„Ich schäme mich als Jude und als Israeli“

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„Ich schäme mich als Jude und als Israeli“

Von Uri Russak, Israel* - 01.12.2014

Am Samstag ist auf eine jüdisch-arabische Schule in Jerusalem ein Brandanschlag verübt worden. Die Täter hinterliessen rassistische Graffiti wie „Tod den Arabern“.

Im März 2001 fuhren mein Freund Said Abu-Shakra und ich nach Jerusalem, um an der Grundsteinsetzung der von der Jerusalem Foundation geplanten arabisch-jüdischen Schule teilzunehmen. Vreni Müller-Hemmi, damals Präsidentin der Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI), und Felix Gutzwiller, damals FDP-Ständerat und Präsident der Jerusalem-Foundation, waren dort und sprachen.

Brennende Bücher - ein böses Zeichen

Die Schweiz war auch durch zwei Offiziere (einen Oberstleutnant und einen Hauptmann) in goldverbrämten Uniformen vertreten, und weitere Schweizer Prominenz war präsent – es ist schon lange her und an Einzelnes kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war ein festlicher Akt und mein arabischer Freund Said Abu-Shakra war beeindruckt. Es war sein erster wirklich direkter Kontakt mit Schweizern, die sich für Israel und all dessen Bürger einsetzen.

Und nun ist am Samstag diese Schule von jüdischen Fanatikern angezündet worden. Ein Schulraum von Erstklässlern brannte aus. Das Feuer, so die Presse, wurde durch einen von den Tätern erstellten Bücherhaufen entfacht.  Jetzt verbrennen also auch Juden Bücher. Wohin das führt, demonstrierten die Bücherverbrennungen in Nazi-Deutschland. Heinrich Heine schrieb lange vor Hitler: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Die Nazis haben diesen prophetischen Spruch ins Praktische umgesetzt, in gewissen islamischen Ländern geschieht ähnliches.

Sind jetzt durchgeknallte Juden an der Reihe? Das Volk des Buches, dem das Buch der Bücher entsprang? Mein Entsetzen ist grenzenlos, ich schäme mich als Jude und als Israeli. Entschuldungen gibt es keine, das Absinken jüdischer Kultur in solche Niederungen ist unentschuldbar, die Täter sind mit der Zerstörung kultureller Güter durch die Taliban und ISIS zu vergleichen. Es geht nicht nur um die Bücher per se. Es geht um die Ideologie des Hasses, die dahintersteht. Die Täter sind eine kleine Minderheit in Israel – doch werden sie durch den Staat kaum bis gar nicht bekämpft.

Verständnis und Versöhnung  - eine Verrücktheit?

Es gibt in Israel mehrere jüdisch-arabische Schulen. Einer meiner Enkel besuchte diejenige in Nordisrael. Jüdische und arabische Kinder lernen zusammen. Jede Klasse wird von zwei Lehrern betreut, einem arabischen und einem jüdischen, sodass in beiden Sprachen gelehrt wird - Hebräisch und Arabisch. Dazu gehört auch das Leo-Baeck-Gymnasium in Haifa, eine Elite-Schule, die nach dem Reformrabbiner Leo Baeck aus Berlin benannt ist und zur Bewegung des Reformjudentums gehört. Diese Schulen sind privat und teuer und werden meist von Kindern aus eher vermögenden Familien besucht.

Doch, es sind eben diese Kreise, die in die verfahrene Situation zwischen israelischen Arabern, die 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, ein Zusammenleben, das diesen Namen verdient, voranbringen könnten. Die Situation ist heute leider so, dass von gewissen jüdischen Kreisen fast jeder, der sich für arabisch-jüdische Annäherung und ein versöhnliches Zusammenleben einsetzt, als verrückt oder gar als Verräter gesehen wird. Eine Feststellung, dich ich unzählige Male selbst erlebt habe.

Ein Damm ist gebrochen

In einem empathischen und  eindrucksvoll geschriebenen Artikel „Der wahre Preis des Terrors“  in der NZZ vom Montag beschreibt der israelische Autor,  Yali Sobol, die heutige Situation des wachsenden gegenseitigen Hasses zwischen Juden und Arabern im Land, der heute weiter geschürt wird. Zwar ist der arabische Hass auf Israel und Juden nichts Neues und weit älter als der Staat der Juden, sein wachsendes Ausmass aber schon.

Heute sind vermehrt auch jüdische Israelis eingeknickt und wählen den einfachen Weg, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Sie haben den Weg zu Hass und Rassismus gefunden - etwas, das bisher nur einer relativ kleinen Anzahl jüdischer Extremisten vorbehalten war. Doch ein Damm ist gebrochen, heute wird der Ruf nach physischer Trennung zwischen Arabern und Juden immer schriller und Terrortaten finden immer mehr Verständnis. Terrorversteher fanden sich bisher fast ausschliesslich auf der arabischen Seite. Nun scheint sich ein ähnliches Phänomen  für jüdische Terrortaten gegenüber anderen – Arabern, Christen etc. – auszubreiten.

Keine Änderung in Sicht

Zwar gibt es noch immer Israelis, die sich öffentlich und privat, als Organisationen und als Einzelpersonen, für Verständnis und Versöhnung zwischen  Juden und Arabern aussprechen und sich dafür aktiv einsetzen. Auf arabischer Seite ist ähnliches Verhalten leider eine Seltenheit.

Doch ein Aufrechnen des beidseitigen Terrors wäre Unsinn. Selbst wenn israelische Araber ihre Situation (zumindest innerhalb der anerkannten israelischen Grenzen) in der Öffentlichkeit übertreiben und ihre eigenen Politiker im israelischen Parlament sich vehement beklagen – es liegt an der jüdischen Mehrheit und an der Knesset (Parlament), eine Lösung voranzutreiben. Doch der bestehende gegenseitige Hass und der Unwillen beider Regierungen (Nethanyahu und Abbas), wirkliche Verhandlungen zu führen, verhindert das. Eine Änderung ist nicht in Sicht.

*Der Autor ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt mit seiner Familie in Israel.

 

 

Kommentare

sehr guter Artikel. Nur die Frage sei erlaubt: Ist es sicher dass die Schule von jüdischen Hitzköpfen angezündet wurde.? Palästinenser können auch Ivrith und vielen passt es wohl nicht, dass da eine jüdisch arabische Schule existiert. War nur eine Frage.

Uri Russak hat leider recht. Es ist traurig, dass sich jüdische Menschen auf das Niveau von palästinensischen Terroristen herablassen. Auch wenn es sich bei diesen dummen Hitzköpfen um eine verschwindend kleine Minderheit handelt, richten sie doch grossen Schaden an. Ich bin überzeugt, dass der weitaus grösste Teil der israelischen Juden so denken, wie Uri Russak. Auch meine vielen Bekannten in Israel schämen sich über das unwürdige Verhalten dieser Verbrecher. Die meisten Israelis wollen ein friedliches Miteinander mit ihren arabischen Landsleuten. Gott sei Dank gibt es auch unter den arabischen Israelis Leute, die stolz auf ihr Land sind; so z.B. der junge Moslem Mohammed Zoabi: „A Proud Israeli Arab Muslim Zionist“ (google). Wegen seiner mutigen Worte musste er inzwischen ins Ausland flüchten. Ich bin überzeugt, dass er sich auch von dort aus für den Frieden in Israel einsetzen wird.

Wie geht das? Ein Artikel in dem die Worte Jude, Araber, Israel und Hass vorkommen und keine wütenden Kommentare? Macht die Welt Fortschritte oder schreiben die bloss wo anders?

Reagieren Sie nicht mit Schuldgefühlen, Herr Russak. Damit fügen Sie sich nur selbst Schaden zu. Knüpfen Sie Kontakte zu Menschen, die nicht von Hass und Gewalt bestimmt sind. Es gibt keine Alternative zu einem friedlichen Zusammenleben bei gleichen bürgerlichen Rechten aller Menschen in Israel und den besetzten Gebieten. Seien Sie einfach ein gutes Vorbild.

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