Autos mehr verkehren. Nur Kamele würden dann durch das Land spazieren.

Er habe schon eine geniale Geschäftsidee. Er werde dann Kamele vermieten. Das werde ein «Bombengeschäft»: «Rent a camel».

Wie das Leben bei 48 Grad funktioniert kann man in Australien, im Landesinneren, beobachten. Ohne Wasserloch in der Naehe laeuft nichts mehr. Das Leben ist wasserlochzentriert.

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