Indien – Fussballwüste mit Potenzial

Bernard Imhasly's picture

Indien – Fussballwüste mit Potenzial

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 14.06.2014

Hat Indien noch nie an einer Fussball-Weltmeisterschaft teilgenommen? Doch, einmal, fast.

Die Einladung an die erste WM in Brasiien – jene von 1950 - an die ‘All India Football Federation’(AIFF) war eingetroffen. Doch die Inder lehnten ab. Sie wollten nicht,  dass die ganze Welt ihnen auf die Füsse trat.

Bei Olympia 1948 barfuss dabei

Bereits an den Olympischen Spielen hatte ein indisches Team teilgenommen. Das war 1948 gewesen. Es waren die ersten Spiele nach dem Krieg, eigentliche ‘Hunger Games’, in einem Nachkriegs-London voller Zerstörung und Not. Es schien wie eine nette Geste, als die indischen Spieler barfuss spielten.

Sie schieden rasch aus, und es ist nicht klar, warum sie so früh wieder ihre Schuhe anziehen und abreisen mussten. Vielleicht hatte ihnen das Wetter mitgespielt. England ist bekanntlich ein Regenloch, und dies wird das Standvermögen der Spieler auf eine harte Probe gestellt haben. Fussballstollen wachsen schliesslich weder auf den Bäumen noch unter den Füssen. Beim ‘Tackling’ fehlte ihnen so mit Sicherheit die Bodenhaftung. Beim ‘Sliding’ allerdings gehörten sie zu den Besten. 

1950 qualifiziert, aber nicht hingereist

Überhaupt der Bodenkontakt! Dafür hatten sie ein direktes, hautnahes Gefühl, zumindest wenn es nicht regnete. Blogger aus Kalkutta – die Stadt ist Weltmeister in ‘Lost Causes’, zuletzt war es der Kommunismus – spekulieren, dass die Spieler stehende Bälle vermutlich mit Voll- oder Innenrist schossen, und Pässe mit dem Aussenrist gaben. Das Spitzeln wurde aus verständlichen Gründen vermieden, besonders wenn das Wetter nicht mitmachte und die Zehen froren. Eine rasche Auswechslung war dann die Folge. Ein abgerissener Zehennagel kann sehr schmerzhaft sein, und wahrscheinlich waren im es indischen Support Team keine Pedicure-Spezialisten.

Indien war also bereit, als zwei Jahre später (1950) die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien angesagt war, die erste nach fast zwanzig Jahren. Für die Teilnahme-Qualifikation war es der Asiengruppe mit Burma, Indonesien und den Philippinen zugeteilt worden. Doch die drei Letztgenannten erklärten alle Forfait, sodass Indien automatisch qualifiziert war. Der AIFF war auf dieses Lotterieglück nicht gefasst und hatte versäumt, das Team von 1948 rechtzeitig zusammenzurufen. Mit dem Rücktritt der drei anderen Asien-Länder konnte er auch keine Trainingsspiele mit gleichwertigen Gegnern mehr einschieben.    

Verzweifelte Ausrede

Deshalb sagte der Fussballverband eine Teilnahme kurzerhand ab. Als Grund gab er an, es fehlten die finanziellen Mittel, um die Reise zu bezahlen. Doch die Organisatoren der Spiele zeigten sich grosszügig und boten die Übernahme der Reisekosten an. Es hatte bereits andere Verzichte gegeben, und die FIFA war verständlicherweise besorgt, dass es für die Spiele der  Ausscheidungsrunde nicht genügend  Vierergruppen geben würde.

Der Verband war gewissermassen ausgespielt. In der Verzweiflung streute er das Gerücht, Indien werde nur mitmachen, wenn es barfuss spielen dürfe. Es wusste natürlich, dass die Regeln der ‘Coupe Jules Rimet’ dies nicht zuliessen, obwohl das brasilianische Klima den indischen Barfüssern viel besser bekommen wäre.   

In Brüssel 10:1 gegen Jugoslawien

Die FIFA versuchte zu verhandeln, aber der AIFF war des Spiels müde. Offiziell teilte er den Organisatoren mit, Indien bevorzuge ohnehin den Fussball innerhalb der Olympischen Bewegung, wo die Ertüchtigung des Körpers, von Kopf bis zum baren Fuss, im Zentrum stehe.

Und tatsächlich, wiederum zwei Jahre später, bei den Olympischen Spielen von 1952 in Brüssel,  beteiligte sich ein indisches Team. Es spielte sein erstes Spiel, barfuss, gegen Jugoslawien. Leider verlor es, mit 10-1. Das indische Ehrengoal war ein Kopftor.

Milliardenvolk – und fast keiner spielt Fussball

Aber nun will Indien wieder bei den Grossen mitspielen. Und die FIFA macht mit. Der Zürcher Weltverband weiss ohnehin nicht, was er mit den vielen hundert Millionen Franken anfangen soll, die unter der Bahnhofstrasse liegen. Und so investiert er in Trainingsplätze in Indien. Man denke: Ein Volk von 1.2 Milliarden Menschen, und noch spielt keiner (pardon: fast keiner) Fussball! Das lässt die Dollarzeichen in Sepp Blatters Augen wie Binntal-Kristalle aufblitzen.

Für eine WM reicht’s noch einige Zeit nicht. Aber man muss klein anfangen: Im Jahr 2017 wird Indien die Junioren-WM ausrichten. Als organisierender Staat verfügt es über eine Freikarte. Und Adidas ist der Sponsor.

 

       

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren