Grossbanken und die Derivate-Spekulation

Jacob Zgraggen's picture

Grossbanken und die Derivate-Spekulation

Von Jacob Zgraggen, 07.04.2021

Nach Abschaffung des Bankgeheimnisses und nach der Finanzkrise von 2008 haben CS und UBS den Tritt nicht gefunden. Die zwei CS-Skandale Greensill und Archegos vom März 2021 werfen grundlegende Fragen auf.

Das Bankgeheimnis oder das Bankkundengeheimnis, wie es PR-Vertreter von Banken nennen, war für die Schweizer Banken ein Wettbewerbsvorteil. Die Banken hatten seit dem Zweiten Weltkrieg diesen strategischen Vorteil genutzt, viel Geld verdient und logistisch hervorragende sowie kundenfreundliche Computer-Systeme aufgebaut, von denen wir heute alle noch profitieren. Der automatische Informationsaustausch von Bankdaten zwischen Staaten, die Öffnung aufgrund der Amtshilfe und der Trend, Steuerhinterziehung als Geldwäscherei zu erklären, führten mit Hilfe von mehr oder weniger sanftem internationalem Druck zur Aushöhlung des Bankgeheimnisses.

Finanzkrise 2008

UBS und CS konnten den Verlockungen des anfänglich rentablen US-Hypothekenmarktes nicht widerstehen. Sie kauften Milliarden von minderwertigen in undurchsichtige Pakete verpackte US-Hypotheken und verloren Milliarden. Zahlreiche Banken weltweit mussten nach der Krise vom Staat gerettet werden, darunter auch die UBS. Der CS gelang es, sich rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen. Der Interbank-Verkehr lag am Boden, die Banken trauten einander nicht mehr.

Der Ruf nach Förderung von Finanzstabilität und Transparenz des Finanzsystems erscholl. Eine unglaubliche gesetzgeberische Hektik brach weltweit aus. Die Angst vor fallierenden Grossbanken, die vom Staat aus volkswirtschaftlichen Gründen gerettet werden müssen – too big to fail – sass im Nacken dieser Gesetzgebung.

Derivate – unverständliche Definitionen

Die Schweiz schloss sich nach dem Prinzip Copy-and-Paste dem gesetzgeberischen Furor an. Unaussprechliche Namen für Gesetze wurden erfunden wie Finanzmarktinfrastrukturgesetz. In der Botschaft des Bundesrates zu diesem Gesetz kommt das Wort „Derivat“ 348 mal vor.

Intransparente und komplizierte Derivate waren eine der Ursachen für die Subprime-Krise von 2008. Berühmtheit erlangten die Credit Default Swaps, versicherungsähnliche Absicherungsprodukte, die 2008 die weltweit grösste Versicherungsgesellschaft AIG in die Arme des US-Staates trieben. Zu den am häufigsten verwendeten Derivatprodukten gehören neben Credit Default Swaps auch Zins- und Devisenoptionen, Devisenterminkontrakte sowie Zinsfutures.

In ihrem Jahresbericht 2020 definiert die Credit Suisse Group AG Derivatprodukte für Finanz-Laien völlig unverständlich wie folgt:

Derivatkontrakte werden von der Gruppe im Rahmen der normalen Geschäftstätigkeit für Market Making, das Eingehen von Positionen und Arbitrage sowie aufgrund unserer eigenen Risikomanagementbedürfnisse, vor allem zur Minderung des Zinssatz-, Fremdwährungs- und Kreditrisikos, eingegangen.“

Intransparente Regeln 

Um die Transparenz bei Derivatgeschäften zu fördern, hat die Schweiz ebenso wie die anderen europäischen Länder ein Transaktionsregister für Derivate eingeführt. Es soll Transparenz und Sicherheit fördern. Eine Tochtergesellschaft der Six-Gruppe führt das Register. Es  ist auf  Derivate für Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz beschränkt.

Per 25. Mai 2020 wies die wöchentliche Statistik der SIX Trade Repository AG offene Aktien-Derivate von CHF 27’564’474’905’540’000 – also CHF 27 Millionen Milliarden – aus.

Diese astronomische Zahl erschreckt. Sie ist 39’000 mal grösser als das schweizerische Bruttoinlandprodukt und damit existenzbedrohend für die Schweiz insgesamt.

Die zwei neuesten Finanzdebakel lassen die Vermutung aufkommen, bei den erwähnten grossen SIX-Zahlen handle es sich um Archegos-ähnliche Geschäfte.

Der Archegos-Skandal

Die CS-Aktie hat in der Woche vor Ostern 18% verloren. Gerüchten zufolge hat die Bank mit synthetischen (das heisst verdeckten) Aktienfinanzierungen zugunsten des Hedgefonds Archegos USD 3 bis 4 Milliarden in den Sand gesetzt. Bill Hwang, Inhaber des Hedgefonds, soll 2012 wegen Finanzbetrugs verurteilt worden sein, nachdem er in einen Insiderskandal um chinesische Bankaktien involviert war. Gleichwohl haben globale Banken – inklusive die CS – mit ihm wieder Milliardengeschäfte abgeschlossen, als ob nichts geschehen wäre.

