Hans-Jörg Riwar: In memoriam: Arnold Hottinger

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Hans-Jörg Riwar: In memoriam: Arnold Hottinger

Von Journal21, 03.09.2019

Hans-Jörg Riwar, Pfarrer Reformierte Kirche Zug

„Nun bin ich verloren hinter dem vorhang des geheimnisses...“ – diese
Verszeile des grossen islamischen Mystikers Fariduddin Attar stelle ich
meinen Gedanken zum Abschied von Arnold Hottinger voran.
Arnold Hottinger – der grosse Mann – er lebt in Zug. Es hat gedauert, bis wir, bis ich das mitbekommen habe. Und noch ein wenig länger hat es gedauert, bis ich ihn angerufen habe. Aber dann ging’s schnell und
unkompliziert; und ich durfte ihn in seinem Heim an der Ägeristrasse
besuchen.

Ich spreche Arnold Hottinger auf die Idee vom Hibutsu, dem verborgenen Buddha an. Den gibt es in Japan, und ich will mich auf die Suche machen. Ich will vom Experten wissen, ob er im Zusammenhang mit dem Islam Entsprechendes kennt; dass sich Gott dem Suchenden entzieht und und sich im Geheimnis verbirgt. Aber eben nur soweit, dass die Sehnsucht nicht verlorengeht; ja im Gegenteil erst geweckt wird. Eine Art religiöse Erotik vielleicht. Ihm fällt spontan das abbasidische Hofzeremoniell ein. Der Herrscher ist da, präsent und wirkt; aber er ist hinter einem Vorhang verborgen. Und das gehe zurück auf persische Vorbilder bis Kyros (Besuch bei Arnold Hottinger am 25.11.2015 in Zug).

Und dann zieht Arnold Hottinger das dicke Buch von Helmut Ritter aus
einem Bücherregal. „Das Meer der Seele / Mensch, Welt und Gott in den Geschichten des Fariduddin Attar“ so der Titel. 1978 in Leiden erschienen.

Da liesse sich was finden, meint Arnold Hottinger. Er schaue mal. Ich solle wiederkommen. Und quasi über Nacht findet er eine ganze Reihe passender Zitate. Ich staune. Wie nur macht er das?
Wunderbare Zeilen finden sich da aus der Feder des Mystikers. Zeilen wie diese:

„Gott verbirgt sich hinter verschiedenen schleiern und scheidewänden. Denn wenn er seine schönheit unverhüllt zeigen würde, so würde die welt verbrennen...Seine eigene ihm wesenhafte schönheit zeigt er nicht, und stachelt gerade dadurch die sehnsucht der mystiker an, ihn überall zu suchen.

Er ist gerade deswegen verborgen, weil er sich in dieser weise so klar
offenbart“ (Das Meer der Seele, Mensch, Welt und Gott in den Geschichten des Fariduddin Attar, Helmut Ritter, Leiden 1978, S.478).
Hat Arnold Hottinger das Passende so schnell gefunden, weil er mit diesen (theologischen) Dingen besser vertraut, als ich nur ahnen konnte? Ich weiss es nicht. Wir haben bei meinen Besuchen kaum über Dinge des Glaubens gesprochen. Die Scheu war – vor allem auf meiner Seite – zu gross. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Wendungen Fariduddin Attars sehr gut zu den Überzeugungen Arnold Hottingers in diesen Dingen gepasst haben. Das Geheimnis des Erhabenen ist nicht zu lüften; allenfalls im gebührenden Abstand zu umkreisen. Genauso wie das die Mystiker in ihren Versen versucht haben. Und ja, da war noch das Buch von Thomas Bauer, auf das mich Arnold Hottinger aufmerksam gemacht hat. „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams.“ Das müsse ich unbedingt lesen; das sei das bedeutendste Buch über den Islam.

Die wirklich wichtigen Dinge – und da gehört Gott, der Erhabene ganz
bestimmt dazu – lassen sich eben nicht definieren, begrenzen. Es sind
Räume des Austausches, die sich öffnen lassen. In ihnen lässt sich allenfalls erahnen, was sich nicht fassen lässt und doch immer wieder neu anbietet.

Und es ist bestimmt kein Zufall, dass die grossen Dichter des Religiösen oft auch mit der Liebeslyrik vertraut waren.
Wenn wir uns darüber ausgetauscht hätten, ich denke, wir wären uns etwa in diesem Sinne einig geworden.

Zum Schluss noch einmal ein Zitat Fariduddin Attars:
„...’Auf alle weise habe ich viele jahre lang ein zeichen (von Gott oder dem weltgrund) gesucht. Als ich sah, was ich suchte, ging ich verloren...Nun bin ich verloren hinter dem vorhang des geheimnisses...“ (a.a.O., S.587).

Und ich würde ergänzen: Wer nun hinter dem Vorhang ist, bleibt uns
verloren; kann aber nicht verloren gehen. Aber das ist möglicherweise
schon zu viel gesagt. Arnold Hottinger würde dazu wohl schweigen und
lächeln.

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