Hoffnung, Aberglaube, Düsternis

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Hoffnung, Aberglaube, Düsternis

Von Rolf App, 27.05.2021

In seiner Geschichte der Grossen Pest zieht der Historiker Volker Reinhardt geschickt Parallelen zur Corona-Pandemie. Denn die Menschen, sie bleiben sich gleich.

Hätte die Welt nur auf diesen Papst gehört, der in Avignon sitzt, im Reichtum lebt, aber auch den Armen hilft. Und der die Juden schützen will. Ihnen gilt in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Verachtung vieler. Denn die Pest wird gleichermassen den Gestirnen zugeschrieben wie den Juden, die man beschuldigt, die Brunnen und Wasserläufe vergiftet und die Luft verpestet zu haben.

Juden als Sündenböcke

Papst Clemens VI. dagegen erklärt im September 1348, es sei «gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass die Juden Anlass oder Ursache dieser gewaltigen Geisselung sind. Denn die Pest wütet nach dem verborgenen Urteil Gottes überall, in so vielen Klimazonen, bei den Juden selbst, aber auch bei zahlreichen anderen Nationen, die nie mit Juden zusammengelebt hatten».

Doch die Christenheit hört nicht auf ihr Oberhaupt. In Frankreich, in Deutschland, in der Schweiz werden die Juden getötet, aus rohem Aberglauben wie aus Kalkül. Der Aberglaube grassiert im Volk, das Kalkül kommt aus jenen Kreisen, die bei Juden verschuldet sind oder ein Auge auf ihr Vermögen geworfen haben. So mutiert der Kampf gegen die Pest zum Kampf gegen die Juden – und gegen «die da oben». In Basel zum Beispiel zieht das Volk vors Rathaus und setzt den Bürgermeister unter Druck, und als einflussreiche Familien die Ausweisung der Juden zu hintertreiben suchen, setzt man diese auf einer Insel im Rhein gefangen und verbrennt sie ohne Gerichtsurteil.

Die Menschen sind wehrlos ausgeliefert

So schildert der Fribourger Historiker Volker Reinhardt das düsterste Kapitel der Grossen Pest, die 1347 von China her in Genua eintrifft und dann in Italien, später auch im übrigen Europa grassiert. Die Menschen sind ihr beinahe wehrlos ausgeliefert, denn erst 1894 wird der Westschweizer Alexandre Yersin ein Bakterium als Pesterreger identifizieren, das jene Flöhe weitertragen, die auf der Hausratte hausen.

Davon weiss das 14. Jahrhundert nichts. Es sieht in der Pest eine Strafe Gottes und vermischt diese Erklärung mit dem Glauben an die Astrologie. Eine unheilbringende Konstellation der Gestirne hat nach allgemeiner Auffassung todbringende Luft auf die Erde geschickt.

Natürlich ergeben sich die Menschen nicht einfach so in ihr Schicksal; sie erwarten vielmehr von den Behörden Taten. Mailand kommt glimpflich davon, was im übrigen, aristokratisch regierten, Italien eher geniert zur Kenntnis genommen wird. Denn in Mailand regiert der Tyrann Luchino Visconti (übrigens ein Vorfahr des bekannten Filmregisseurs), er bewahrt die Stadt durch sein entschlossenes Handeln vor der Pest. Rigoros lässt er die Warenströme kontrollieren, soziale Härten federt er ab, indem er für billiges Brot sorgt.

Ruf nach dem starken Mann

Gebt uns einen zweiten Luchino Visconti! habe es denn auch in zahlreichen Blogs und Tweets in der Coronakrise geheissen, wirft Volker Reinhardt den Blick auf die Gegenwart. Der Ruf nach dem starken Mann bleibt nicht die einzige Parallele. «Auf besonders intensive Resonanz stiessen schon im vierzehnten Jahrhundert die Szenarien, die vom Schlimmsten ausgingen und zugleich eine erfolgreiche Gegenwehr in Aussicht stellten», erklärt Reinhardt. «Wie 2020, als zeitweise von einer siebzigprozentigen Durchseuchung ganzer Nationen die Rede war und Hamsterkäufe die Regale der Supermärkte leerten.»

Beide Pandemien hätten eine Atmosphäre des Misstrauens geweckt, «mit allem, was dazugehört: ungehemmte Lust an der Denunziation, heftiges Wuchern von Feindbildern, das Aufkommen abstruser Verschwörungstheorien und eine Flut von Schuldzuweisungen». Auch Konflikte darüber, wie viele wirtschaftliche Einschränkungen und Einbussen in Kauf genommen werden sollten, sind an der Tagesordnung.

Bricht eine neue Zeit an?

Auch allerhand Erwartungen wecken Krisen, sie befeuern die Hoffnung auf einen geläuterten, besseren Menschen. Doch der Blick des nüchternen Historikers kommt zum auch für die Zeit nach Corona enttäuschenden Schluss: Noch keine Epidemie hat jemals eine neue «Epoche» eingeläutet. «Solche Theorien sind nichts als intellektuelle Prunkrhetorik, die mit ihren ebenso kühnen wie unbeweisbaren Vorhersagen der Gegenwart den schaurig-schönen Kitzel der Zeitenwende verschaffen soll.»     

Volker Reinhardt: Die Macht der Seuche. Wie die Grosse Pest die Welt veränderte 1347–1353. C. H. Beck, 2021.

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