Immer mehr Iranerinnen legen den Schleier ab

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Immer mehr Iranerinnen legen den Schleier ab

Von Journal21, Iran Journal, Nasrin Bassiri - 01.08.2019

40 Jahre lang galten Frauen im Iran als Barometer: Man konnte an ihrer Kleidung und ihrem Make-up erkennen, wie frei sich die Menschen dort fühlten und wie fest die Machthaber im Sattel sassen.

Die Regierenden und ihre Sittenwächter haben so ziemlich alles probiert, um Kleidung und Verhalten von Frauen zu regulieren: Haftstrafen von bis zu 20 Jahren für das Ablegen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit, 38 Jahre Haft gar für die Anwältin Nasrin Sotoudeh, die öffentlich gegen den Schleierzwang protestierende Frauen verteidigte. Nun sind sie offensichtlich gescheitert.

„Ich schwöre bei Gott, dass es uns keinen Zoll weiterbringt, der Schleierproblematik mit den Instrumenten der Justiz zu begegnen.“ Diesen Satz sagte der oberste Staatsanwalt des Iran, der Geistliche Mohammad Jafar Montazeri, bei einem Treffen der gelehrten Elite der islamischen Hochschulen des Iran vor zwei Jahren.

Nicht mehr vor Gericht gestellt

Viele junge Frauen, die sich nicht wie vorgeschrieben islamisch kleideten und ihr Haar bedeckten, kämen, so Montazeri, aus Familien, die ihren Kindern dies nicht beigebracht hätten. Sie trügen Hijab nicht streng nach den Islamischen Regeln, weil sie durch die Erziehung auch einen lockeren Hijab in Ordnung finden. Einige, die ihre Haare nicht vorschriftsmässig bedeckten, glaubten gar nicht an den Islam, sie seien Laizisten oder hätten eine andere Religion. Nur wenige von ihnen wollten damit die islamischen Werte absichtlich herausfordern, so der oberste Staatsanwalt, und weiter: Wenn die Ordnungskräfte alle Frauen, die keine islamische Kleidung tragen, verhaften würden, würde das zu einem Gesichtsverlust des Islam führen und der islamischen Ordnung schaden. „Schuld daran, dass die Frauen heute keine ordentliche Kopfbedeckung mehr tragen, sind die Schulen, die Geistlichkeit, die Hochschulen, wir alle.“

Hossein Rahimi, Oberbefehlshaber der Teheraner Polizei, hat bereits Ende 2017 verkündet, dass Frauen, die sich nicht islamisch kleideten, ab sofort nicht mehr vor Gericht gestellt, sondern angehalten würden, an Schulungen teilzunehmen, um „sich zu bessern“. Die Nachrichtenagentur Tasnim zitierte Rahimi weiter: „Die Ordnungskräfte werden generell mehr soziale Massnahmen ergreifen, um das Verhalten von Bürgern zu regulieren. Wenn wir Gerichte einschalten, wird kurzfristig eine Person verurteilt. Aber wir versuchen, Verständigung zu erzielen, die nachhaltiger ist als eine einzelne Verurteilung.“ Wer aus Fahrlässigkeit der Würde und dem Ansehen des Islam schade, werde künftig nicht mehr festgenommen und nicht mehr vor Gericht gestellt. Für entsprechende Schulungen soll es laut Rahimi allein in Teheran 100 Beratungszentren der Polizei geben.

Warnung per SMS

Immer mehr iranische Frauen legen ihre Kopftücher ab, wo sie nur können. In bestimmten Stadtvierteln, in Restaurants, in Erholungsgebieten, beim Wandern oder einfach so auf der Strasse. Viele tragen einen Schal um die Schultern, damit sie gegenüber plötzlich auftauchenden Sittenwächter und Ordnungskräften erklären können, ihr Kopftuch sei eben heruntergerutscht.

Schon seit einigen Jahren nehmen viele Frauen in ihren Autos die Kopftücher ab. Seit einiger Zeit verschicken Ordnungskräfte oder Sittenwächter deshalb Warnungs-SMS an die jeweiligen Fahrzeughalter. Sie lauten: „Guten Tag, Halterin des Fahrzeuges mit dem amtlichen Kennzeichen … Die Fahrerin bzw. Mitfahrerin hat in Ihrem Fahrzeug die Gesetzwidrigkeit begangen, das Kopftuch abzulegen. Um die Wiederholung der Tat zu verhindern, warnen wir Sie hiermit. Sicherheit und Sittenpolizei der NAJA.“ NAJA ist die Abkürzung für „Ordnungskräfte der islamischen Republik“. Die Adressatin der SMS muss binnen 72 Stunden die Sicherheitspolizei für Moral ihres Bezirkes aufsuchen.

Nicht nur in Privatfahrzeugen legen die Frauen furchtlos ihre Kopftücher ab. Es wird berichtet, dass auch in den inländischen Touristenbussen zu den Sehenswürdigkeiten des Landes Vorhänge zugezogen werden und laute Musik gespielt wird. Der Bus wird zur Partyzone, Frauen legen Kopftücher und Mäntel ab und tanzen in ärmellosen Tops. Männer begleiten sie, Kinder klatschen, Ältere schauen zu oder machen ein Nickerchen, junge Leute trinken alkoholhaltige Getränke, erzählen Witze, lachen und amüsieren sich. Fühlten sich dabei nicht alle Beteiligten verstanden und sicher, würden sie nicht so gelassen gegen die strengen Regeln verstossen. Doch offenbar fürchten weder die Fahrer, ihre Stellen zu verlieren, noch fürchten Reiseveranstalter oder Publikum Geldstrafen oder Peitschenhiebe.

Ohne Herzklopfen und Stress

Die Ordnungskräfte arbeiten für den Apparat. Aber auch sie leben in diesem Land, haben Geschwister und erwachsene Söhne und Töchter, die zur Schule gehen oder Unis besuchen, haben Kollegen und Nachbarn und sehen und spüren, dass das Ganze nicht zeitgemäss und von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewollt ist. Ältere unter ihnen haben vielleicht jahrzehntelang versucht, die islamischen Werte zu wahren, und sehen nun, dass nicht einmal die Kinder und Kindeskinder der Machthaber und Ayatollahs, der Bürgermeister, Minister, Botschafter und Gründer der islamischen Republik sich an die Regeln halten. Reich geworden durch ihre Eltern studieren sie im Ausland, im Iran feiern sie in ihren eigenen geschützten Räumen wilde Partys, konsumieren Drogen und wohnen unverheiratet mit ihren Partnern zusammen.

Das Übertreten von Kleiderordnung und Verhaltensregeln ist normal geworden. Die Menschen setzen sich ohne Herzklopfen und Stress über sie hinweg und fühlen sich in dieser Gemeinsamkeit verbunden. Das konspirative Miteinander putscht etwa die, die trotz des Gesangverbots für Frauen in der Öffentlichkeit singen, und die Reisenden im Touristenbus auf. Es sorgt für eine Portion Glück, das Gefühl, die erstickenden Einschränkungen und Kämpfe im Alltag zu überleben wie Schwimmer, die für einen kurzen Moment die Köpfe aus dem Wasser strecken, um Luft zu holen. So beschreibt es Mina, eine Frau Mitte 30, lächelnd – ihr Name ist zu ihrer Sicherheit geändert.

Ein Bus als Disco

Eine in Deutschland lebende Frau berichtet von einer Reise in den Iran im Frühjahr 2019. Sie habe mit ihrer Cousine eine preiswerte eintägige Busreise in eine Bergregion gebucht. Die Reise kostete soviel wie ein Abendessen in einem guten Teheraner Restaurant, berichtet sie. Start war um 4 Uhr früh. Am Treffpunkt sei sie von einem jungen Publikum zwischen 20 und 25 Jahren überrascht worden, darunter viele Pärchen. Kurz nach dem Start wurden die Lichter im Bus angemacht und die Vorhänge zugezogen, die jungen Frauen entpuppten sich als Cinderellas, der Bus als sicherer Ort für unverschleierte Frauen. Alle Männer und Frauen sollten tanzend bis zum Fahrer vorgehen, sich mit Namen vorstellen und erklären, ob sie verheiratet oder nur „versprochen“ seien. Wer die Tanzschritte bis nach vorne nicht wagte, sollte für alle Eiscreme kaufen. Einige Pärchen hätten küssend in den Sitzen gesessen, der Rest tanzte die ganze Fahrt über. Aus einer Thermoskanne sei alkoholhaltiges Getränke ausgeschenkt worden. Ihre Bitte, zeitweise die Vorhänge zu öffnen, damit sie die schöne Landschaft bewundern könne, wurden überhört, so die Erzählerin.

Die Machthaber scheinen sich nicht eingestehen zu wollen, dass sie die Bevölkerung, vor allem jüngere Männer und Frauen, nicht länger durch Gewalt und Haftstrafen zähmen können. Dennoch versuchen sie wie Sterbende mit wilden Zuckungen die Reste des Schleiers als Zeichen ihrer Vormachtstellung zu retten. Es sind zahlreiche Offiziere in Zivil und Sittenwächterinnen – als Passanten getarnt – unterwegs, die mit Frauen, die ihre Kopftücher ganz ablegen wollen, diskutieren. Es gibt Demonstrationen verschleierter Frauen und die Woche des Hijabs und der Keuschheit – in diesem Jahr vom 6. bis 12. Juli –, wo die staatlichen Medien für strengere islamische Kleidung werben.

Drei Frauen aus dem Regierungslager

Doch einen Strich durch die Rechnung ziehen ihnen nicht nur drei gebildete Frauen, die zu den Familien der Machthaber gehören – und sich deutlich gegen den Schleierzwang aussprechen. Shahindocht Molaverdi, die ehemalige Stellvertreterin für Frauenangelegenheiten von Staatspräsident Rouhani, kritisierte immer wieder das Vorgehen der Sittenwächter gegen Frauen, die sich nicht an die islamische Kleiderordnung halten, und warnte, dass solche Massnahmen keine Wirkung haben würden, sondern die islamische Kleiderordnung neu überdacht werden müsse. Im März 2018, sechs Monate vor ihrem Rücktritt als Rouhanis Stellvertreterin, kritisierte Molaverdi Aftab News gegenüber das Gesetz über die Kleiderordnung indirekt und sagte: „Wenn ich keine staatliche Funktion innehätte, könnte ich freier meine Meinung äussern. Nun wird alles, was ich sage, zwangsläufig als  Aussage der Regierung gewertet. Aber ich sage soviel: Solange das Gesetz zur islamischen Kleiderordnung noch existiert, muss man es achten. Dennoch heisse ich persönlich die gewalttätige Vorgehensweise gegen die Frauen der Enghelab-Strasse (Revolutionsstrasse) nicht gut.“

Faezeh Hashemi, die Tochter Akbar Hashemi Rafsanjanis, neben Ayatollah Ruhollah Khomeini der zweitmächtigste Mann der islamischen Republik, nannte in einem Interview, das ich mit ihr Mitte 2018 für den „Spiegel“ führte, die Frauen, die in der Teheraner Enghelab-Strasse aus Protest gegen den Schleierzwang ihre Kopftücher ablegten, „mutige Frauen“, die berechtige Forderungen hätten. Die gegen diese Frauen verhängten hohen Haftstrafen nannte sie „ungerecht und unfair: Sie weisen in die falsche Richtung. Die Frauen sollten weitermachen und nicht nachgeben. Die digitalen Medien bieten heute Gelegenheit, von solchen Protesten Notiz zu nehmen. Das führt zur Ausweitung der Proteste und den Forderungen wird  damit Nachdruck verliehen.“

Fatemeh Sadeghi ist die Tochter von Ayatollah Sadegh Khalkhali, der von Khomeini, dem Gründer der Islamischen Republik, wenige Tage nach der Machtübernahme im Februar 1979 zum obersten Richter des Revolutionsgerichts ernannt wurde. Er war ein erbarmungsloser Richter, der die meisten und die schnellsten Todesurteile verhängte. Vom Volk wurde er „Blutrichter“ genannt. Khalkhali wurde im Sommer 1979 aufgrund zahlreicher Beschwerden über seinen sadistischen Stil, Urteile zu fällen, vom Revolutionsrat zeitweise abgelöst. Seine Tochter Fatemeh Sadeghi, Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin, erklärte vor einigen Jahren in einem Interview, warum sie die Zwangsverschleierung ablehne:

„Als man mich als Kind zwang, vor gleichaltrigen Jungen aus der Verwandtschaft, die meine Spielgefährten waren, ein Kopftuch zu tragen, brach ich innerlich zusammen. Ich stand wie gelähmt da und sah, wie die Jungen mir mit ihren Blicken sagten: Siehst Du, nun bist Du uns doch unterlegen. Es ging nicht nur um ein Tuch; wenn ich spielte, hörte ich von rechts und links kritische Anmerkungen: Sitze richtig! Ziehe Dein Kleid zurecht! Du sollst Dein Kopftuch nach vorn ziehen! Dein Schleier sitzt nicht richtig, man kann Deinen Hals sehen! Eine Haarsträhne schaut heraus! Ich habe nie verstanden, warum ich all dies über mich gehen lassen sollte. Als ich den traditionellen schwarzen Umhang ablegte und trotz Ängsten und Unsicherheit nur noch Mantel und Kopftuch trug, war das sehr spannend für mich, denn ich habe die sozialen und politischen Privilegien, die mit dem traditionellen Umhang verbunden waren, gerne abgegeben.“

Nun ist Sadeghi promovierte Politologin und Frauenrechtlerin und gegen den Schleierzwang. Bei ihren Auftritten im Ausland trägt sie kein Kopftuch.

Mit freundlicher Genehmigung Iran Journal

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