In der Durcheinandergesellschaft

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In der Durcheinandergesellschaft

Von Christoph Kuhn, 16.02.2021

Am 13. Februar ist in Berlin der aus Solothurn stammende Urs Jäggi im Alter von 89 Jahren gestorben.

Er war ein Ausnahmekönner und ein Multitalent. Ein rastloser Arbeiter. Dabei ein liebenswerter, grosszügiger Mensch, unprätentiös trotz all seiner Erfolge. So ernst, so hart und schmerzhaft seine Essays, seine Erzählungen und Romane formuliert sein mochten, so sehr konnte der lange, meist schwarz gekleidete Mann lachen. Ein kauziger Humor war ihm eigen, man fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft.

Ungewöhnlich sein Werdegang. Nach einer Banklehre, mehrjähriger Berufsausübung und nachgeholter Matura studierte Jäggi in Genf, Berlin und Bern, wurde Professor für Soziologie in Bern, Bochum, New York und Berlin. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk enthält wissenschaftliche Texte, Essays, Erzählungen, Romane. 1969 erschien sein Buch «Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik» und wurde ein Bestseller, eine Art Bibel für die damalige Studentenschaft, die ihn berühmt machte. Mit den Romanen «Brandeis» (1978) und «Grundrisse» (1981) etablierte er sich als belletristischer Autor. In vorgerücktem Alter begann er zudem eine Karriere als bildender Künstler, lebte teils in Berlin, teils in Mexiko.

Seine Essaysammlungen und Erzählungen der letzten Jahre verblüfften einen stets aufs Neue: stilistisch sind sie mit der Lust, der Leidenschaft, dem Furor eines jungen Mannes geschrieben und inhaltlich sind sie  aus dem reichen Erfahrungsschatz eines betagten Zeitgenossen gespiesen, der an allem interessiert ist, an Politik und Psychologie, an Utopie und nächster, alltäglicher Realität. «Durcheinandergesellschaft» heisst eines seiner späten Bücher; der Untertitel lautet: «Versuch, die Gegenwart zu verstehen». Titel und Untertitel charakterisieren aufs beste den Allround-Künstler Jäggi. Da versucht ein scharfsinniger Analytiker, Licht und Sinn ins gegenwärtige gesellschaftliche Durcheinander zu bringen und setzt dabei alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein: wissenschaftliche Erkenntnisse so gut wie fiktive, fantastische Szenen und Bilder, streng logische Beweisführungen und dichterisch experimentelle Formulierungen.

Im Erzählband «Heimspiele» (2015) ist die Welt ganz aus den Fugen geraten. Nichts ist sicher, die Realität nicht zuverlässig real. Chimären drängen sich ins Bewusstsein der handelnden Personen und manipulieren, verändern sie. Die Erzählungen handeln oft von sensiblen Existenzen am Rande der Gesellschaft. Sie bewegen sich in Räumen und Atmosphären, die dem Autor vertraut sind, Autobiografisches fliesst in die Geschichten ein. Eindrückliche Bilder begleiten und veranschaulichen die Handlungen und machen aus Jäggis Prosa ein vielschichtiges Kunstwerk, das einem beim wiederholten Lesen immer wieder neue Perspektiven eröffnet. – Man wird den lieben Urs und seine Schöpfungen schmerzlich vermissen.

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Ich habe Urs Jäggi gekannt, er besuchte mich wenn er in Mexiko war. Sein Buch: "Wie Wir" als Titel, hat eine zwei-
sprachige Bedeutung, weil auf Spanisch genauso ausgesprochen wie im Deutschen versteht sich als Vivir, Leben und ich kann mich an seinen enorm starken Lebenswillen erinnern.....

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