«Ich möchte Mozart guten Gewissens gegenübertreten»

Annette Freitag's picture

«Ich möchte Mozart guten Gewissens gegenübertreten»

Von Annette Freitag, 04.11.2018

Kaum eine Inszenierung hat im Vorfeld so viel Staub aufgewirbelt, wie «Così fan tutte» von Wolfgang Amadeus Mozart im Zürcher Opernhaus.

Kirill Serebrennikow, der in Moskau unter Hausarrest steht, hat in Zürich mit Hilfe seiner Assistenten sozusagen ferngesteuert Regie geführt. Das war auch internationalen Medien wie The New York Times, The Guardian, ARD oder ZDF eine ausführliche Berichterstattung wert. Denn hier steht russische Zensur im Raum, politische Zwängerei und der Vorwurf, öffentliche Gelder unterschlagen zu haben. Der Prozess gegen Kirill Serebrennikow hat inzwischen in Moskau begonnen und dürfte lange dauern.

                                                      ***

Nachmittags um 16 Uhr im Zürcher Opernhaus. Das fürs Interview reservierte Musikzimmer ist nüchtern und klein – und vorläufig noch leer. Ich warte. Aus dem Nebenraum dringen Klavierklänge … schön und melodisch an diesem grauen Novembernachmittag. Die Tür geht auf und Cornelius Meister lacht strahlend, packt seine Noten und kommt heraus: Wir hatten in den beiden Musikzimmern aufeinander gewartet … und haben uns schliesslich gefunden!

Cornelius Meister (Foto: © Marco Borggreveist), der musikalische Leiter dieser Neuproduktion von «Così fan tutte», die – durch die Abwesenheit des Regisseurs – auf eher ungewöhnlichem Wege zustande gekommen ist. Bekommt der Dirigent dadurch vielleicht sogar mehr Freiheit für seine musikalische Interpretation, da ihm niemand dreinredet? Cornelius Meister widerspricht vehement: «Ich glaube, das sind gleich zwei Missverständnisse. Wenn wir Opern aufführen, empfinde ich die Meinung des Regisseurs nie als Einmischung in einen Bereich, der dem anderen gehört. Im Gegenteil. Aus meinem Opernverständnis heraus geht es gerade darum, dass verschiedene Menschen – und bei einer Oper sind ja extrem viele beteiligt – gemeinsam zu einem Schluss kommen. Die Mittel, die wir einsetzen, sind Licht, Bewegung auf der Bühne, dazu Bühnenbild und Kostüme, und ich setze dann noch musikalische Mittel ein. Das ist aber immer erst das zweite, worum es geht. Zuerst fragen wir uns, um welche Emotion, um welche Stimmung geht es eigentlich?»

Und ausserdem, betont er, hätten sie ja bei «Così fan tutte» einen Regisseur. Sogar mehrere. «Einerseits stehe ich mit Serebrennikow in sehr engem Austausch. Wir können über seinen Rechtsanwalt miteinander kommunizieren. Und wir haben lange E-Mails geschrieben, in denen wir uns ausgetauscht haben. Es gibt auch die Video-Botschaften und vor allem gibt es in Zürich Evgeny Kulagin, der seit Jahren engstens mit Serebrennikow zusammenarbeitet und hier vor Ort mein täglicher Gesprächspartner ist. Insofern empfinde ich diese Produktion wahrscheinlich als weit weniger ungewöhnlich, als Aussenstehende dies tun.»

Mozart war sein Wunsch

Für Cornelius Meister ist «Così fan tutte» die dritte Neuproduktion am Zürcher Opernhaus nach «Zauberflöte» und «Werther», wobei er in Zürich auch «Salome» und «Carmen» dirigiert hat. «Mit der Philharmonia in Zürich hat sich über die Jahre hinweg ein sehr enges Vertrauensverhältnis entwickelt», sagt er. «Tatsächlich hatte ich mir ausdrücklich gewünscht, dass wir nach der ‹Zauberflöte› eine weitere Mozartproduktion zusammen machen können. Die jahrzehntelange Mozart-Tradition seit Harnoncourt ist in der Philharmonia einfach hörbar.» Denn Mozart ist der Komponist, den Cornelius Meister – neben Wagner – am meisten aufgeführt hat, wobei ihm die da Ponte-Opern besonders am Herzen liegen. «Ich bin immer wieder beeindruckt, wie unterschiedlich Mozart ist, wenn er italienische Opern komponiert. Er verwendet dann einen ganz anderen Stil als beispielsweise in der ‹Zauberflöte›».

Dies habe mit dem italienischen Sprachrhythmus zu tun, aber auch mit der unterschiedlichen Opern-Tradition.

«Così fan tutte» ganz im heutigen Stil. Anna Goryachova spielt die Dorabella. © Monika Rittershaus
«Così fan tutte» ganz im heutigen Stil. Anna Goryachova spielt die Dorabella. © Monika Rittershaus

«Così fan tutte» unterscheidet sich aber noch durch etwas anderes. «Es gibt hier sechs Solopartien, von denen wir aber am Anfang des Werkes lange keine Arien hören. Anders als beispielsweise im ‹Don Giovanni› oder im ‹Figaro›. Stattdessen haben wir Ensembles, Duette, auch ein Sextett oder ein Quintett. Das macht deutlich, dass es um die Beziehungen zwischen Personen geht, auch um Veränderungen, die in der Persönlichkeit, im emotionalen Zustand der einzelnen Personen geschehen. Es ist sehr beeindruckend für mich, wie Mozart und da Ponte es schaffen, diese Beziehungen, die sich ja sehr wandeln, auf verschiedensten Ebenen zu beleuchten. Gerade weil wir über die Jahrhunderte nun schon unterschiedlichste Deutungen über echte Liebe oder gespielte Liebe lesen konnten. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Opernkunst in besonderer Weise dafür geeignet ist, Seelenzustände zu beschreiben, ohne sie immer eindeutig festzulegen. Es wird uns gestattet, etwas zu spüren, was wir allein mit Worten nur unzureichend beschreiben können.»

Jung, mit viel Erfahrung

Cornelius Meister gehört zu einer jüngeren Generation von Dirigenten, die so gar nichts mehr vom herkömmlichen «Maestro» an sich haben. Bei aller liebenswürdigen Lockerheit bringt er allerdings schon mehr Erfahrung mit als mancher ältere Kollege. Als hochbegabter Sohn von Pianisten-Eltern wuchs er mit verschiedenen Instrumenten auf und dirigierte bereits mit 21 Jahren in der Hamburger Staatsoper. Hat das Orchester denn einen so jungen Dirigenten damals überhaupt ernst genommen?

«Heutzutage erlebe ich die Top-Orchester als ausgesprochen aufgeschlossen, auch jüngeren Dirigenten und Dirigentinnen gegenüber. Dies allerdings nur, wenn die Musiker den Eindruck haben, dass da vorne jemand steht, der sich bestens vorbereitet hat, der etwas aussagen kann, auch etwas aussagen möchte, und idealerweise natürlich auch sein Handwerk beherrscht. Wir alle freuen uns doch, wenn auch vom Dirigenten ein Esprit ausgeht, der spontan ist, der Unerwartetes, noch nie auf diese Weise Gehörtes, möglich macht.»

Viele Dirigenten kämen heute als Quereinsteiger von einem Instrument her oder sie seien Spezialisten, z. B. im Barock. «Es gibt aber nach wie vor den klassischen Weg, den auch ich eingeschlagen habe, dass man also aus der Kapellmeistertradition kommt. Ich persönlich halte diesen Weg für Operndirigenten nach wie vor für sehr gut.»

«Dirigent des Jahres»

Dass dieser Weg sich bewährt hat, beweist auch Cornelius Meisters Berufung zum Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper seit Beginn dieser Spielzeit. Und zum «Dirigenten des Jahres» ist er soeben auch ernannt worden. Natürlich freut er sich über die Auszeichnung, klar. Aber er sieht es trotzdem nüchtern. «Das Schöne ist doch, dass es in der Kunst kein Richtig oder Falsch gibt. Es gibt wirklich keine einzige, eindeutig richtige Art der Wertung. Deshalb muss ich sagen, dass eine künstlerisch beglückende Aufführung für mich nach wie vor das Ideal darstellt und mich auch persönlich glücklich macht. Wenn Menschen, die in Jurys sitzen und über Auszeichnungen befinden, diese Aufführung ebenfalls als beglückend empfunden haben und das dann auch dokumentieren, freut mich das natürlich sehr.» Dann denkt er einen Moment nach und sagt: «Die höchste Auszeichnung, die ich mir vorstellen kann, ist, dass der Komponist über die Interpretation glücklich wäre.» Und mit strahlendem Lächeln fügt er bei: «Falls Mozart und ich uns dereinst vielleicht begegnen sollten, möchte ich guten Gewissens vor ihn treten können. Das ist mein Ziel!»

Stuttgart, wo er nun seit ein paar Wochen Generalmusikdirektor ist und wo er auch mit Frau und drei Kindern lebt, ist für Cornelius Meister ein hochinteressantes Umfeld. Zum dritten Mal in Folge ist Stuttgart zur Kulturmetropole Nr. 1 unter den deutschen Städten ernannt worden. Ausserdem wird Teodor Currentzis regelmässig in Stuttgart tätig sein. «Dass dem SWR-Orchester mit Teodor Currentzis als Chef ein echter Coup gelungen ist, das freut mich ganz besonders.» Und erste Kontakte gibt es auch. «Currentzis war während der Lohengrin-Proben – das war unsere Stuttgarter Eröffnungsproduktion – auf einer Probe zu Besuch. Er hat gefragt, ob er nicht mal zuhören kann … und: selbstverständlich! Herzlich willkommen! Und wir haben uns so unterhalten, dass ich eigentlich den Eindruck habe, man kennt sich schon sehr lange, denn man weiss über die Aufführungen des jeweils anderen Bescheid, man kennt die CDs und vielleicht die Interviews. Und wenn man dann tatsächlich mal miteinander redet, dann fühlt es sich sehr vertraut an.»

Opernhaus Zürich
Wolfgang Amadeus Mozart
«Così fan tutte»
Ab 4. November 2018

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren