Islamisch oder islamistisch?

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Islamisch oder islamistisch?

Von Gisela Blau, 22.08.2014

Erst wurde das Wort «islamistisch» zum Inbegriff des islamischen Fundamentalismus. Und heute wird es für militanten, islamisch motivierten Extremismus verwendet.

Es ist schwierig geworden, es richtig zu definieren und zu schreiben. Wann ist das Wort islamisch richig, wann islamistisch? Die Schweizer Islamwissenschafterin Amira Hafner-Al-Jabaji sagt, sie werde manchmal als Islamistin statt als Muslimin angesprochen. Das ist nicht gleich als bösartig zu werten. Es herrscht schlicht ein Wirrwarr der Begriffe. Islamisch bezieht sich auf die Religion Islam. Es gibt islamische Kunst und islamische Vereine. Islamismus bezeichnet etwas ganz anderes, war aber ursprünglich nicht unbedingt mit Gewaltanwendung verknüpft.

Jahrhundertelang gab es kaum sprachliche Kontroversen, doch dann überstürzten sich geopolitische Ereignisse, und es entstand ein heilloses begriffliches Durcheinander. Muslime empfanden es als beleidigend, wenn gewise Auswüchse als islamisch bezeichnet wurden und wehrten sich. Als Resultat wollten besonders die Medien keine justitiablen Fehler begehen und retteten sich in den Begriff des Islamismus, manchmal zu Recht, manchmal nicht. Slawistik blieb eine sprachlich harmloe universitäre Fachrichtung, aber Islamistik hiess nun eher Islamwissenschaft. Die Wissenschaft hatte unversehens ein teilweise anderes Vokabular als die Öffentlichkeit.

Politisierung und Ideologisierung

Was vor etwa 20 Jahren einsetzte und sich nach 9/11 akzentuierte, war eine ganz neue, manchmal undifferenziert angewendetee  Interpretation des Wortes Islamismus. Es bekam eine völlig andere Bedeutung. «Islamismus ist die Politisierung und Ideologisierung der ursprünglichen Religiion», ssagt Amira Hafner-Al-Jabaji. «Das neue Element ist die nicht zwingend, aber oft mit Gewaltanwendung angestrebte Durchsetzung dieser Ideologie.»

Die Öffentlichkeit mache keinen Unterschied mehr zwiscnen Islam und islamistisch, sagt die Wissenschafterin. Das hänge damit zusammen, dass dem «ismus» in anderen Religionen, zum Beispiel im Buddhismus, nicht das Element einer ideologischen Stossrichtung anhafte. Amira Hafner-Al-Jabaji rät zur reflektierten Verwendung des Begriffs Islamismus oder islamistisch: «Er ist immer negativ konnotiert gewesen.» Nichtexperten würden kaum mehr einen Unterschied machen, weder in den Medien noch im Mainstream.  

Die Islamwissenschafterin lehnt es ab, den im Mittleren Osten wütenden Milizen des «Islamischen Staats» das Wort «islamisch» zuzugestehen und sie damit in die Nähe des Islam zu rücken. Sie nennt sie bei der Abkürzung IS oder bestenfalls beim arabischen Namen: «Sie sind eine Pervertierung des Islam. Ihre Brutalität  hat nichts mit dem Islam zu tun. Sie sind nichts als eine willkürliche, verbrecherische Mörderbande.»

Terroristische oder radikale Komponente

Islamismus, sagt Reinhard Schulze, der Islamwissenschafter der Universität Bern, war ursprünglich der Name für «jedwede Artikulation im Öffentlichen Raum, wobei der politische Geltungsanspruch aus dem Islam abgeleitet wird». Die Wissenschaft behandle den Begriff neutal. Die Medien, so Schulze, «benützen jedoch dieses Wort, besonders nach 9/11, mit negativem Anstrich, um alles, was die terrostische oder radikale Komponente ausmacht, darzustellen.» Die Muslimbrüder in Ägypten, erklärt Schulze, können als Islamisten beschrieben werden, «wobei ihr Islamismus stark wertkonservative und populistische Züge hat und in einigen Fraktionen alten Fundamentalismus fortschreibt». Der Islamische Fundamentalismus sei der Name für die puritanische Neudeutung des Islam seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, wobei die Texte der islamischen Frühzeit (Koran, Prophetenüberlieferungen) als ethische Normen der Gemeinschaft gelten.

Ultrareligiös

Mit dem «Kalifat» im Mittleren Osten sei eine neue Dimension dazu gekommen, die den bisherigen Erfahrungshorizont der Muslime sprenge, erklärt der Islamwissenschafter. Schulze spricht deshalb in diesem Zusammenhang von ultraislamisch oder ultrareligiöös, und die Gräueltaten der IS bezeichnet er mit den Worten, die dazu gehören, wie Terror, Mord, Unmenschlichkeit, aber nicht mit dem Begriff islamistisch.

Die Bezeichnung «ultrareligiös» oder «ultraislamisch» sei in der Tat nicht unproblematisch, sagt SChulze: «Allerdings benutze ich sie bewusst. Mit dem Präfix ultra- wird zum einem etwas „jenseits“ dessen, was das folgende Wort bedeutet, zum anderen (seit dem frühen 19. Jahrhundert) eine radikale, extreme Qualität eben dieses Wortes bezeichnet. Der Doppelsinn „exzessiv religiös seiend und zugleich jenseits der Religion stehend“ soll aus guten Gründen aber nur auf die islamischen Ultras der zeitgenössischen salafīya bezogen werden. Am sichtbarsten sind ultrareligiöse Gemeinschaften wie die ISIS (dawla, dā῾iš) in Syrien und Irak, teilweise unter den Taliban in Afghanistan, unter den anṣār aš-šarī῾a in Tunesien und in Libyen sowie im Südjemen.»

Trotz den Erläuterungen und Definitionen der Expertrn wird es für die Öffentlichkeit und die Medien keineswegs einfadher, sich im schnell wachsenden Dschungel der Begrifflichkeit zurecht zu finden und sich nicht zu verirren.

Ich würde für politische Richtungen unbedingt bei IslamISTISCH bleiben. Was würde eine Steigerung von Islamischem sein? Sufismus oder Wahabismus? Salafismus oder Ausbau moderner Rechtsschulen? Das gibt keine politische Richtung ab.
In Europa haben wir "national" bis "nationalistisch" für ein dem Islamismus verwandtes politisches Konzept zur Verfügung. Es meint die Transzendenz von Klassen und von Fortschrittsperspektiven ( rechts-links). In Islamischen Ländern geht das nicht, weil die muslimische Überwindung der Stämme nicht Superstämme sind sondern die Umma und Innovation als Häresie erscheinen kann. Wie eine nationale Orientierung bei uns von allgemeinem Grundmuster bis völkissch-faschistisch gehen kann, ist ein mindestmass an Islamismus bei Muslimen ebenfalls üblich ("Verfassung soll Scharia-inspiriert sein") bis zu "Scharia IST die Verfassung".
Als uns 1993 die links-rechts-Dimension abhanden kam, haben es Experten bezeichnenderweise zuerst mit Begriffen wie "religiöser Nationalismus" anstelle von "Islamismus" versucht. Siehe Büchertitel wie "The New Cold War? Religious Nationalism Confronts the Secular State (Comparative Studies in Religion and Society)... Ed. Mark Juergensmeyer".

Werner T. Meyer

Eine weitere Bemerkung fällt mir noch nachträglich ein. Die Angehörigen der Religion heissen Muslime. Das Wort "Islame" gibt es nicht. Ich würde raten auch das adjektiv "islamisch" zu vermeiden und es durch "muslimisch" zu ersetzen. Dann wird die Verwechslung zwischen "islamisch" und "islamistisch" leichter vermieden.

Ich gebrauche "Islamismus" für ideologisierten Islam.Mir scheint, dass auch das nicht Fachpublikum das verstehen sollte, weil im Deutschen oft (nicht in jedem Fall) Ideologien mit der -ismus Endung bezeichnet werden: Nationalismus, Kommunismus, Patriotismus, Chauvinismus, Liberalismus, Sozialismus, Nazismus etc. Die Islamistische Ideologie behauptet, wenn man dem Islam folge, so wie der entsprechende Ideologe ihn auslegt, werde alles gut werden. Das Heil der Welt komme dann - wie das viele Ideologien versprechen. Die Mittel mit denen die Islamisten arbeiten wollen, um ihre Ideologie zu fördern, können gewaltlos sein, Überzeugungsarbeit, oder gewalttätig, kriegerischer Zwang, Blutvergiessen. Zur Unterscheidung sind daher "gewaltlos" und "gewaltwillig" angebracht. - Kurz gefasst: "Islam" ist eine Religion; "Islamismus" eine Ideologie, die den Islam zu benützen sucht.

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