Das Zauberwort beim Archegos-Skandal heisst „Total Return Swaps“ . Diese werden für einen Kunden massgeschneidert und ausserhalb der Börse gehandelt. Solche Geschäfte fliegen unter dem behördlichen Radar. Mit diesem Produkt kann ein Hedgefonds wirtschaftlich z.B. 30% an einer börsenkotierten Firma erwerben und die Aufsichtsbehörden merken es nicht. Der Trick dieser Geschäfte mit Aktienderivaten ermöglicht riesige Spekulations-Wetten, ohne dass die Aktien effektiv gekauft und rapportiert werden: dies obwohl es sich um börsenkotierte Titel handelt.

Neben CS boten auch Nomura, Goldman Sachs, Deutsche Bank und Morgan Stanley dem Hedgefonds Archegos Gelegenheit zu riesigen Spekulationen mit Aktien. Es ist unverständlich, dass solche globale Banken mit dem gleichen Hedgefonds in grossen Volumen Aktienderivate abschliessen, ohne sich abzusprechen. Als die US-Aktien Viacom CBS und Discovery unter Druck gerieten, wurden die kreditgebenden Banken nervös, da sie alle über die gleichen Sicherheiten verfügten. Die gewieften Goldman Sachs und Morgan Stanley verkauften die fraglichen Aktien in einem sofortigen „Feuerverkauf“. CS und Nomura blieben auf den Positionen sitzen. Die biedere schweizerische Grossbank wurde Opfer im New Yorker Haifischbecken.

Archegos ist ein Beispiel eines verantwortungslosen Finanzkasinos, das keinerlei Bezug zur realen Welt hat. Öffentlichkeit, Politik, Medien und kleinere Banken erfahren von verdeckten und irrwitzigen Total Return Swaps erst nach dem Knall.

Der Greensill-Skandal

Der Fall Greensill hat gezeigt, die raffiniertesten technologischen Überwachungssysteme nützen nichts, wenn die Konzernleitung nicht weiss, welche Geschäfte im Konzern betrieben werden. Der australische Financier Lex Greensill, Inhaber einer Bank in Deutschland, hatte bei der CS bedeutende Vermögenswerte, zugleich war er Kreditkunde und Urheber eines Anlagefonds, den die CS besonders vermögenden Kunden ins Depot legte. Sein Anlagefonds bündelte von Lieferanten aufgekaufte Forderungen zu einem Paket. Alles schien abgesichert durch eine japanische Versicherungsgesellschaft. Aufgrund mangelhafter Kommunikation und Koordination zwischen Australien, Tokyo, London und Zürich erwies sich diese Annahme als falsch. Dies und Finanz-Alchemie führten auch im Fall Greensill zum Desaster.

Archegos und Greensill sind nur die Spitze des Eisbergs

Es geht nicht primär um Greensill oder Archegos. Es geht um ein überzüchtetes Finanzsystem auf Niveau Hochfinanz, das aus der Vergangenheit nichts lernt, sei dies bei den Boni, den Hochrisiko-Geschäften, beim Hochfrequenzhandel oder Geschäften mit Algorithmen. Von diesen profitieren Hedgefonds – und die mitverdienenden Finanzinstitute. Nicht nur Kleinkunden und Kleinbanken verlieren, sondern auch Leute, die meinen sie seien reich. Die Frage ist wie lange noch.

Politiker in Bundesbern sind nicht in der Lage, den Auswüchsen des Finanzkapitalismus Paroli zu bieten. Sie werden mit Unmengen an Informationen zugedeckt, ihr Kopf ist nicht frei, sie können vor lauter Details das grosse Thema Finanzialisierung nicht anpacken. 

Aufspaltung der Grossbanken – eine Notwendigkeit

Ein Kernproblem der Grossbanken liegt darin, dass sie gleichzeitig Spargelder der Bevölkerung entgegennehmen und mit intransparenten synthetischen Derivattransaktionen Geschäfte betreiben, die in eine andere Risikoschublade gehören. Intransparente synthetische Derivate für Hedgefonds sollten für Banken, die Spargelder entgegennehmen, tabu sein. Die Aufspaltung der Grossbanken in Sparerbank und Spekulationsbank ist dringend nötig.

Die heutige typisch schweizerische Selbstregulierung für den Mindestschutz von Sparern ist im wirklichen Katastrophenfall nicht ausreichend. Die Selbstregulierung besorgt der private Verein namens esisuisse der wiederum den Banken gehört. Dies kann nicht die Lösung für die Zukunft sein.

Weiterdenken

Eine Gruppe um Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich, nutzt die Chance der schweizerischen Volksinitiative und will eine Mikrosteuer auf dem Zahlungsverkehr einführen. Transparente Information tut not, denn nur informierte Menschen können in einer Demokratie richtig entscheiden. Das Wissen über Transaktionen im Finanzbereich ist an einem kleinen Ort. Es kann nicht sein, dass die Bevölkerung über die in der Hochfinanz ablaufenden Transaktionen nichts erfährt, ausser bei den sich wiederholenden Skandalen der systemrelevanten Grossbanken.

Jacob Zgraggen ist Mitglied des Initiativkomitees Mikrosteuer (www.mikrosteuer.ch)

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Danke für die weitere Aufklärung im Zusammenhang zur Volksinitiative um die einzuführende Mikrosteuer im Zahlungsverkehr. Es darf einfach nicht sein, dass die üblen Machenschaften der Grossbank-Finanzspekulationen, wohl bis zum Jüngsten Tag, einfach weiterbetrieben werden können! Erwachen ist auch in dieser Beziehung dringendst gefordert.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren