Huthis vor dem Griff nach der Macht

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Huthis vor dem Griff nach der Macht

Von Arnold Hottinger, 29.12.2014

Nach ihrer Eroberung der Hauptstadt dringen die Huthis nach Süden vor. Hat ein Dauerkrieg um die Macht über Jemen bereits begonnen?

Die Vorstoss der Huthis in die zentralen und südlichen Teile Jemens hat sich verlangsamt. Er stösst auf starken Widerstand durch al-Kaida und sunnitische Stämme, die sich mit al-Kaida verbinden. Für diese Stämme sind die Huthis Fremde, sowohl ihrer geographischen Herkunft nach wie auch aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur zaiditischen Variante des Islams. Sie sehen daher die Expansion der zaiditischen Huthis als Gefahr für ihre lokale und ihre religiöse Eigenständigkeit. Al-Kaida betrachtet die Zaiditen als Schiiten und damit als Feinde.

Wiederbelebter, militanter Zaidismus

Die Zaiditen bilden in der Tat einen Zweig des Schiismus. Sie gelten jedoch als diejenige Variante des Schiismus, die den Sunniten theologisch am nächsten steht. Sie berufen sich auf Zaid Ibn Ali, einen Enkel Alis, der 740 in einer Schlacht gegen den Omayyaden Kalifen Hisham fiel. In Jemen kam dieser Zweig des Schiismus schon 890 an die Macht, und er hat im Norden des Landes mit einem einzigen Unterbruch bis 1962 regiert. In mehreren Perioden hatte er seine Macht über ganz Jemen ausgedehnt. Heute hängen ungefähr ein Drittel aller Jemeniten dem zaiditischen Islam an.

Die Huthis haben ihren Namen von der führenden Familie, die im Jahr 2004 eine politische und religiöse Wiederbelebung des zaiditischen Religionszweigs begann. Der Begründer, Scheich Badruddin al-Huthi, wurde 2004 von der jemenitischen Armee erschossen. Sein Bruder Abdul Hakim lenkt die Huthi-Bewegung heute. Seit 2004 führte sie Krieg mit der jemenitischen Armee, im Jahr 2009 auch mit Saudi-Arabien, und es gab auch Angriffe der amerikanischen Luftwaffe gegen sie. Zwischen den vielen Invasionsversuchen der regulären Armee und ihrer Hilfskräfte gab es immer wieder Waffenstillstände, die alle früher oder später gebrochen wurden.

Erfolg mit Protest, Misserfolg mit Dialog

Diese Lage änderte sich im Jahr 2011 mit den Demonstrationen gegen den damaligen Präsidenten, Ali Abdullah Saleh. Sie führten dazu, dass die Feldzüge der Armee nach Norden aufhörten, und dies erlaubte den Huthis die nördliche Hauptstadt Saada einzunehmen. Ihre Kämpfer erwiesen sich als ihren lokalen Feinden überlegen. Diese waren bestimmte Stämme, die zur Regierung hielten, die sunnitischen Aktivisten der Islah-Bewegung, die den Muslimbrüdern nahe steht, und irreguläre saudische Kräfte, die über die Nordgrenze Jemens hinweg einwirkten.

Die Huthis unterstützten die grosse Protestbewegung in Sanaa, die bis 2012 andauerte, und sie gewannen dadurch in der jemenitischen Hauptstadt an Einfluss. Im Norden und in der historischen Altstadt von Sanaa gibt es Viertel, die überwiegend von Zaiditen bewohnt sind. Gleichzeitig festigten die Huthis ihre Herrschaft über Saada und dehnten ihre Macht im Norden des Landes nach Osten und Westen aus.

Die Bewegung war vertreten in der Nationalen Dialogkonferenz (2012 und 2013), in der die jemenitischen Politiker mit Hilfe der Uno und der Golfstaaten versuchten, über die künftige Politik Jemens übereinzukommen. Doch der Ausgang der Konferenz befriedigte die Huthis nicht. Zwei ihrer Delegierten wurden ermordet, und ein Plan, das Land in fünf autonome Provinzen aufzuteilen, wies ihnen nur die Provinz von Saada zu; die Huthis wollten sich nicht in die ärmste aller jemenitischen Provinzen «einsperren» lassen.

Gespaltene Armee

Schon vor der Konferenz war der neue Präsident al-Hadi damit beschäftigt, innerhalb der Armee die Vormacht der Verwandten des bisherigen Präsidenten zu brechen. Sie galt als ein Haupthindernis für die Verwirklichung des erhofften neuen demokratischen Regimes. Die Entmachtung der Anhänger des Ex-Präsidenten gelang nach langem Taktieren aber nur teilweise. Es führte vielmehr dazu, dass die Loyalitäten innerhalb der Armee noch mehr schwankten als je zuvor.

Die führenden Offiziere mit ihren Einheiten hatten sich schon zur Zeit der Protestdemonstrationen in Freunde und Feinde des damaligen Präsidenten gespalten. Nun wurden die Eliteeinheiten der Präsidialgarde, die von Ahmed, dem Sohn Ali Salehs, kommandiert wurden, aufgeteilt und verschiedenen anderen Truppenverbänden zugewiesen. Doch dies scheint ihre Loyalität zur bisherigen Führung nicht aufgehoben zu haben. Es bewirkte eher, dass weitere Verbände innerhalb der Armee, denen die bisherigen Elitetruppen nun einverleibt wurden, ebenfalls dem abgesetzten Präsidenten zuneigten. Andere Teile der Militärs hingegen wurden zur «Hausmacht» des neuen Präsidenten.

USA als Partner der Armee

Die Amerikaner nahmen Einfluss auf die jemenitischen Militärs, weil sie gemeinsam mit ihnen den Kampf gegen al-Kaida führen wollten – und in der Tat anfänglich erfolgreich führten. Die jemenitische Armee hat im Mai und Juni 2013 in Zusammenarbeit mit lokalen Stämmen und mit der Hilfe der USA die Kaida-Kämpfer aus ihren Herrschaftsgebieten im jementischen Süden vertrieben. Dort hatten sie, ähnlich wie die Huthis im Norden, in der Provinz Abyan während der Unruhen in Sanaa verschiedene Städte und Ortschaften in Besitz genommen.

Doch nachdem sie aus den Städten wieder vertrieben worden waren, gingen die Leute der Kaida zurück zu klassischen Guerilla und zu Mordanschlägen, in erster Linie gegen Armeeangehörige. Die Amerikaner suchten ihnen mit Drohnen beizukommen. Doch solche Angriffe trafen nicht nur die Terroristen, sondern auch auf die jemenitische Bevölkerung. Die Drohnenschläge dürften den Zusammenhalt zwischen den Kaida-Leuten und der Stammesbevölkerung, in deren Gebieten die Kaida Unterschlupf fand, eher verstäkt als geschwächt haben, weil die Stämme nun für die durch Drohnen getöteten eigenen Angehörigen Rache zu üben haben.

Dubioses Verhalten der Armee

Die jemenitische Armee hat dem Vordringen der Huthis von Saada nach Süden kaum Widerstand geleistet. Es gab Kämpfe zwischen den Huthis und ihnen feindlichen sunnitischen Stämmen sowie auch mit Bewaffneten von Islah. Die Armee hielt sich davon fern. Warum, ist bis heute unklar. Dem Vernehmen nach erhielten die lokalen Armeeoffiziere in den umkämpften Provinzen zwischen Saada und Sanaa mehrmals Befehl, nicht gegen die Huthis einzuschreiten. Es gab auch Waffenstillstände mit den Huthis, die später wieder gebrochen wurden. Wer aus welchen Gründen welche Weisungen gab, bleibt unklar. Noch undeutlicher ist, wer an der offiziellen Befehlshierarchie vorbei Einflüsse ausübte.

Diese Unklarheiten wirkten sich auch in der zweiten Phase des Vordringens der Huthis aus, nämlich als diese begannen, vom Norden her die Hauptstadt selbst zu infiltrieren. Die Polizei erhielt Befehl, sich ihnen nicht zu widersetzen – von wem und warum die Order erging, ist unklar. Die Armee griff nicht ein, und es gibt Gewährsleute, die wissen wollen, auch sie habe Befehl erhalten, in den Kasernen zu bleiben.

Ex-Staatschef als Drahtzieher?

Andere wollen sogar Bescheid wissen über eine angeblich zwölfstündige Sitzung des neuen Staatschefs al-Hadi mit allen Armeespitzen und Sicherheitsleuten der Hauptstadt, bei der die mobilen Telephone verboten gewesen seien. Dies sei genau am 21. September gewesen, dem Tag, an dem die Huthis die Macht über Sanaa übernahmen. Nach diesen Gerüchten soll der Neffe des früheren Präsidenten, sein einstiger Sicherheitschef, während diesen zwölf Stunden einen Operationsraum geleitet haben, der den Huthis half, sich der neuralgischen Punkte der Hauptstadt zu bemächtigen.

Vielleicht trifft dies zu, vielleicht sind diese «Informationen» aber auch einfach eine Folge der undurchsichtigen Umstände, die am Tag der Machtübername vorherrschten und bewirkten, dass im Nachhinein Erklärungen für ein schleierhaftes Geschehen gesucht werden. Viele Beobachter glauben, dass Ali Saleh, der frühere Präsident, mit den Huthis zusammengewirkt habe, um seinen Nachfolger al-Hadi zu schwächen.

Al-Hadi selbst sprach wiederholt öffentlich von einer «Verschwörung des In- und Auslandes» gegen ihn. Doch die Anhänger des ehemaligen Präsidenten, der immer noch über eine starke Partei von Mitstreitern verfügt, dementieren eine Zusammenarbeit mit den Huthis. Auch diese selbst widersprechen solchen Behauptungen. Sie unterstreichen, sie hätten schliesslich zehn Jahre lang gegen Ali Saleh einen verlustreichen Krieg geführt.

Huthis übernehmen Hauptstadt-Bürokratie

Als Fazit bleibt, dass die Huthis sich der Hauptstadt bemächtigen konnten, und dabei nur auf den Widerstand der Anhänger von Islah stiessen, den sie relativ leicht überwinden konnten. Auch als sie später von Sanaa aus weiter nach Süden vorstiessen, schritt die Armee nie gegen sie ein. In manchen Fällen half sie ihnen sogar bei Zusammenstössen mit al-Kaida. Diese wurden südlich der Hauptstadt heftiger, weil die Huthis sich dort den Wüstengebieten näherten, in denen die Kaida-Kämpfer Zuflucht gefunden hatten.

Parallel zu ihrem Vordringen nach Zentraljemen und in die Wüsten im Inneren mit ihren Erdöl- und Erdgasvorkommen suchten die Huthis ihre Macht in Sanaa zu festigen. Es gab zwar eine Verabredung mit der Regierung und dem Präsidenten, nach der sie Sanaa verlassen sollten, sobald eine neue Regierung eingesetzt sei, an der die Huthis beteiligt würden. Doch die Huthi-Führung fand stets Vorwände, um ihre Präsenz in Sanaa fortzusetzen.

Sie hat in der Zwischenzeit ein politisches Führungsgremium in der Hauptstadt eingerichtet, dessen Vorsitzender zugleich als einer der Berater des Präsidenten al-Hadi wirkt. Ihre Sprecher erklären, sie seien von ihrem Chef, Abdel Hakim al-Huthi, beauftragt, die Korruption in Sanaa zu beenden, und sie müssten die Ministerien und Regierungsorganismen reinigen. Sie sagen auch, ihre Bewegung stelle die Fortsetzung der jemenitischen Revolution dar, womit die grosse Welle der Protestdemonstrationen von 2011 gemeint ist. Ihre Aufgabe sei es nun, die Ziele der Revolution durchzusetzen, «so wie das Volk sie gefordert hat».

Köpferollen bei Führungspositionen

In den jüngsten Tagen haben die Huthis in Sanaa, die wichtigste Regierungszeitung und das Regierungsradio besetzt und neue Leiter für beide Medien bestimmt. Sie besetzten auch die Nationalbank und wechselten deren Chef gegen eine ihnen genehme Person aus – stets unter der Anklage von Korruption, die möglicherweise zutrifft, jedoch nicht erwiesen ist. Das gleiche taten sie in der staatlichen Erdölgesellschaft, Safer Oil and Gas, Jemens grösstem Gas- und zweitgrösstem Erdölproduzenten. Sie haben zudem Sanaas Sicherheitschef entführt und verschwinden lassen. Dieser, General Yayah al-Marwan, hatte zuvor als Sicherheitschef in Saada gegen die Huthis gekämpft. Gegen ihn dürften die Huthis Rachegefühle zu kühlen haben.

Die neuen Herren haben auch die Hafenanlagen des Rotmeerhafens Hodeida, des zweitwichtigsten Jemens, in Besitz genommen und den dortigen Chef durch einen ihrer Leute ersetzt. Als sie versuchten, in das Verteidigungsministerium in Sanaa einzudringen, wurden sie durch Armeepersonal daran gehindert. Daraufhin umstellten sie das Ministerium und sperrten für den Verteidigungsminister den Zugang zu seinem Amtssitz.

Diese und andere Übergriffe veranlassten den Ministerpräsidenten zu erklären, er erwäge seinen Rücktritt. Ministerpräsident Khaled Baha, ein Technokrat, ist erst seit dem 9. November im Amt.

Übernehmen Huthis ganz Jemen?

Im Augenblick ist ungewiss, wie und ob die Huthis von Sanaa aus ihre neue Macht über ganz Jemen ausdehnen und festigen wollen. Die südlichen Teile des Landes und auch dessen zweitgrösste Stadt, Taez, sind von Sunniten bevölkert, die sich gegen eine zaiditische Herrschaft auflehnen würden. Al-Kaida wäre nur allzu bereit, ihnen als Stütze im Kampf gegen die Huthis zur Seite zu treten. Ausserdem gibt es die südliche Unabhängigkeitsbewegung Harik, die ohnehin bestrebt ist, sich von Sanaa zu trennen.

Den USA geht es in erster Linie darum, al-Kaida zu bekämpfen, und sie brauchen dazu die Zusammenarbeit mit der jemenitischen Armee, auf der ihre Anwesenheit im Lande beruht. Die Huthis geben sich als Feinde der Amerikaner «und der Zionisten», was ihre Beliebtheit im Lande stärkt.

Dass die Huthis den Kaida-Leuten heftige Kämpfe liefern, kann den Amerikanern als militärische Entwicklung nur recht sei. Es ist jedoch politisch gefährlich für sie, weil die Kaida-Leute, wenn sie einen Kampf gegen die Zaiditen führen, die sunnitischen Stämme dazu auffordern können, als Bundesgenossen gegen die Zaiditen auf ihre Seite zu treten. Sie könnten dadurch bei den sunnitischen Bevölkerungsteilen, die der extremistischen Kaida-Ideologie an sich wenig zugeneigt sind, an Einfluss gewinnen.

Die Saudis sind sehr beunruhigt über die wachsende Macht der Huthis, deren Herzgebiete an ihrer Südgrenze liegen. Sie sehen die Hand Irans hinter den Erfolgen der Huthis. Iran und die Huthis dementieren dies, doch dürfte es in der Tat eine Zusammenarbeit mit den iranischen Revolutionswächtern auf der Ebene der Waffenhilfe und der Beratung geben. Riad hat davon gesprochen, dass es seine finanzielle Unterstützung für Jemen aufgeben könnte. Sie betrug im Jahre 2012 vier Millarden Dollar. Ihr Ausbleiben wäre katastrophal für das Land, in dem bereits jetzt der Hälfte der Kinder an Unterernährung leidet.

Wenn die Huthis klug sind, vermeiden sie den Versuch, ganz Jemen politisch in ihre Gewalt zu bringen. Dies würde sie unüberwindlichen Schwierigkeiten aussetzen und Jemen wahrscheinlich zugrunde richten. Bisher hat sich Abdel Hakim al-Huthi als ein geschickter Taktiker und gewiegter Propagandist seiner Sache erwiesen. Die Gefahr für seine Bewegung ist nun, dass sie, angetrieben durch ihre bisherigen Erfolge, allzuviel anstrebt und dadurch die ohnehin verworrene Lage des Landes völlig ins Chaos permanenter Kleinkämpfe treibt.

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